DEGAM 2019
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Science Slam

Moderatoren: Brunken , Fenno , (Deutschland)
 
Shortcut: SLM
Datum: Samstag, 14. September 2019, 11:30
Raum: HSZ Medizin Kleiner Hörsaal
Sessiontyp: Science Slam

Abstract

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11:30 SLM-01

Die Kur als Heilmittel und Sehnsuchtsort. Vom hausärztlichen Spagat zwischen Patientenwohl, Patientenwunsch und gesellschaftlichen Ansprüchen (#1)

F. Meyer1

1 Allgemeinarztpraxis Dott. Mag. N. Ceapa, angestellter Allgemeinarzt, Oettingen, Bayern, Deutschland

Hintergrund

Badekuren gelten seit historischen Zeiten als Heilmittel. Während in der Antike Thermalquellen schon therapeutisch genutzt wurden, dienten öffentliche Badestuben im Spätmittelalter eher marginal der Körperpflege und mehr den Ausschweifungen jeglicher Art. Dies förderte die Ausbreitung der „Lustseuchen“ und schädigte obendrein den Ruf des Badewesens. Im 17. Jahrhundert wurde die Balneologie zunehmend gesellschaftsfähig, Kurorte mit Trinkbrunnen, Kolonnaden und Kursälen prosperierten. Ab dem 19. Jahrhundert entwickelte sich die wissenschaftliche Balneologie, zudem propagierten naturheilkundliche Therapeuten wie Kneipp und Schroth natürliche Heil- und Lebensweisen und förderten damit die „Kur“ in allen ihren Facetten.

Fragestellung / Diskussionspunkt

In unserem Gesundheitswesen ist der Anspruch auf rehabilitationsmedizinische Maßnahmen gesetzlich geregelt. Dabei stellt nicht nur die Heilung oder Linderung bestehender Krankheiten, sondern auch die Prävention einen wichtigen Gesichtspunkt dar. Durch diese Entwicklung hat sich in den letzten Jahren der Druck auf den Hausarzt merklich erhöht, die Patientenansprüche bezüglich eines Kurverfahrens aus hausärztlicher Sicht zu kanalisieren, zu prüfen und bei den Kostenträgern durchzusetzen. Der dabei entstehende Bürokratiemarathon führt zu einer erheblichen zusätzlichen Arbeitsbelastung im hausärztlichen Alltag. Bei Ablehnung eines Antrags folgt in der Regel eine Kaskade von Widersprüchen und weiteren Untersuchungen, welche die Arzt-Patientenbeziehung nachhaltig und nachteilig trüben können.

Inhalt

Die Lyriker Wilhelm Busch und Eugen Roth gelten als Klassiker des deutschen Humors im 19. und 20. Jahrhundert. In Anlehnung an deren Reim, Metrik und Sprachduktus wird eine hintergründig-ironische, mit Bildmaterial unterlegte Impression des bürokratisch mühsamen und konfliktbeladenen, hausärztlichen Spagats zwischen Patientenwohl, Patientenwunsch und Gesundheitssystem rund um die deutsche „Kur“ aus dem Blickwinkel eines langjährigen Hausarztes gezeichnet.

Take Home Message für die Praxis

Bei korrekter Indikation haben Rehabilitationsverfahren positive Auswirkungen auf die psycho-physische Situation eines kranken Menschen und können zur Aufrechterhaltung der persönlichen und beruflichen Leistungsfähigkeit eines Patienten beitragen. Die Antragsmodalitäten sind allerdings komplex. Eine deutliche Reduzierung bürokratischer Hürden würde dem Patientenwohl dienen und wäre zur Erleichterung der hausärztlichen Arbeitsbelastung erstrebenswert.

Stichwörter: Rehabilitationsmedizinische Maßnahmen, Patientenansprüche, Patientenwohl, Bürokratiemarathon, hausärztliche Arbeitsbelastung, ironisch-humorvolle Impression aus dem Praxisalltag
11:40 SLM-02

Laborwerte im Zeitalter von FAKE-NEWS (#74)

B. Engel1

1 Universität Oldenburg, Abteilung für Allgemeinmedizin, Oldenburg, Deutschland

Hintergrund

Ich dachte immer es gäbe indiskutable Fakten in der Medizin, an die man sich halten kann - Laborwerte gehörten dazu!

Jedoch bin ich bei der Recherche über ein anderes Thema über die sog. „Richtlinie der Bundesärztekammer zur Qualitätssicherung laboratoriumsmedizinischer Untersuchungen“ (Rili-BÄK) gestolpert. Die Rili-BÄK regelt die internen und externen Qualitätssicherungen laborchemischer Untersuchungen. In der Richtlinie existiert eine Liste von allen Laborparametern, für welche die Labore, die die entsprechende Laborleistung anbieten, regelmäßig (i.d.R. jedes Quartal) an sogenannten externen Ringversuchen von Referenzinstitutionen teilnehmen müssen.

Diese Liste beinhaltet auch die sog. tolerierte relative Messabweichung des Messergebnisses vom festgelegten Zielwert in Prozent (+/-) bei einem sogenannten Ringversuch.

Mir und den befragten Kollegen zumindest waren diese tolerierten, zum Teil eklatanten Messabweichungen nicht klar. Da es Konsequenzen für uns Hausärzte bzw. unsere Patienten haben kann, finde ich es enorm wichtig, diesen Aspekt ins Bewusstsein zu rufen.

Fragestellung / Diskussionspunkt

Ziel dieser Arbeit war es, alle hausärztlich relevanten Laborparameter auf deren geforderte Messgenauigkeit auszuarbeiten, um diesen „Unsicherheitsfaktor“ bei der Behandlung unserer Patienten berücksichtigen zu können.

Inhalt

Bei einem genauen Blick in die Liste wurde mir plümerant…… Messabweichungen von bis zu 70% in beide Richtungen (+/-) vom geforderten Zielwert im Ringversuch sind erlaubt. Sprich Entscheidungsgrenzen ab wann ein Patient zum Beispiel als Diabetiker bezeichnet werden sollte, können durchaus weniger dogmatisch bewertet werden.

Der Vortrag wird sich auf humoristische, "trumpesque" Weise dem Thema widmen.

Take Home Message für die Praxis

Im Zeitalter von Richt- und Leitlinien ist ein kritischer Blick auf Laborwerte meines Erachtens nach mehr als angebracht, da diese ggf. nebenwirkungsreiche Konsequenzen für unsere Patienten haben können.

Stichwörter: Unsicherheit, Laborwerte, Entscheidungsfindung, EbM, Referenzintervall
11:50 SLM-03

Ärztliche Erfahrung, Patientenpräferenz und Wissenschaftlichkeit: Die allgemeinmedizinische Ganzkörperuntersuchung (#92)

M. Wolf1, S. Joos1, R. Koch1

1 Eberhard-Karls-Universität Tübingen, Institut für Allgemeinmedizin und Interprofessionelle Versorgung, Tübingen, Baden-Württemberg, Deutschland

Hintergrund

Die Ganzkörperuntersuchung (GKU) hat einen festen Bestandteil in der allgemeinmedizinischen Tätigkeit und stellt eine wichtige Kompetenz dar, um einen ganzheitlichen Eindruck vom Patienten „von Kopf bis Fuß“ zu erhalten. An der Universität Tübingen wird diese Kompetenz im Medizinstudium gelehrt und anhand einer „Kern-GKU“ mit 19 Teiluntersuchungsschritte in einem Objective Structured Clinical Examination (OSCE) geprüft.

Diese Anwendung von GKUs in der Regelversorgung basiert häufig unreflektiert auf persönlicher Erfahrung und Einstellung von Hausärzten. Inwieweit Aspekte „wissenschaftlicher“ Evidenz im Sinne von Sensitivität und Spezifität der Untersuchungsmethode und die Dimensionen der Arzt-Patienten-Beziehung eine Rolle spielen, ist jedoch wenig erforscht.

Fragestellung / Diskussionspunkt

Es werden zwei Fragestellungen untersucht: Wie ist die Evidenzlage für einzelne Untersuchungsschritte in einer GKU? Welche Meinungen, Erwartungen, Erfahrungen und Eindrücke zum Thema GKU gibt es bei den Probanden, die gerade eine GKU erlebt haben, und bei praktizierenden Hausärzten?

Aus diesen beiden Perspektiven und der Studienlage zum Thema sollen Handlungsempfehlungen für Hausärzte und für den Studentenunterricht (GKU-Kurs) abgeleitet werden.

Inhalt

Diese Studie verwendet einen gemischtmethodischen Ansatz. Basierend auf Sackett’s Evidenzmodell wird in einem ersten Teil die bisher vorhandene Evidenz einzelner Untersuchungsschritte mittels einer Literaturrecherche ermittelt.

In einem zweiten Teil werden teilstrukturierte Interviews mit Probanden, die freiwillig an einer GKU durch einen Facharzt für Allgemeinmedizin teilgenommen haben, durchgeführt. Es konnten 13 Probanden für die GKU rekrutiert werden. Die Interviews erfolgten direkt im Anschluss an die Untersuchung durch eine unabhängige Interviewerin.

Im dritten Teil wurden acht Hausärzte zu ihren Erfahrungen mit der GKU interviewt.

Die Ergebnisse aller drei Teilstudien werden inhaltsanalytisch bearbeitet und zusammengeführt, um den Begriff „Evidenz der GKU“ abzubilden. Dieses Ergebnis der Studie wird auf dem DEGAM-Kongress vorgestellt.

Take Home Message für die Praxis

Die GKU findet weite Verbreitung in Versorgung und Lehre

Die momentane Anwendung des Begriffes „Evidenz“ in diesem Zusammenhang basiert v.a. auf Expertenmeinung

Die vorliegende Studie liefert zwei weitere Perspektiven, um diesen Begriff schärfer zu definieren

Stichwörter: Evidenzbegriff, körperliche Untersuchung, Arzt-Patienten-Beziehung, Lehre, Mixed-Methods
12:00 SLM-04

Wer unterrichtet was und wie? Eine Standorterhebung der Lehre im Fach Allgemeinmedizin an den Medizinischen Fakultäten in Deutschland (#112)

K. Afshar1, B. Engel1, 2, M. Ehrhardt3, A. Bergmann4, N. Schneider1, J. Bleidorn1, 5

1 Medizinische Hochschule Hannover, Institut für Allgemeinmedizin, Hannover, Deutschland
2 Carl von Ossietzky Universität Oldenburg, Department für Versorgungsforschung, Abteilung Allgemeinmedizin, Oldenburg, Deutschland
3 Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, Institut und Poliklinik für Allgemeinmedizin, Hamburg, Deutschland
4 Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden, Bereich Allgemeinmedizin, Dresden, Deutschland
5 Universitätsklinikum Jena, Institut für Allgemeinmedizin, Jena, Deutschland

Hintergrund

Bundesweit ist die akademische Allgemeinmedizin inzwischen an vielen universitären Standorten etabliert. Die curriculare und inhaltliche Ausgestaltung der Lehre ist standortspezifisch sehr unterschiedlich. Die vorliegende Erhebung zielt darauf ab, die allgemeinmedizinische Lehre in ihrer ganzen Breite darzustellen und Vernetzung sowie Austausch zwischen den Standorten anzuregen.

Fragestellung / Diskussionspunkt

Wie werden aktuell Lehre und Prüfung im Fach Allgemeinmedizin an den Medizinischen Fakultäten in Deutschland umgesetzt?

Inhalt

In Zusammenarbeit mit der DEGAM-Sektion „Studium & Hochschule“ wurde ein teilstandardisierter schriftlicher Fragebogen entwickelt, der die allgemeinmedizinische Lehre an den Medizinischen Fakultäten in Deutschland erfassen soll. Die geschlossenen und offenen Fragen beziehen sich auf alle curricularen allgemeinmedizinischen Lehrveranstaltungen, die für die Studierenden der verschiedenen Studienjahre an den jeweiligen Standorten angeboten werden. Der Fragebogen besteht aus drei Abschnitten: 1) Allgemeine Angaben, 2) Lehre, Prüfung und Evaluation in den Studienjahren 1-6 und 3) Mapping entlang des Nationalen Kompetenzbasierten Lernzielkatalogs Medizin. Die Ergebnisse werden deskriptiv ausgewertet und zusammengefasst. Mitte Januar 2019 wurden die 36 Lehrstühle für Allgemeinmedizin über die DEGAM-Geschäftsstelle per E-Mail zur Teilnahme an der Umfrage eingeladen und im Verlauf zweimal erinnert. Zum Zeitpunkt der Abstract-Einreichung liegen von insgesamt 20 Standorten ausgefüllte Fragebögen vor. Erste orientierende Auswertungen deuten auf eine große Variabilität hinsichtlich inhaltlicher Schwerpunktsetzung, longitudinaler Verteilung sowie Art und Umfang der Prüfungen im Fach Allgemeinmedizin an den Medizinischen Fakultäten hin.

Take Home Message für die Praxis

Die Ergebnisse erlauben eine Darstellung der Lehre im Fach Allgemeinmedizin an den Medizinischen Fakultäten in Deutschland. Eine standortübergreifende Übersicht über allgemeinmedizinischen Lehr- und Prüfungsformate soll über die Homepage der DEGAM-Sektion „Studium & Hochschule“ für alle teilnehmenden Fakultäten zugänglich gemacht werden. Dies kann die Vernetzung der Standorte fördern und so zur Qualitätssteigerung in der allgemeinmedizinischen Lehre auf nationaler Ebene beitragen.

Stichwörter: Lehre, Allgemeinmedizin, Ausbildungsforschung
12:10 SLM-05

Evidenzbasierte Medizin (EbM) – Der Sand im Getriebe? (#318)

P. van der Keylen1, L. Frank1, S. Kalms1, N. Lippert1, T. Kühlein1

1 Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, Institut für Allgemeinmedizin, Erlangen, Bayern, Deutschland

Hintergrund

Die EbM wird definiert als der „gewissenhafte, ausdrückliche und umsichtige Gebrauch der aktuell besten Evidenz für Entscheidungen in der Versorgung eines individuellen Patienten“. Zwar gewann die EbM zunehmend an Bedeutung, wird aber nur fragmentarisch an den Medizinischen Fakultäten gelehrt. Erstmals wurde an der Medizinischen Fakultät der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg das Wahlfach „Kluge Entscheidungsfindung im klinischen Alltag“ angeboten, um Studierenden EbM zu vermitteln.

Fragestellung / Diskussionspunkt

Das Interesse der Studierenden, EbM zu erlernen steigt. Sie wollen nicht nur Wissen anhäufen und pauschal wiedergeben, sondern verstehen, wie wissenschaftliche Erkenntnisse zu bewerten sind und sich anwenden lassen. In der großen Maschinerie der klinischen Entscheidungsfindung befindet sich immer wieder mal ein wenig Sand im Getriebe. Diesen Sand aufzuspüren ist ambitioniert, das Getriebe der guten Entscheidung am Laufen zu halten, nicht einfach. Mit der Fülle an Wissen steigt die Komplexität der Entscheidungen. Außerdem stellt sich die Frage nach der Übertragbarkeit auf den einzelnen Patienten. Nicht für jede Frage findet sich eine ausreichende Evidenz. Auch ohne Evidenz müssen der Studierende und Ärzte in der Lage sein, eine Entscheidung zu treffen und die Entscheidung mit allen Beteiligten auf Augenhöhe zu diskutieren.

Inhalt

Im Rahmen des Wahlfaches „Kluge Entscheidungsfindung im klinischen Alltag“ erfolgt eine Interventions-, Beobachtungs- und Evaluationsstudie. Es soll qualitativ und quantitativ untersucht werden, welchen Nutzen das Erlernen von EbM für Studierende hat. So werden Umgang mit Unsicherheit, Toleranz von Ungewissheiten und das Kognitionsbedürfnis der Studierenden untersucht. Erfragt werden außerdem die statistische Kompetenz und Veränderungen im Verhalten bei der Entscheidungsfindung am Patienten. Im Science Slam werden erste Ergebnisse vorgestellt.

Take Home Message für die Praxis

Mit der EbM erkennen die Studierenden den „Sand im Getriebe“ der klinischen Entscheidungsfindung und die Basis der Entscheidungsargumentation. Mindestens genauso wichtig, wie die Kenntnis um die EbM, ist die sinnhafte und praxistaugliche Anwendung im späteren Alltag. Wer sich des Sandes im Getriebe nicht bewusst ist, weißt auch nicht, wo es knirscht.

Stichwörter: EbM, Evidenz-basierte Medizin, Studierende, Lehre, Ausbildung, Didaktik
12:20 SLM-06

Der Dottore und sein Paziente (#326)

B. Plagg1

1 Institut für Allgemeinmedizin, Bozen, Italien

Hintergrund

Im Rahmen unserer Studie „Wie können Patienten ihren Ärzten helfen?“ haben wir Südtiroler Hausärzte und Patienten darüber befragt, welche Rolle der Patient wie im hausärztlichen Setting und im Therapiegeschehen einnehmen soll. Ziel der Analyse war der Vergleich verschiedener Formen von Mithilfe aus der Sicht beider Seiten, um Übereinstimmungen und Diskrepanzen zu identifizieren. Und Diskrepanzen haben wir nicht nur zwischen Arzt und Patient, sondern zwischen den Ärzten beider Sprachgruppen und zwischen den Patienten beider Sprachgruppen gefunden. Aufgrund der besonderen geopolitischen Lage Südtirols ist es uns mit unserer Studie daher erstmals gelungen, kulturelle Unterschiede zwischen deutsch- und italienischsprachigen Hausärzten quantitativ und qualitativ einzufangen.

Fragestellung / Diskussionspunkt

Wieviel Kulturklischee und Stereotyp findet sich zwischen dem dottore und dem Arzt und zwischen dem paziente und dem Patienten?

Inhalt

Dem dottore ist, im Gegensatz zu seinem deutschen Kollegen, proaktives Gestalten vonseiten des paziente in seiner Hausarztpraxis weniger recht und er lehnt es vollständig ab, dass sich der paziente selbst bei vertrauenswürdigen und unabhängigen Quellen informiert. Außerdem soll der paziente nicht ständig lamentieren und ein bisschen geduldiger sein. Der deutschsprachige Arzt fände es hingegen begrüßenswert, wenn der Patient mehr für seine Gesundheit täte, sich selbst informieren würde, ehrlicher und therapietreuer wäre und sich nicht ständig seine psychosozialen Themen aus der Nase ziehen ließe - oder gar ganz verheimlicht.

Ehrlichkeit sollte schon sein, findet auch der deutsche Patient wenn man ihn so direkt fragt, möchte dann aber doch lieber seine Hausmittelchen, die Zweitmeinungen und was er im Internet so alles gefunden hat für sich behalten. Der paziente will eigentlich nichts, außer, dass der Hausarzt, dem er blind vertraut, alle seine Probleme löst.

 

Take Home Message für die Praxis

Wenn Sie nächsten Sommer nach Italien fahren und an der Amalfiküste in einen Seeigel treten, lassen Sie den dottore einfach machen. Sagen Sie bloß nicht, dass Sie selbst Arzt sind oder gegoogelt haben.

Stichwörter: Arzt-Patient-Interaktion, kulturspezifische Kommunikation, Deutsch, Italienisch
12:30 SLM-07

Ich traue keiner Statistik die ich nicht selbst gefälscht verstanden habe (#366)

R. Kunisch1

1 FAU Erlangen, Allgemeinmedizinsiches Institut, Erlangen, Bayern, Deutschland

Hintergrund

Von der Auswahl der ersten diagnostischen Prozesse (in der Regel den anamnestischen Fragen) bis hin zur Auswahl der „finalen“ Diagnose, und damit verbundenen Festlegung auf das vorläufige Ende des diagnostischen Prozessen, wird jeweils nur mit unterschiedlichen Wahrscheinlichkeitszuständen agiert. Ähnliches gilt auch für die Therapie. Allerdings ist der menschliche Verstand nur begrenzt in der Lage in Zuständen unterschiedlicher Wahrscheinlichkeiten zu operieren, wie in der Kognitionspsychologie umfassend festgestellt wurde. Hierdurch kommt es zu einer Reihe von Denkfehlern welche im medizinischen Kontext in Behandlungsfehlern münden. Um diesen vorzubeugen, ist es wichtig, die statistischen Fähigkeiten der Anwender, in der Regel ÄrztInnen aber im Sinne einer partizipativen Entscheidungsfindung auch der PatientInnen, zu verbessern. Dass bei beiden Gruppen ein Defizit bei der Anwendung statistischer Informationen herrscht, ist vielfach untersucht. Auch für die Gruppe der Primärmediziner sind hier spezifisch Defizite beschrieben. Dabei sind diese als erste Ansprechpartner der Patientinnen und Patienten in Gesundheitsfragen im Sinne Ihrer Rolle als „Gesundheitsfürsprecher“, besonders häufig mit Fragen nach der Sinnhaftigkeit von Diagnostik konfrontiert. Ohne ein statistisches Grundverständnis sind ÄrztInnen gänzlich auf externe Einschätzungen angewiesen und somit anfällig für Manipulationen durch andere Interessengruppen.

Fragestellung / Diskussionspunkt

Warum sollten sich HausärztInnen für Statistik interessieren und ist das überhaupt realistisch zu leisten?

Inhalt

In der Literatur sind zwei Strategien zur Verbesserung der Lösung Bayesianischer Aufgaben beschrieben. Durch die „Übersetzung“ der relativen Häufigkeiten (Prozentangaben) in Absolute Zahlen, konnten diese regelmäßig besser gelöst werden. Darüber hinaus wurde gezeigt, dass Visualisierungen ebenfalls bei der korrekten Lösung solcher Aufgaben einen positiven Effekt haben.

An konkreten Beispielen aus dem hausärztlichen Alltag wird an Hand der Visualisierung mit  „Absoluten Häufigkeitsbaumdiagrammen“ demonstriert wie sich diese Fragen leicht Veranschaulichen lassen.

Take Home Message für die Praxis

Statistische Grundkenntnisse sind für alltägliche primärmedizinsiche Fragen von großer Relevanz. Mit der schnell erlenbaren Methode der „Absoluten Häufigkeitsbäume“ können sie auch ohne umfassende mathematische Kenntnisse begriffen werden.

Stichwörter: Statistik, Evidenz basierte Medizin, EbM, Wissenschaftskompetenz, Bayes, Testverfahren
12:40 SLM-08

Global denken, lokal handeln – Wie passt das Konzept „Planetary Health“ in die Hausarztpraxis? (#401)

A. Herrmann1, 2

1 SRH Kurpfalzkrankenhaus Heidelberg, Department of Internal Medicine, Heidelberg, Deutschland
2 Heidelberger Institut für Global Health, Heidelberg, Deutschland

Hintergrund

Die Weltorganisation der Familienmediziner (WONCA, World Organization of National Colleges, Academies and Academic Associations of General Practitioners/Family Physicians) hat schon 2017 eine Stellungnahme zum neuen Konzept „Planetary Health“ vorgenommen und alle Hausärzte aufgerufen dieses Konzept in Ihren Arbeitsalltag zu integrieren. „Planetary Health“ bemüht sich um die Gesundheit der Menschen und die Gesundheit der natürlichen Systeme, von denen die Menschen abhängen. Hierbei geht es neben Umweltgiften und Luftschadstoffen auch darum, wie der Klimawandel die Gesundheit der Menschen fundamental gefährdet, z.B. durch Hitzewellen, Überschwemmungen, die vermehrte Ausbreitung von Infektionserkrankung oder Mangel- und Unterernährung durch Dürren oder Starkregenereignisse. Die renommierte Fachzeitschrift The Lancet hat das Thema als so wichtig eingestuft, dass 2017 die eigene Zeitschriftenreihe The Lancet Planetary Health ins Leben gerufen wurde.

Fragestellung / Diskussionspunkt

Insbesondere in der globalen Perspektive scheint es einleuchtend, dass die Gesundheit der Menschen nur auf einer gesunden Erde erhalten werden kann. Doch was geht das einen Hausarzt an, der lokal doch mit scheinbar ganz anderen Problemen konfrontiert wird? Was haben Übergewicht, Depressionen und Versorgungsprobleme mit „Planetary Health“ zu tun?

Inhalt

In diesem Science-Slam-Beitrag wird diskutiert, wie stark Aspekte der Nachhaltigkeit und der Gesundheit im Bereich der Lebensstile zusammenhängen. Dazu werden auch Ergebnisse aus der europäischen HOPE-Studie auf teils lustige und teils provokante Weise präsentiert. In dieser Studie wurde simuliert, wie Haushalte Ihre Treibhausgasemissionen bis 2030 halbieren und Ihre Gesundheit gleichzeitig fördern könnten. Gleichzeitig wurde untersucht, was sie zur Umsetzung motiviert oder davon abhält.

Take Home Message für die Praxis

In den Take-Home-Messages geht es darum, wie Hausärzte Ihre Patienten zu einer gesünderen und gleichzeitig nachhaltigeren Lebensweise anregen können. Zudem wird auch berücksichtigt, wie politische Forderungen von Ärzten zur Prävention chronischer Erkrankungen neues Gewicht und neue Dringlichkeit erhalten können, wenn man sie mit dem verbindlichen Abkommen der Weltklimakonferenz von Paris 2015 verknüpft.

Stichwörter: Planetary Health, Klimawandel, gesundheitliche Co-Benefits, Prävention