DEGAM 2019
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Zukunftsfähige Versorgungskonzepte

Moderatoren: Sturm , Heidrun , PhD/MD (UK-Tübingen, Institut für Allgemeinmedizin und Interprofessionelle Versorgung, Tübingen, Deutschland)
 
Shortcut: P04
Datum: Freitag, 13. September 2019, 15:30
Raum: INZ Magistrale
Sessiontyp: Poster

Abstract

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15:30 P04-01

Hausärztliche Palliativversorgung älterer Patienten – Eine Analyse klinischer Praxisdaten (#35)

F. Tetzlaff1, S. Falter1, N. Schneider1, G. Müller-Mundt1

1 Medizinische Hochschule Hannover, Allgemeinmedizin, Hannover, Niedersachsen, Deutschland

Hintergrund

Im Zuge der demographischen Entwicklung nimmt der Anteil von Patienten mit lebenslimitierenden Erkrankungen, die einer palliativen Begleitung bedürfen, in der hausärztlichen Praxis zu.

Fragestellung

Wie gestaltet sich die hausärztliche Versorgungspraxis und Versorgungssituation älterer Patienten in der letzten Lebensphase?

Methoden

Im Rahmen der Explorationsphase des BMBF-Projekts „Proaktive Palliativversorgung älterer Patienten in der letzten Lebensphase“ (01GY1710) wurden anonymisierte klinische Daten der in den Quartalen 4/2017 und 1/2018 verstorbenen älteren Patienten (Alter 70+) aus der Praxisdokumentation der Hausarztpraxen erhoben. Die Daten wurden deskriptiv uni- und bivariat ausgewertet.

Ergebnisse

Es konnten die Daten von 104 verstorbenen Patienten aus 11 Hausarztpraxen ausgewertet werden. Bei vier Fünftel der Patienten standen Herzkreislauf- oder maligne Erkrankungen im Vordergrund. Jeweils etwa die Hälfte der Patienten lebte in der eigenen Häuslichkeit bzw. in einem Pflegeheim. Für weniger als 50% der Patienten waren Versorgungswünsche dokumentiert. Eine palliative Begleitung im Sinne von Leistungen der allgemeinen (AAPV) oder speziellen Palliativversorgung (SAPV) fand bei rund einem Viertel der verstorbenen Patienten statt und wurde meist wenige Wochen vor den Tod eingeleitet (Median = 35 Tage). Dabei handelte es sich mit 42% (AAPV) bzw. 85% (SAPV) um Patienten mit malignen Erkrankungen. Der Anteil der Krankenhauseinweisungen in der letzten Lebensphase war bei den in der Häuslichkeit lebenden Patienten am höchsten (74% vs. 48% der Pflegeheimbewohner). Rund ein Drittel der Patienten verstarb im Krankenhaus (50% vs. 14% der Pflegeheimbewohner).

Diskussion

Gespräche zur vorschauenden Behandlungsplanung finden bei der Hälfte der Patienten statt. Eine palliative Versorgung wird unabhängig von der Erkrankung zumeist in späten Krankheitsphasen initiiert, wobei SAPV im Unterschied zur AAPV primär bei Patienten mit malignen Erkrankungen eingeleitet wird. Eine frühe Integration eines palliativen Ansatzes scheint in der hausärztlichen Versorgung keine etablierte Praxis zu sein.

Take Home Message für die Praxis

Ein proaktives Vorgehen im Übergang von kurativer zur palliativen Versorgung sollte in der hausärztlichen Praxis angestrebt werden.

Stichwörter: Hausärztliche Palliativversorgung, Identifikation von Palliativpatienten, Proaktive Palliativversorgung
15:40 P04-02

Einflussfaktoren für den Umfang hausärztlicher Palliativversorgung – Ergebnisse einer bundesweiten Befragungsstudie (#151)

A. Freytag1, M. Krause1, T. Lehmann2, M. - L. Völker1, M. Kaufmann1, B. Ditscheid1, S. Schulz1, W. Schneider4, W. Meißner3, K. Stichling1

1 Universitätsklinikum Jena, Institut für Allgemeinmedizin, Jena, Deutschland
2 Universitätsklinikum Jena , Zentrum für Klinische Studien, Jena, Deutschland
3 Universitätsklinikum Jena, Klinik für Innere Medizin II, Abteilung Palliativmedizin, Jena, Deutschland
4 Universität Augsburg, Zentrum für Interdisziplinäre Gesundheitsforschung (ZIG), Augsburg, Deutschland

& SAVOIR-Studiengruppe

Hintergrund

Die palliative Versorgung von Menschen in ihrer letzten Lebensphase wird maßgeblich von Hausärzten getragen. Das Ausmaß, in dem sich einzelne HausärztInnen daran beteiligen, variiert.

Fragestellung

Welche Arzt-, Praxis- und Kontext-bezogenen Faktoren beeinflussen (neben Versorgungsbedarf und Wünschen der Patienten und Angehörigen) den Umfang der durch HausärztInnen übernommenen palliativmedizinischen Versorgungsaufgaben?

Methoden

Im Frühjahr 2018 wurden 6000 zufällig ausgewählte HausärztInnen aus acht KVen schriftlich befragt, wie häufig sie Verantwortung für palliative Maßnahmen (n=32) aus den Bereichen Assessment und Versorgungsplanung, Symptomlinderung, Interventionen, Koordination sowie Verfügbarkeit für ihre Patienten in der Häuslichkeit übernehmen. Über die Ausprägungen einer 4-stufigen Likert-Skala (‚nie‘ bis ‚immer‘) wurde ein Summenindex gebildet. In univariaten und multiplen Analysen wurde untersucht, welche Faktoren dessen Streuung erklären.

Ergebnisse

Der Rücklauf betrug 1144 Antworten (19,1%). Die hausärztliche palliativversorgende Aktivität erweist sich im multiplen Regressionsmodell als statistisch signifikant höher bei längerer hausärztlicher Tätigkeitsdauer, wenn die Auffassung besteht, Palliativversorgung sei ein zentraler Bestandteil der hausärztlichen Tätigkeit, je höher die selbst empfundene palliativversorgende Kompetenz wie auch formale Qualifikation ist, je besser die umgebende palliative Infrastruktur (ohne SAPV) und je schlechter die Verfügbarkeit bzw. Qualität des versorgenden SAPV-Teams eingeschätzt wird. Ausschließlich univariat signifikant höher war die palliativversorgende Aktivität bei Männern, Älteren, Praxis-Inhabern, mehr Arbeitsstunden pro Woche, in Kleinstädten/Landgemeinden, wenn die Praxis kein MVZ war, je besser Palliativversorgung abrechenbar ist.

Diskussion

Bereits aus der Literatur bekannte Einflussfaktoren auf die hausärztliche palliativversorgende Aktivität konnten bestätigt werden, neu ist der empirische Beleg für die Wirkung der umgebenden palliativen Infrastruktur. Die Interpretation der Ergebnisse sollte auch vor dem Hintergrund der hausärztlichen Unterversorgung ländlicher Gebiete diskutiert werden. Die Überrepräsentation von HausärztInnen mit der Zusatzbezeichnung Palliativmedizin (16% der Teilnehmer) dürfte die Ergebnisse aufgrund der expliziten Berücksichtigung der formalen Qualifikation als Einflussfaktor nicht verzerren.

Take Home Message für die Praxis

Einige der identifizierten Einflussfaktoren bilden potenzielle Ansatzpunkte für eine Erhöhung der Bereitschaft von HausärztInnen, (stärker) palliativmedizinisch tätig zu werden.

Stichwörter: Versorgung am Lebensende, Palliativversorgung, Befragung, Hausärzte, SAPV
15:50 P04-03

Rezeptfreie Medikamente – Nutzung, Einstellungen und Zuschreibungen durch hausärztliche Patienten (#23)

P. Jacobi1, J. Wangler1, M. Jansky1

1 Universitätsmedizin Mainz, Abteilung Allgemeinmedizin, Zentrum für Allgemeinmedizin und Geriatrie, Mainz, Deutschland

Hintergrund

Rezeptfreie Medikamente haben erhebliche Bedeutung erlangt. Sie versprechen die Möglichkeit, Beschwerden erst einmal ohne Arzt zu lindern. Geht es um Erkältung, Halsschmerzen, Obstipation oder Sodbrennen, sind OTC-Präparate bei Patienten beliebt. Immer wieder wird jedoch moniert, dass sie oftmals nicht nur relativ leichtfertig eingenommen werden, sondern auch falsche Vorstellungen von möglichen (Neben)Wirkungen vorliegen.

Fragestellung

Im Rahmen des vorzustellenden Dissertationsprojekts soll u.a. eruiert werden, wie häufig und zu welchen Anlässen hausärztliche Patienten rezeptfreie Arzneimittel kaufen bzw. einnehmen, welche Eigenschaften ihnen zugeschrieben werden und inwiefern Unterschiede zwischen frei käuflichen und apothekenpflichtigen OTC-Präparaten wahrgenommen werden. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf dem Informationsverhalten sowie auf der Frage, inwiefern Patienten vor der Verwendung rezeptfreier Medikamente den Arzt konsultieren.

Methoden

Zwischen April 2017 und Januar 2018 wurden 246 Patienten in 20 allgemeinmedizinischen Praxen in Rheinland-Pfalz und im Saarland schriftlich befragt.

Ergebnisse

Die Ergebnisse widerspiegeln die Beliebtheit rezeptfreier Medikamente bei Patienten. Angewendet werden diese v.a. bei Erkältungen (83%), Insektenstichen/Sonnenbrand (68%) und (Kopf)Schmerzen (65%). Weiter zeigen sich deutliche Hinweise darauf, dass aus Patientensicht der Nutzen von OTC-Präparaten darin besteht, dass sie leicht anwendbar (60%) bzw. verträglich sind (43%) und „einem den Weg zum Arzt ersparen“ (62%). Damit einhergeht, dass vor dem Kauf rezeptfreier Medikamente ein beträchtlicher Teil der Befragten (39%) grundsätzlich keine ärztliche Beratung in Anspruch nimmt und dies auch nicht für notwendig hält. Unerwünschte Nebenwirkungen fürchtet nur ein kleiner Teil der Befragten.

Diskussion

In den Befragungsresultaten zeigen sich Hinweise, dass Selbstmedikation mittels rezeptfreier Medikamente auch unter hausärztlichen Patienten aller Altersgruppen inzwischen verbreitet ist. Vor diesem Hintergrund sollte verstärkt darauf geachtet werden, die Nutzung von OTC-Präparaten im Arzt-Patient-Gespräch zu thematisieren und die Patienten für mögliche Risiken zu sensibilisieren.

Take Home Message für die Praxis

Die empirisch fundierte Kenntnis über Patienteneinstellungen und Zuschreibungen in Bezug auf OTC-Präparate ist für Hausärzte relevant. Auf dieser Basis können Missverständnisse und Falschbewertungen frühzeitig ausgeräumt und damit einer zu leichtfertigen oder gar falschen Anwendung vorgebeugt werden.

Stichwörter: Rezeptfreie Medikamente, Selbstmedikation, OTC-Präparate, Wartezimmerbefragung
16:00 P04-04

Performance-Indikatoren in alternativen Versicherungsmodellen: Ein innovativer Ansatz zur Qualitätsförderung in der Grundversorgung (#157)

E. Blozik1, 3, 4, C. Huber1, 4, M. Bernzen2, N. Thüring2

1 Helsana, Gesundheitswissenschaften, Zürich, Schweiz
2 Helsana, Leistungseinkauf, Zürich, Schweiz
3 Universität, Freiburg i.Br., Freiburg, Deutschland
4 Universität, Zürich, Zürich, Schweiz

Hintergrund

Der Schweiz wird regelmässig ein erstklassiges Gesundheitswesen attestiert. Insbesondere der Zugang sei erstklassig.

Fragestellung

Wie lassen sich evidenzbasierte Qualitätsindikatoren (QI) zur allgemeinen Beurteilung der Versorgungsqualität mit Hilfe von Krankenversicherungsdaten erstellen und implementieren?

Methoden

Im Rahmen der Swiss Quality Indicator for Primary Care (SQIPRICA) Arbeitsgruppe wurden 24 evidenzbasierte Qualitätsindikatoren entwickelt, die auf den schweizweit verfügbaren Abrechnungsdaten der obligatorischen Krankenpflegeversicherung (OKP) angewendet werden können. Dabei wurden DEGAM- Leitlinien und QISA-Qualitätsindikatoren als Basis genommen und auf die Schweizer Verhältnisse angepasst.

Ergebnisse

Die vorgeschlagenen Indikatoren decken zum einen Effizienzgesichtspunkte ab (Fokus Kosten) und adressieren zum anderen Qualitäts-Themen wie die Arzneimittelsicherheit und die adäquate Versorgung bestimmter Patientengruppen wie ältere Personen oder Patienten mit chronischen Erkrankungen.

Diskussion

Fünf der 24 Indikatoren sind bereits seit 2018 in vergütungsbezogenen Verträgen zwischen der Helsana Krankenversicherung und Ärztenetzen umgesetzt, die Vorbereitungen für den zukünftigen Einsatz von zwei zusätzlichen Indikatoren sind im Gange. Ziel ist, Qualität zu messen, das Qualitätsniveau in den gemessenen Dimensionen greifbar zu machen sowie Qualitätsunterschiede aufzuzeigen. Die Informationen sollen schlussendlich dazu dienen, die Versorgungsqualität der Versicherten zu verbessern, indem Transparenz bei bestimmten Handlungsfeldern geschaffen wird.

Take Home Message für die Praxis

Evidenzbasierte Qualitätsindikatoren stellen die Grundlage dar für aktuelle Qualitätsbemühungen von Ärztenetzen und einer Krankenversicherung in der Schweiz.

Stichwörter: Qualität, Grundversorgung, Schweiz, Routinedaten, Indikatoren
16:10 P04-05

Frühe palliativmedizinische Zusatzversorgung bei symptomatischer Herzinsuffizienz, EPCHF-Studie (#158)

M. Bleckwenn1, K. Klidis1, E. Münster1, B. Weltermann1, C. Coch2, A. Viktor3, M. Hesse4, L. Radbruch4, G. Nickenig5, M. U. Becher5

1 Medizinische Fakultät der Universität Bonn, Institut für Hausarztmedizin , Bonn, Nordrhein-Westfalen, Deutschland
2 Universitätsklinikum Bonn, Studienzentrale, Bonn, Nordrhein-Westfalen, Deutschland
3 Verbundkrankenhaus Linz-Remagen, Innere, Linz am Rhein , Rheinland-Pfalz, Deutschland
4 Universitätsklinikum Bonn, Klinik für Palliativmedizin, Bonn, Nordrhein-Westfalen, Deutschland
5 Universitätsklinikum, Medizinische Klinik u. Poliklinik II, Bonn, Nordrhein-Westfalen, Deutschland

Hintergrund

Internationale Studien haben gezeigt, dass eine frühzeitige palliativmedizinische Versorgung von Herzinsuffizienzpatienten die Lebensqualität steigern kann. Für eine bestmögliche Therapie der ca. 2 Millionen Patienten mit einer symptomatischen Herzinsuffizienz in Deutschland ist es daher sinnvoll, dass Behandlungsnetzwerke von Hausärzten, Kardiologen und Palliativmediziner geschaffen werden. In der BMBF-geförderte EPCHF-Studie (Early Palliative Care in Heart Failure trial) werden Hausärzte aus der Region Bonn ihren Patienten eine frühe palliativmedizinische Zusatzversorgung in einem solchen, im Aufbau befindlichen Behandlungsnetzwerk, anbieten.

Fragestellung

In welchem Umfang verbessert eine frühzeitige, zusätzliche palliative Therapie die Lebensqualität von Herzinsuffizienzpatienten?

Methoden

In einer prospektiven, randomisierten-kontrollierten Multicenterstudie erhalten 100 Patienten über 12 Monate eine multidisziplinäre palliativmedizinische Intervention. Diese umfasst monatliche Beratungen durch ein palliativmedizinisches Konsiliarteam, bestehend aus einem Palliativmediziner und einem Sozialarbeiter. Dabei werden belastende körperliche Symptome wie Schmerzen und Luftnot, sowie psychosozialen und spirituellen Probleme erhoben. Passend zu den Befunden wird ein palliativmedizinisches Behandlungskonzept erstellt und mit dem Patienten erörtert. Alle Studienteilnehmer werden zusätzlich zur bisherigen ambulanten Therapie in einer Herzinsuffizienz-Ambulanz behandelt. Der primäre Endpunkt ist die gesundheitsbezogene Lebensqualität, gemessen mit dem Kansas City Cardiomyopathy Questionnaire (KCCQ), und ein funktionelles Assessment, erhoben mit der Palliativ Care Subscale des Functional Assessment of Chronic Illness Therapy (FACIT-PAL).

Ergebnisse

Die bisherigen Leitlinien und Standards in der Palliativmedizin wurden für die Behandlung von Patienten mit Tumorerkrankungen erstellt. Die darin enthaltenen Behandlungsgrundsätze sollen in diesem Projekt für die Palliativversorgung von Patienten mit Herzinsuffizienz weiterentwickelt werden. Daher werden im ersten Schritt Standardisierte Operationsprozeduren (SOPs) für eine symptomatische Herzinsuffizienz entwickelt.

Diskussion

Bisher gibt es international wenige RCT-Studien zur frühen palliativmedizinischen Zusatzversorgung von Patienten mit Herzinsuffizienz. Die Besonderheit der EPCHF-Studie ist die Einbeziehung von Hausärzten in das Behandlungsregime. Neben der Hauptfragestellung wird die EPCHF-Studie unterschiedlichen Bedarfe von Herzinsuffizienzpatienten sowie Chancen und Barrieren eines Behandlungsnetzwerkes aufzeigen.

Take Home Message für die Praxis

Die EPCHF-Studie ist ein Beispiel für eine mögliche zukünftige interdisziplinäre Versorgungsform von Patienten mit einer symptomatischen Herzinsuffizienz.

Stichwörter: Herzinsuffizienz, frühe palliativmedizinische Therapie, hausärztliche Versorgung, Behandlungsnetzwerk
16:20 P04-06

Diabetesbezogenene Belastungen bei Erwachsenen mit Diabetes in Deutschland:  Ergebnisse der bundesweiten Studie „Krankheitswissen und Informationsbedarfe –Diabetes mellitus 2017“ (#204)

Y. Du1, J. Baumert1, R. Paprott1, J. Nübel1, N. Hermanns2, C. Heidemann1, C. Scheidt-Nave1

1 Robert Koch-Institut, Epidemiologie und Gesundheitsmonitoring, Berlin, Deutschland
2 Forschungsinstitut Diabetes-Akademie Bad Mergentheim , Bad Mergentheim, Baden-Württemberg, Deutschland

Hintergrund

Diabetesbezogene Belastungen (DbB) beziehen sich auf emotionale Sorgen im Zusammenhang mit Selbstmanagement, Behandlung und Verlauf der Erkrankung.

Fragestellung

Wie häufig kommen DbB bei Erwachsenen mit Diabetes in Deutschland vor, und welche Untergruppen sind besonders betroffen?

Methoden

Die vorliegende Studie basiert auf einem bundesweiten Telefonsurvey im Jahr 2017 bei Erwachsenen ab 18 Jahren in Deutschland und schloss 1396 Personen mit diagnostiziertem Diabetes ein. DbB wurden anhand einer validierten Kurzform des PAID-Instruments mit 5 Items erhoben. Der hieraus gebildete Summenscore umfasst eine Skala von 0 bis 20. Ein Wert ≥ 8 signalisiert hohe Belastung. Zusammenhänge zwischen DbB und soziodemografischen sowie klinischen Charakteristika wurden in logistischen Regressionsmodellen analysiert.

Ergebnisse

Die Studienpopulation (49,9% Frauen, 11,5% Migrationshintergrund, 7,5% Typ-1-Diabetes) war im Durchschnitt 65,3 Jahre alt. Die durchschnittliche Diabetesdauer betrug 14,7 Jahre. Die Prävalenz von Personen mit DbB betrug 15,1% (Männer: 14,7%, Frauen: 15,4%). Im multivariablen Modell waren DbB signifikant mit jüngerem Lebensalter (Odds Ratio; 95% KI: 0,96; 0,93-0,98 pro Jahr), Migrationshintergrund (2,24; 1,11-4,50), Insulinanwendung (2,50; 1,43-4,37) und dem Vorliegen von diabetesspezifischen-Komplikationen (1,80; 1,09-2,96) oder depressiven Symptomen (5,53; 3,31-9,25) assoziiert. Der Anteil von Personen mit DbB unter Personen mit depressiver Symptomatik (18,5% der Studienpopulation) betrug 38%. Kein signifikanter Zusammenhang bestand zu Geschlecht, Diabetesdauer, Diabetestyp, Teilnahme an Diabetesschulungen, allein leben, Bildung, Adipositas, Wohnregion. Signifikante Interaktionen mit Geschlecht bestanden bei Personen mit Migrationshintergrund (Männer 4,17; 1,65-10,6, Frauen 0,99; 0,35-2,81).

Diskussion

DbB bei Erwachsenen mit Diabetes war in dieser epidemiologischen Studie relativ häufig, wenn auch weniger häufig als zuvor in klinischen Studien beschrieben. Insbesondere jüngere Menschen mit Diabetes und Männer mit Migrationshintergrund waren erheblich betroffen. Depressivität und DbB sind korreliert, was im Hinblick auf beobachtete Zusammenhänge zwischen Depressivität und Versorgungsqualität relevant sind.

Take Home Message für die Praxis

DbB sollte in der Versorgung von Menschen mit Diabetes mellitus bedacht werden und erfordert innovative und interprofessionelle Versorgungsangebote.

Stichwörter: Diabetesbezogenene Belastungen, Depressivität, Gesundheitssurveys, Public Health, Hausärztliche Versorgung
16:30 P04-07

Versorgungskontinuität sichern: patientenorientiertes Einweisungs- und Entlassmanagement in Hausarztpraxen und Krankenhäusern (VESPEERA) (#256)

J. Forstner1, C. Straßner1, F. Peters-Klimm1, T. Freund1, M. Wensing1, N. El-Kurd2, S. Kümmel3, R. Rück4, B. Handlos5, J. Szecsenyi1

1 Universitätsklinikum Heidelberg, Abteilung Allgemeinmedizin und Versorgungsforschung, Heidelberg, Baden-Württemberg, Deutschland
2 AOK Baden-Württemberg, Stuttgart, Baden-Württemberg, Deutschland
3 aQua-Institut GmbH, Göttingen, Niedersachsen, Deutschland
4 Hausärztliche Vertragsgemeinschaft (HÄVG AG), Stuttgart, Baden-Württemberg, Deutschland
5 Gesundheitstreffpunkt Mannheim e.V., Mannheim, Baden-Württemberg, Deutschland

Hintergrund

Krankenhauseinweisungen und -entlassungen haben oftmals negative Auswirkungen auf die Versorgungskontinuität. Durch unzureichende oder verspätete Kommunikation kommt es zu Informationsverlusten, Ergebnis ist häufig eine mangelnde Koordination der Vor- und Nachsorge. Ein strukturiertes Einweisungs- und Entlassmanagement kann dazu beitragen, die Qualität der Patientenversorgung zu verbessern und die Anzahl vermeidbarer Hospitalisierungen zu reduzieren.

Fragestellung

Ziel des Projekts VESPEERA ist die Entwicklung, Implementierung und Evaluation von intersektoralen Versorgungspfaden, die Hausarztpraxen und Krankenhäuser miteinander vernetzen.

Methoden

Basierend auf einer ausgiebigen Literaturrecherche wurden die Kernelemente der Intervention definiert. In Workshops wurden diese in einem iterativen Prozess und unter Einbindung relevanter Akteure (Hausärzte, Klinikärzte, Klinikadministration, Patienten) ausgestaltet.

Ergebnisse

VESPEERA beinhaltet die folgenden Elemente, die in der Hausarztpraxis softwaregestützt („CareCockpit“) überwiegend von der VERAH durchgeführt werden: ein Assessment zur Erstellung eines Einweisungsbriefs vor geplanten Einweisungen, eine Einweisungsbroschüre für Patienten zur Vorbereitung auf den Krankenhausaufenthalt, eine strukturierte Behandlungsplanung der weiteren Versorgung nach Entlassung sowie ein dreimonatiges Telefonmonitoring für Patienten mit einem erhöhten Risiko für eine Rehospitalisierung. VESPEERA-Elemente im Krankenhaus sind ein telefonisches Entlassgespräch mit der Hausarztpraxis vor Entlassung, Übermittlung des HOSPITAL-Scores (Hinweis auf das Risiko einer Rehospitalisierung), Begleitinformation in patientenfreundlicher Sprache bei Entlassung.

Diskussion

Das Projekt VESPEERA befindet sich derzeit in der Umsetzungsphase, die Evaluation ist noch ausstehend. Die Erfahrungen der Nutzer bei der Anwendung der Intervention werden in einer projektbegleitenden Prozessevaluation erfasst und bei einer Anpassung der Intervention berücksichtigt. Die Entwicklung einer Intervention nach dem Bottom-up Prinzip unter Einbezug verschiedener relevanter Akteure ist sinnvoll um die Akzeptanz und Praktikabilität der Intervention zu erhöhen.

Take Home Message für die Praxis

Maßnahmen zur Verbesserung der sektorenübergreifenden Versorgung sollen sich nicht nur auf Entlassungen konzentrieren, sondern um ein Einweisungsmanagement ergänzt werden. Hierbei können Hausärztinnen und -ärzte sowie Medizinische Fachangestellte durch die Beteiligung an der Entwicklung von Interventionen einen wichtigen Beitrag zur Weiterentwicklung der Versorgung leisten.

Stichwörter: Einweisungsmanagement, Entlassmanagement, Rehospitalisierung, Versorgungskontinuität
16:40 P04-08

Familienkonferenzen bei Frailty zur Erhöhung der Patientensicherheit (COFRAIL). Ergebnisse aus Interventionsentwicklung und Pilotierung (#294)

S. Santos1, J. Abraham4, A. Altiner2, E. Drewelow2, A. Icks6, S. Löscher1, N. Mann3, G. Meyer4, J. Montalbo6, M. Ritzke2, P. Thürmann3, B. Wiese5, S. Wilm1, A. Mortsiefer1

1 Institut für Allgemeinmedizin, Medizinische Fakultät, Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, Düsseldorf, Nordrhein-Westfalen, Deutschland
2 Institut für Allgemeinmedizin, Universitätsmedizin Rostock, Rostock, Deutschland
3 Institut fÜr Klinische Pharmakologie, Universität Witten/Herdecke, Witten, Deutschland
4 Institut für Gesundheits- und Pflegewissenschaft, Universität Halle-Wittenberg, Halle, Deutschland
5 Medizinische Statistik und IT-Infrastruktur, Institut für Allgemeinmedizin, Medizinische Hochschule Hannover, Hannover, Deutschland
6 Institut für Versorgungsforschung und Gesundheitsökonomie, Medizinische Fakultät, Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, Düsseldorf, Deutschland

Hintergrund

In der cluster-randomisierten kontrollierten Interventionsstudie COFRAIL wird untersucht, ob durch den Einsatz von Familienkonferenzen bei ambulanten geriatrischen Patienten mit Frailty und Polypharmazie eine Senkung der Hospitalisierungsrate erreicht werden kann. In einer Familienkonferenz nehmen Hausarzt, Patient und Angehörige eine gemeinsame Priorisierung der medikamentösen und nicht-medikamentösen Behandlung vor. Dieser Beitrag präsentiert Ergebnisse aus der Interventionsentwicklung und der Pilotierung. 

Fragestellung

Welche Herausforderungen sehen Hausärzte bei der Versorgung geriatrischer Patienten mit Frailty? Welche Unterstützung wünschen sie sich? Sind Familienkonferenzen in der Praxis durchführbar? Welche organisatorischen und inhaltlichen Schwierigkeiten treten auf?

Methoden

In 6 Workshops mit Hausärzten wurden alltägliche Herausforderungen sowie Best Practice-Beispiele zusammengetragen und von einer interprofessionellen Arbeitsgruppe ausgewertet. Anschließend erfolgte die Pilotierung: 4 Hausärzte haben unter beobachtender Begleitung eines Wissenschaftlers 8 Familienkonferenzen durchgeführt. In die Auswertung flossen Beobachtungsprotokolle, Feedback-Gespräche mit Hausärzten sowie evaluierende Telefoninterviews mit Patienten und Angehörigen ein.

Ergebnisse

Als herausfordernd nannten die Hausärzte in den Workshops die Komplexität der medizinischen und psychosozialen Faktoren, Kommunikationseinschränkungen sowie die „Eigenwilligkeit“ vieler Patienten. Unterstützungsbedarf wurde besonders zum Polypharmazie-Management geäußert. In der Pilotierung erwiesen sich die Familienkonferenzen als machbar und erzielten eine hohe Akzeptanz bei allen Beteiligten. Unter Anwendung eines im Projekt entwickelten „Deprescribing-Leitfadens“ wurde bei 7 von 8 Patienten mindestens ein Medikament abgesetzt. Die Hausärzte wünschten sich explizite Formulierungsvorschläge für die Anleitung der Patienten und Angehörigen zur gemeinsamen Priorisierung. Sie betonten die Wichtigkeit der sorgfältigen Vorbereitung der Familienkonferenzen.

Diskussion

Der in den Workshops seitens der Hausärzte geäußerte Unterstützungsbedarf für ein strukturiertes Vorgehen und ein besseres Polypharmazie-Management konnte durch die Familienkonferenzen erfolgreich umgesetzt werden. Die Familienkonferenzen erwiesen sich als machbar und werden für die Hauptstudie durch zusätzliche Elemente der Vor- und Nachbereitung ergänzt.

Take Home Message für die Praxis

In der hausärztlichen Praxis könnten strukturierte Familienkonferenzen ein geeignetes Format sein, um die gemeinsame Entscheidungsfindung mit geriatrischen Patienten und ihren Angehörigen zu verbessern.

Stichwörter: Familienmedizin, Polypharmazie, Deprescribing, Gemeinsame Entscheidungsfindung
16:50 P04-09

Mögliche Motivatoren zur allgemeinmedizinischen Karriere in einem sich wandelnden Gesundheitssystem (#126)

R. Glehr1, U. Spary-Kainz1, S. Thun1, S. Poggenburg1, A. Siebenhofer1, 2

1 Medizinische Universität Graz, Institut für Allgemeinmedizin und evidenzbasierte Versorgungsforschung, Graz, Steiermark, Österreich
2 Goethe-Universität Frankfurt am Main, Institut für Allgemeinmedizin, Frankfurt am Main, Deutschland

Hintergrund

Bei der Befragung „Why GP“ zur Motivation Studierender, AllgemeinmedizinerInnen zu werden, erwiesen sich frühe positive Erfahrungen in der Allgemeinmedizin sowie die Implementierung von organisatorischen und betriebswirtschaftlichen Themen im Studium als besonders wichtig.[i]

Durch die Stärkung der Primärversorgung in der österreichische Gesundheitsreform 2014 und die Änderung des Ärztegesetzes 2019 entsteht insbesondere für AllgemeinmedizinerInnen eine Vielfalt etablierter und neuer Arbeitsstrukturen und Zusammenarbeitsformen.


[i] Poggenburg S., Siebenhofer A. et al 2016

Fragestellung

Wie können Studierende frühzeitig mit Maßnahmen zur Attraktivierung der Allgemeinmedizin in Kontakt kommen?

Methoden

Im Rahmen von ExpertInnenrunden mit LehrärztInnen des IAMEV wurden Konzepte zur Implementierung entsprechender Lehrinhalte in verschiedenen Modulen allgemeinmedizinischer Lehre entwickelt. Durch laufende Evaluierung mit entsprechender Weiterentwicklung ergibt sich nun ein longitudinales Lehrkonzept.

Ergebnisse

Nach Erstkontakt im 1. Studienjahr lernen Studierende im 3. Studienjahr bei einer Rotationsvorlesung mit vier Unterrichtseinheiten (UE) durch fünf praktizierende HausärztInnen verschiedene Arbeits- und Praxisformen kennen. Gleichzeitig erfolgt eine Lehrveranstaltung mit 4UE über Primärversorgung und Stellung der Allgemein- und Hausarztmedizin im Gesundheitssystem. Im 5. Studienjahr werden in einem Seminar mit 12 UE Wege zur beruflichen Zukunftsgestaltung diskutiert. Ergänzungen finden sich im allgemeinmedizinischen Wahlpflichtfach mit einer Tagesexkursion in eine Primärversorgungseinheit als Beispiel neuer Versorgungsformen und einem Begleitseminar über deren Vielfalt. Im klinisch-praktischen-Jahr erfolgt abschließend ein vierwöchiges Pflichtpraktikum in einer universitären Lehrordination mit Möglichkeit einer als Wahlpflichtfach anrechenbaren Verlängerung.

Diskussion

Die Darstellung der geänderten Rahmenbedingungen der Berufsausübung, die gestiegene Bedeutung der  Primärversorgung, die Organisationsvielfalt, die neue Möglichkeit der Anstellung von AllgemeinmedizinerInnen im niedergelassenen Bereich, die Entlastung durch Multiprofessionalität, der Hinweis auf Gruppenpraxen, Netzwerkbildung, Jobsharing-Modelle, Übergabelösungen und ähnlichem sollen bei  Studierenden positive Assoziationen zur Allgemeinmedizin wecken.

Take Home Message für die Praxis

Eine frühe und positive Präsentation der Vielzahl an Möglichkeiten zur Berufsausübung soll Studierenden dazu motivieren, eine allgemeinmedizinische Karriere anzustreben.

Stichwörter: Allgemeinmedizinische Lehre, Primärversorgung, Maßnahmen zur Attraktivierung der Allgemeinmedizin