DEGAM 2019
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Themen der Versorgung

Moderatoren: Dini , Lorena , Dr. (Deutschland)
 
Shortcut: P08
Datum: Samstag, 14. September 2019, 14:45
Raum: INZ Magistrale
Sessiontyp: Poster

Abstract

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14:45 P08-01

The association of intensive care with utilization and costs of outpatient healthcare services and quality of life: Results from two independent population-based cohorts (#10)

R. P. Kosilek1, S. E. Baumeister2, T. Ittermann3, M. Gründling4, F. M. Brunkhorst6, S. B. Felix5, P. Abel5, S. Friesecke5, C. Apfelbacher7, M. Brandl7, K. Schmidt8, W. Hoffmann3, C. O. Schmidt3, J. - F. Chenot3, H. Völzke3, J. S. Gensichen1

1 LMU München, Institut für Allgemeinmedizin, München, Bavaria, Germany
2 LMU München, Lehrstuhl für Epidemiologie am UNIKA-T Augsburg, Augsburg, Bavaria, Germany
3 Universitätsmedizin Greifswald, Institut für Community Medicine, Greifswald, Mecklenburg-Western Pomerania, Germany
4 Universitätsmedizin Greifswald, Klinik für Anästhesiologie, Greifswald, Mecklenburg-Western Pomerania, Germany
5 Universitätsmedizin Greifswald, Innere Medizin B, Greifswald, Mecklenburg-Western Pomerania, Germany
6 Universitätsklinikum Jena, Klinik für Anästhesiologie und Intensivmedizin , Jena, Thuringia, Germany
7 Universität Regensburg, Institut für Epidemiologie und Präventivmedizin, Regensburg, Bavaria, Germany
8 Charité – Universitätsmedizin Berlin, Institut für Allgemeinmedizin, Berlin, Berlin, Germany

Hintergrund

Recent studies have indicated that intensive care unit (ICU) treatment is associated with long-term physical and neuropsychiatric impairments. Little is known about outpatient health services use following intensive care.

Fragestellung

To examine the association of intensive care with outpatient health services utilization, costs and health-related quality of life in a population-based sample.

Methoden

Cross-sectional analysis of data from a population-based study in northeastern Germany. Data on sociodemographic factors, medical history including ICU treatment and outpatient medical consultations, costs and quality of life (EQ-5D-3L) were obtained from 6,686 participants of the Study of Health in Pomerania (SHIP), which consist of two independent cohorts. Outpatient consultations were examined using prevalence ratios (PR) from Poisson regression. Number and costs of consultations were estimated using negative binomial and generalized linear models, expressed as percent change (PC). The EQ-5D index value was modeled using a fractional response model. Entropy balancing was used to adjust for observed confounding.

Ergebnisse

ICU treatment in the previous year was reported by 139 of 6,686 (2,1%) participants, and was associated with a higher probability (PR 1.05 [CI:1.03;1.07]), number (PC +58.0% [CI:22.8;103.2]) and costs (PC +64.1% [CI:32.0;103.9]) of annual outpatient consultations, as well as with a higher number of medications (PC +37.8% [CI:17.7;61.5]). Participants with ICU treatment were more likely to visit a specialist (PR 1.13 [CI:1.09; 1.16]), specifically internal medicine (PR 1.67 [CI:1.45;1.92]), surgery (PR 2.42 [CI:1.92;3.05]), psychiatry (PR 2.25 [CI:1.30;3.90]), and orthopedics (PR 1.54 [CI:1.11;2.14]). There was no significant effect regarding general practitioner consultations. ICU treatment was also associated with lower health-related quality of life (EQ-5D index value: PC -13.7% [CI:-27.0;-0.3]). Furthermore, quality of life was inversely associated with outpatient consultations in the previous month.

Diskussion

ICU treatment is associated with an increased utilization of outpatient specialist services, higher medication intake, and impaired quality of life.

Take Home Message für die Praxis

Post-ICU follow-up is a multi-disciplinary process.

Stichwörter: Intensivmedizin, Lebensqualität, Kohortenstudie, Versorgungsforschung
14:55 P08-02

Zeitlich begrenzte Nahrungsaufnahme (time-restricted feeding, TRF) als Lebensstilintervention zur Prävention und Therapie lebensstilabhängiger Erkrankungen: Eine Pilotstudie (#94)

D. Kesztyüs1, D. Schönsteiner1, E. Vorwieger1, M. Gulich1, T. Kesztyüs2, 3

1 Universität Ulm, Institut für Allgemeinmedizin, Ulm, Baden-Württemberg, Deutschland
2 Technische Hochschule Ulm, Fakultät Informatik, Ulm, Baden-Württemberg, Deutschland
3 Universität Ulm, Institut für Medizinische Systembiologie, Ulm, Baden-Württemberg, Deutschland

Hintergrund

TRF wurde im Tierversuch ausführlich erforscht. Beim Menschen muss nun untersucht werden, ob diese spezielle Ernährungsform praktikabel ist und zu ähnlich positiven metabolischen Änderungen führt, wie beispielsweise bei Nagern.

Fragestellung

Explorative Pilotstudie zur Untersuchung der Durchführbarkeit, Adhärenz und weiterer methodisch relevanter Fragen von TRF. Interventionseffekte in Form von Pre-Post Differenzen sollen eine Datengrundlage für Fallzahlberechnungen weiterführender Studien liefern.

Methoden

Es wurden 63 Mitarbeiter der Universität und des Klinikums in Ulm rekrutiert. Diese begrenzten ihre Nahrungsaufnahme über einen Zeitraum von drei Monaten auf 8-9 Stunden täglich. TRF erlaubt eine ad libitum Nahrungsaufnahme innerhalb der festgelegten Zeit.

Initial wurden anthropometrische Maße und per Fragebogen Daten des individuellen Lebensstils erfasst, sowie eine Blutuntersuchung durchgeführt. Probanden protokollierten in einem Tagebuch den Zeitraum der Nahrungsaufnahme. Abschließend wurden dieselben Parameter wie zu Beginn erhoben.

Ergebnisse

Teilnehmer waren 47,8±10,5 Jahre alt und zu 81% weiblich. Durchschnittlicher Zeitraum der Nahrungsaufnahme vor Interventionsbeginn war 12,4±1,9 h/d. Übergewichtig waren 32%, adipös 18% und abdominal adipös 57%. Der Gesamtcholesterinwert war bei 67%, der LDL/HDL Quotient  bei 14% erhöht. Nach drei Monaten hatten die Teilnehmer im Durchschnitt 1,3±2,3 kg Gewicht und 1,7±3,2 cm Bauchumfang verloren (p<0.001). Der Gesamtcholesterinwert stieg im Mittel um 0,34±0,51 mmol/l an (p<0,001) an. Keine signifikante Änderung bei HDL, LDL, Triglyceride und dem LDL/HDL Quotienten.

Durchführbarkeit und Adhärenz waren sehr gut, es gab nur zwei Studienabbrecher.

Diskussion

Der leichte Anstieg des Gesamtcholesterins widerspricht bisherigen Untersuchungen. Grund dafür könnte sein, dass keinerlei Vorgaben zur Ernährungsweise gemacht wurden. Bei der Abschlussuntersuchung gaben viele Probanden an, während der Essensphase mehr als üblich gegessen zu haben, aus Angst vor Hunger in der Fastenphase. Diese Überkompensation könnte ebenfalls die nur marginalen anthropometrischen Veränderungen erklären.

TRF hat aufgrund der einfachen Durchführbarkeit großes Potenzial zur Prävention nicht-übertragbarer Krankheiten.

Take Home Message für die Praxis

TRF kann Patienten mit metabolischen Störungen zur Gewichtsreduktion empfohlen werden, aber sie müssen vor einer Überkompensation gewarnt werden.

Stichwörter: Lebensstilintervention, Time restricted feeding TRF, Intervallfasten, Pilotstudie, Prävention nicht-übertragbarer Krankheiten
15:05 P08-03

Beratungsanlässe allgemeinmedizinisch versorgter Patienten in einer universitären Notaufnahme (#96)

T. Schleef1, N. Schneider1, O. Krause1

1 Medizinische Hochschule Hannover, Institut für Allgemeinmedizin, Hannover, Deutschland

Hintergrund

Notaufnahmen haben eine steigende Inanspruchnahme zu verzeichnen, insbesondere durch Patienten, die trotz fehlender klassischer Notfallindikation vorstellig werden. Die Medizinische Hochschule Hannover (MHH) hat zur Versorgung von Patienten mit Beschwerden nachrangiger Behandlungsdringlichkeit angestellte Allgemeinärzte in die Zentrale Notaufnahme (ZNA) integriert. Die Dienstzeiten der Allgemeinärzte sind Montag bis Freitag von 10–18 Uhr, was den Zeiten des höchstens Aufkommens ambulanter Patienten in der MHH-Notaufnahme entspricht.

 

Fragestellung

Welche Beratungsanlässe haben Patienten, die in der universitären Notaufnahme allgemeinmedizinisch versorgt werden?

Methoden

Deskriptive Auswertung der klinischen Routinedaten aus dem Krankenhausinformationssystem der Notaufnahme für das Jahr 2018 sowie eines selbst entwickelten Erhebungsbogens für ergänzende Informationen (z.B. zu Art der Zuweisung, Beratungsanlass, Beschwerdedauer und Verbleib nach ZNA-Besuch).

Ergebnisse

Insgesamt wurden 1683 Patienten (Altersdurchschnitt 47,1 Jahre, Spanne 14–100 Jahre, 53,3% weiblich) durch die Allgemeinmedizin versorgt. In die Untersuchung gingen 1467 Patienten mit 1612 Beratungsanlässen ein. 121 Patienten hatten jeweils zwei und 12 Patienten drei Beratungsanlässe.

Die fünf häufigsten Beratungsanlässe waren Bauchschmerzen (225/14,0%), Rückenschmerzen (160/9,9%), Brustschmerzen (92/5,7%), Schmerzen der unteren Extremitäten (70/4,3%) und Synkopen (64/4,0%). Die 20 häufigsten Beratungsanlässe decken mehr als drei Viertel aller Beratungsanlässe der allgemeinmedizinisch versorgten Patienten ab. Durchschnittlich am ältesten (69,2 Jahre) waren Patienten mit dem Beratungsanlass „Verschlechterung des Allgemeinzustandes“, durchschnittlich am jüngsten (36,2 Jahre) waren Patienten mit „Übelkeit und/oder Erbrechen“.

Diskussion

Zwar weisen auch die allgemeinmedizinisch versorgten ZNA-Patienten ein breites Spektrum an Beratungsanlässen auf, die häufigsten Beratungsanlässe in der ZNA decken sich jedoch nur zum Teil mit der Verteilung der Beratungsanlässe in den Hausarztpraxen: Brustschmerzen und Synkopen finden sich beispielweise im CONTENT-Projekt (Kühlein 2008/Laux 2010) nicht unter den häufigsten Beschwerden, mit denen Patienten beim Hausarzt vorstellig werden.

Take Home Message für die Praxis

Die Beratungsanlässe allgemeinmedizinisch versorgter Patienten in einer universitären Notaufnahme sind vielfältig, unterscheiden sich jedoch von den Beratungsanlässen in Hausarztpraxen. Allgemeinmedizin in diesem Kontext ist keine hausärztliche Versorgung, sondern allgemeinärztliche Medizin in einem spezialisierten Setting.

Stichwörter: Notaufnahme, Beratungsanlässe
15:15 P08-04

ADVANTAGE: die Gemeinsame Aktion gegen Frailty in Europa (#210)

U. Junius-Walker1, B. Wiese1

1 Medizinische Hochschule Hannover, Institut für Allgemeinmedizin, Hannover, Niedersachsen, Deutschland

Hintergrund

Bürger in Europa werden immer älter. Das altersassoziierte Syndrom Frailty (Gebrechlichkeit) findet zunehmend Verbreitung. Es ist ein gesundheitlicher Risikozustand, der im Wesentlichen zu Einschränkungen der Funktions­kapazitäten führt. Menschen mit Frailty sind vorzeitig von Behinderung, Pflegebedürftigkeit, (iatrogenen) Komplikationen und von einer erhöhten Sterblichkeit betroffen.

Fragestellung

23 Mitgliedsstaaten haben sich zu einer Gemeinsamen Europäischen Aktion formiert, um zu einer konsentierten Begriffsbestimmung von Frailty zu gelangen, um Evidenzen zu Bedeutung und den gesundheitlichen Maßnahmen bei Frailty zusammenzutragen und um länderspezifische “Standortbestimmungen” hinsichtlich vorhandener Gesundheitsleistungen bei Frailty vorzunehmen.

Methoden

ADVANTAGE (2017-19) besteht aus drei aufeinander folgenden Projektteilen. Im ersten Jahr wurde der Stand der Literatur zu Frailty zusammengetragen. Im zweiten Jahr wurden Expertenumfragen zu Bewusstsein und Frailty Maßnahmen in den jeweiligen Mitgliedsstaaten durchgeführt. Inhaltsanalysen führten zu einer ländervergleichenden Bewertung. Im laufenden dritten Jahr werden länderspezifische “Roadmaps” zur gesundheitspolitischen Impulsgebung erstellt.

Ergebnisse

Das ADVANTAGE Konsortium ist auf Grundlage systematischer Reviews zu einer einheitlichen Definition gelangt. Prävalenz, Inzidenz und der Einfluss von sozialer Ungleichheit verdeutlichen die hohe Public Health Relevanz für Europa. Die Übersichtsarbeiten zeigen, dass Menschen mit Frailty und Frailty Risiko mithilfe einfacher Tests erkannt werden können und dass präventive,(unter­stüt­zend) therapeutische, pflegerische und soziale Maßnahmen ein Voranschreiten von Frailty verhindern bzw. begrenzen. Die Expertenumfragen in 21 Mitglieds­staaten ergeben, dass Deutschland im Ländervergleich hinsichtlich der Public Health Bedeutung von Frailty und Bereitstellung gesundheitlicher Leistungen im unteren Mittelfeld liegt.

Diskussion

Frailty ist ein multidimensionales Syndrom im Alter, das rechtzeitig präventive Maßnahmen erfordert ebenso wie ein ganzheitliches integratives Therapiekonzept. Das ist eine medizinische und gesamtgesellschaftlich politische Aufgabe.

Take Home Message für die Praxis

In Deutschland besteht noch ein großes Potenzial zur Bereitstellung sowie Koordinierung konkreter Leistungsangebote bei Frailty bzw. Frailty Risiko. Zur Implementierung sind steuernde Impulse auf gesundheitspolitischer Ebene nötig ebenso wie auf Versorgerebene eine Bereitstellung konkreter Leistungen.

Stichwörter: Frailty, Gebrechlichkeit, Fragilität, Gesundheit im Alter
15:25 P08-05

Kooperationen zwischen rheumatologischen und allgemeinmedizinischen Fachärzten bei der Versorgung von Patienten mit Rheumatoider Arthritis aus hausärztlicher Sicht (#238)

K. Mergenthal1, S. Schulz-Rothe1, A. Siebenhofer1, 2, F. M. Gerlach1, T. Rossmanith3, J. J. Petersen1

1 Goethe-Universität Frankfurt am Main, Intitut für Allgemeinmedizin, Frankfurt am Main, Hessen, Deutschland
2 Medizinische Universität Graz, Institut für Allgemeinmedizin und Evidenzbasierte Versorgungsforschung, Graz, Steiermark, Österreich
3 Fraunhofer Institut für Molekularbiologie und angewandte Ökologie, Institutionsteil Translationale Medizin und Pharmakologie, Frankfurt am Main, Deutschland

Hintergrund

Für viele chronisch Erkrankte hängt der Behandlungserfolg von gelungenen Kooperationen ab, so auch bei der Versorgung von Patienten mit Rheumatoider Arthritis. Unklar ist, wie Hausärzte unterschiedliche Merkmale einer wirksamen Kooperation mit Rheumatologen bewerten und wie zufrieden sie mit der Kooperation sind.

Fragestellung

Wie bewerten Hausärzte die Kooperation zwischen allgemeinmedizinischen und rheumatologischen Fachärzten bei der Versorgung von Patienten mit Rheumatoider Arthritis?

Methoden

Diese Querschnitterhebung war in die prospektive Kohortenstudie PANORA integriert. Die Datenerhebung erfolgte zu Studienbeginn (Februar-September 2017) während einer Praxisvisite mithilfe eines adaptierten Fragebogens. Hausärzte bewerteten u.a. verschiedene Aspekte der Kooperation und Kommunikation mit Rheumatologen sowie die Zufriedenheit mit der Zusammenarbeit. Die Analysen erfolgten deskriptiv mit dem Statistikprogramm SPSS (Version 25).

Ergebnisse

An der Befragung nahmen 121 Hausärzte (75% von 161) teil (w=55%, Ø Alter=51,4 Jahre).

Die Kommunikation zu den Rheumatologen empfanden 40% der Hausärzte als zeitnah, 53% beschrieben sie als ausreichend. Einen festen Ansprechpartner bei der Zusammenarbeit hatten nur 27% der Befragten.

Einen schnellen Terminerhalt für Patienten beim Rheumatologen bestätigten lediglich 13% der Befragten. Die Besprechung einer gemeinsamen zukünftigen Versorgung beschrieben 10% der teilnehmenden Hausärzte und 19% fühlen sich durch die Rheumatologen in die Versorgung einbezogen.

Knapp 90% sprachen den Rheumatologen eine hohe Kompetenz zu. Weniger als die Hälfte der Hausärzte (47%) beschrieben die Zusammenarbeit mit den Rheumatologen insgesamt als zufriedenstellend.

Diskussion

Aus hausärztlicher Sicht stellte sich eine zeitnahe und ausführliche Information als verbesserungswürdig dar. Weitere Aspekte, die eine wirksame Kooperation abbilden, wie z.B. die gemeinsame Behandlungsplanung und Absprachen, waren selten vorhanden. Lange Wartezeiten, fehlende Abstimmung und Nichteinbezug in die Therapieplanung stellen Versorgungsprobleme dar. Insgesamt sprachen die Hausärzte den Rheumatologen ein hohes Vertrauen aus, waren jedoch häufig nicht mit der Zusammenarbeit zufrieden.

Take Home Message für die Praxis

Die bestehenden technologischen Möglichkeiten sollten flächendeckend implementiert und genutzt werden, damit ein problemloser Zugang sowie zeitnaher und umfassender Informationsfluss möglich ist.

Stichwörter: Interprofessionelle Zusammenarbeit; Rheumatoide Arthritis;, Kooperation; Versorgungsforschung;
15:35 P08-06

Koordination in der Versorgung von psychisch erkrankten Patienten mit Migrationshintergrund: eine Kasuistik (#267)

F. Kühne1, C. Jung-Sievers1, S. Schlüssel1, C. Schüle2, P. Falkai2, J. Gensichen1

1 Klinikum der Universität München, Institut für Allgemeinmedizin, München, Deutschland
2 Klinikum der Universität München, Klinik und Poliklink für Psychiatrie und Psychotherapie, München, Deutschland

Hintergrund

Immer mehr Menschen mit Migrations- oder Fluchterfahrung leben in Deutschland. Wie diese in unserem System aufgefangen und medizinisch primärversorgt werden, soll untersucht werden. Neue Lebensumstände, Akkulturation und Fluchterfahrung können besondere psychische Belastungsfaktoren darstellen. Zusätzliche somatische (chronische) Komorbidität erhöht die Komplexität der Versorgung und erfordert häufig die Beteiligung verschiedener Akteure im Gesundheitssystem. Als theoretische Grundlage für die Diskussion des Falles wird das Chronic Care Modell (CCM) (nach Wagner et al., 2001; deutsche Adaptation nach Gensichen et al., 2006) gewählt und der Schwerpunkt auf die Koordination in der Versorgung gelegt.

Fragestellung

siehe Titel

Methoden

Kasuistiken dienen dazu, Problemfelder zu erörtern, erste Annäherungen an Themen zu machen, die noch nicht (genügend) beforscht sind und den Patienten/die Patientin bzw. dessen/deren Versorgung in den Mittelpunkt zu rücken.

Für die Fallschilderung wurde ein Patient/eine Patientin nach folgenden Kriterien ausgewählt: Migrationshintergrund, psychische Erkrankung und somatische (chronische) Komorbidität.

Bei der Erstellung der Kasuistik richteten wir uns formell, sowie inhaltlich nach der international anerkannten CARE-Guideline zur Erstellung von Case Reports.

Ergebnisse

Beispielhafte Kasuistik:

Eine Patientin mit Migrationshintergrund (wohnhaft in Flüchtlingsunterkunft) und schwerer depressiver Episode sowie therapierefraktärer Hypertonie und pathologischer Glukosetoleranz wird aus der psychiatrischen Klinik in die hausärztliche Versorgung entlassen.

Diskussion

Anhand des CCM wird erörtert, welche Schwierigkeiten sich für den Primärversorgenden in der Weiterbetreuung dieser Patientin ergeben, und wie die Koordination der verschiedenen Akteure und Versorgungsleistungen im Gesundheitswesen für die beschriebene Patientin verbessert werden kann.

Take Home Message für die Praxis

In der Primärversorgung stellen Patienten mit Migrationshintergrund und psychisch-somatischer Komorbidität besondere koordinatorische Herausforderungen dar. Das CCM kann auch bei weiteren Aspekten der hausärztlichen Betreuung zur Optimierung der Patientenversorgung herangezogen werden.

Stichwörter: Migrantengesundheit, Chronic Care Modell, Kasuistik, Koordination, Depression
15:45 P08-07

Zahngesundheit älterer Menschen mit Pflegebedarf – eine interprofessionelle Aufgabe (#361)

V. Leve1, D. Niesten2, D. Lubisch1, M. Pentzek1, A. Gerritsen2, N. Creugers2, M. Hoffschulte3, T. Heyer3, K. - J. Bakker4, F. Hanneken5, C. Pilgrim3

1 Medizinische Fakultät, Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, Institut für Allgemeinmedizin , Düsseldorf, Nordrhein-Westfalen, Deutschland
2 University Medical Centre St Radboud, medisch centrum Tandheelkunde, Nijmegen, Niederlande
3 Zahnärztekammer Nordrhein, Düsseldorf, Nordrhein-Westfalen, Deutschland
4 Koninklijke Nederlandse Maatschappij tot bevordering der Tandheelkunde Nederlandse Maatschappij (KNMT), Nieuwegein, Niederlande
5 Zahnärztekammer Westfalen-Lippe, Münster, Nordrhein-Westfalen, Deutschland

Hintergrund

Die zahnmedizinische Versorgung von pflegebedürftigen Menschen kann als problematisch bezeichnet werden. Schlechte Mundhygiene hat Auswirkungen nicht nur auf die Allgemeingesundheit, sondern beeinträchtigt auch die Lebensqualität. Das Projekt „Zahnärztliche Versorgung älterer Menschen mit Pflegebedarf“ zielt darauf ab, interdisziplinäre, regionale Versorgungsansätze zur Verbesserung der Versorgungssituation zu entwickeln. Gefördert wird das EUREGIO-Projekt im Programm INTERREG Deutschland Nederland.

Fragestellung

Wie lässt sich die Versorgung pflegebedürftiger Älterer an der Schnittstelle Pflege, Allgemein- und Zahnmedizin verbessern? Wie können Akteure im Austausch Deutschland (D) / Niederlande (NL) voneinander lernen?

Methoden

Zunächst wurden 76 Experten/-innen (Pflege, Zahnmedizin, Allgemeinmedizin, pflegende Angehörige, Patient_innen) zu Bedarfen und Barrieren in einer qualitativen Interviewstudie in D/NL befragt. Aus den Ergebnissen der Befragung wurden erste Handlungsempfehlungen abgeleitet und in partizipativen Verfahren (Zukunftswerkstätten) gemeinsam mit Akteur_innen aus der Region zu konkreten Handlungsansätzen weiterentwickelt.

Ergebnisse

Die Befragung ergab, dass Hausärzt_innen in D und NL sich für den ganzen Menschen verantwortlich sehen, aber bei eintretender Pflegebedürftigkeit selten Zusammenhänge zwischen Zahn- und Allgemeingesundheit ansprechen. Im Priorisierungsprozess wird von Hausärzt_innen, Pflegekräften und pflegenden Angehörigen häufig zu Gunsten anderer Versorgungsfragen auf Maßnahmen der Mundhygiene und zahnmedizinischen Versorgung verzichtet. Zahnmediziner_innen hingegen betonen die positiven Effekte auch kleinerer zahnmedizinischer Maßnahmen (Anpassung von Prothesen, Schmerzreduktion etc.).

Konkrete Empfehlungen der Zukunftswerkstätten sehen die Vermittlung von Informationen (Internetportal), die Entwicklung interprofessioneller Trainings zur Sensibilisierung sowie regionaler Strategien zur Verbesserung der Kooperation (Checklisten, Fallbesprechungen etc.) in der Region vor.

Diskussion

Während Austauschprozesse zwischen Allgemein- und Zahnmedizin sich vor allem auf Medikation, relevante Vor- oder mögliche Folgeerkrankungen beziehen, sind an der Schnittstelle zur Pflege konkrete Handlungsansätze zur Mundhygiene und Initiierung von zahnmedizinischen Untersuchungen gefragt. Interprofessionelle Fallbesprechungen bieten hier Potenzial zur patientenzentrierten Versorgung. Entsprechende Modelle werden bereits in stationären Pflegeeinrichtungen in NL umgesetzt.

Take Home Message für die Praxis

Die Bedeutung der Mundgesundheit ist auch für zahlreiche hausärztliche Versorgungsaspekte von großer Relevanz.

Stichwörter: Internationaler Vergleich, Pflegebedürftigkeit, Zahngesundheit, Kollaboration