DEGAM 2019
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Rationaler Antibiotika-Einsatz: Impulse aus verschiedenen Projekten für den hausärztlichen Versorgungsalltag

   
Shortcut: Sym6
Datum: Samstag, 14. September 2019, 8:30
Raum: HSZ Medizin Großer Hörsaal,HSZ Medizin Großer Hörsaal
Sessiontyp: Symposium

Abstract

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8:30 Sym6-01

Rationaler Antibiotika-Einsatz: Impulse aus verschiedenen Projekten für den hausärztlichen Versorgungsalltag (#207)

J. Szecsenyi1, 2, E. Andres1, K. Garbe3, J. Hartmann4, I. Petruscke5, M. Schulz6, H. Sturm7

1 aQua-Institut, Göttingen, Niedersachsen, Deutschland
2 Universitätsklinikum Heidelberg , Abteilung Allgemeinmedizin und Versorgungsforschung, Heidelberg, Deutschland
3 Universität Rostock, Institut für Allgemeinmedizin, Rostock, Deutschland
4 Ärztenetz Bielefeld , Bielefeld, Deutschland
5 Universitätsklinikum Jena, Institut für Allgemeinmedizin, Jena, Deutschland
6 ZI - Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung in der Bundesrepublik Deutschland, Berlin, Deutschland
7 Universitätsklinikum Tübingen, Institut für Allgemeinmedizin und Interprofessionelle Versorgung, Tübingen, Deutschland

Namen der Moderierenden sowie der Vortragende

Prof. Joachim Szecsenyi (Moderator)

Vortragende:

Edith Andres

Dr. Katharina Garbe

Dr. Johannes Hartmann

Dr. Inga Petruschke

Maike Schulz

Dr. Heidrun Sturm

Einzelbeiträge

Edith Andres: Antibiotika-Resistenzentwicklung nachhaltig abwenden (ARena): Erste Ergebnisse zur Verbesserung der hausärztlichen Versorgung

Katharina Garbe: Verbesserung des Umgangs mit Antibiotika bei akuten Atemwegsinfekten in der deutschen Primärversorgung (CHANGE-3): Ein Status-Quo Bericht nach Beginn von Regional- und Praxisteamintervention

Johannes Hartmann: Gemeinsam eine lokale Antibiotika-Verordnungskultur schaffen – das Beispiel des Projektes AnTiB

Inga Petruschke: RAI ambulant - Rationaler Antibiotikaeinsatz durch Information und Kommunikation in Hausarztpraxen

Maike Schulz: Evaluation der neuen Versorgungsform RESIST – zur Resistenzvermeidung durch adäquaten Antibiotikaeinsatz bei akuten Atemwegsinfektionen

Heidrun Sturm: Ambulante Sanierung von Problemkeimen bei elektiven Eingriffen - Studiendesign und Implementierung einer intersektoralen Versorgungsform (STAUfrei)

Ziele

Das Symposium soll ein Forum bieten, um Erfahrungen und Ergebnisse aus verschiedenen Projekten mit der Zielsetzung „Rationaler Antibiotika-Einsatz“ bzw. „Eindämmung der Resistenzentwicklung“ im ambulanten Bereich vorzustellen, kritisch zu beleuchten und konkrete Konsequenzen, insbesondere für den hausärztlichen Versorgungsalltag, abzuleiten. Diese mehrdimensionale Herangehensweise im Rahmen eines Symposiums begründet den Mehrwert gegenüber Einzelvorträgen, weil sie es ermöglicht, sich der komplexen Zielsetzung aus verschiedenen Perspektiven und mit vielfältigen Ansätzen zu nähern und damit eine Bündelung der Effekte zu ermöglichen.

Diskussion

Methoden/Vorgehen:

Impulsvorträge: Jedes Projekt stellt sich vor:

  •  Welche Konzepte werden zu Grunde gelegt?
  •  Welche Interventionen werden eingesetzt?
  •  Welche Barrieren gibt es bei der Umsetzung?
  •  Welche Ergebnisse wurden bereits erzielt?
  •  Welche Erfahrungen (positive/negative) liegen vor?
  •  Welche Maßnahmen eignen sich für die hausärztliche Versorgung? Welche eher nicht?
  •  Was ist bei der Implementierung zu beachten?

Moderierte Diskussion mit Resümee

Nach den Impulsvorträgen werden die unterschiedlichen Erfahrungen und Ergebnisse aus den Projekten kritisch reflektiert. Abschließend werden die Maßnahmen zusammengetragen, die für den hausärztlichen Versorgungsalltag geeignet erscheinen, um eine rationale Antibiotika-Verordnungspraxis zu unterstützen. Weiteres Augenmerk liegt auf möglichen Barrieren und Fallstricken, die bei der Implementierung zu beachten bzw. zu vermeiden sind.

Alternatives Vorgehen: Je nach Teilnehmerzahl kann die moderierte Diskussion auch in Kleingruppen erfolgen. Das Resümee der einzelnen Gruppen wird dann im Plenum zu einem Gesamtergebnis zusammengetragen.

Es ist geplant, über das Symposium anschließend in der ZFA zu berichten.

 

 

Take Home Message für die Praxis

Erfahrungen aus verschiedenen Projekten zur Bekämpfung der fortschreitenden Antibiotika-Resistenzentwicklung werden zusammengetragen und als konkrete Anregungen für die Hausarztpraxis nutzbar gemacht.

Stichwörter: rationaler Antibiotika-Einsatz; ambulante Versorgung; Implementierung, Versorgungsforschung
8:42 Sym6-02

Ambulante Sanierung von Problemkeimen bei elektiven Eingriffen - Studiendesign und Implementierung einer intersektoralen Versorgungsform (STAUfrei) (#282)

A. Bauer1, H. Sturm1, H. Eberhardt2, J. Sandfort3, P. Martus4, B. Brüggenjürgen6, R. Schulz5, S. Joos1, M. Grünewald2

1 Universitätsklinikum Tübingen, Institut für Allgemeinmedizin und Interprofessionelle Versorgung (IAIV), Tübingen, Baden-Württemberg, Deutschland
2 Kliniken Landkreis Heidenheim, Heidenheim an der Brenz, Baden-Württemberg, Deutschland
3 Kreisärzteschaft Heidenheim, Steinheim, Baden-Württemberg, Deutschland
4 Universitätsklinikum Tübingen, Institut für Klinische Epidemiologie und angewandte Biometrie (IKEaB), Tübingen, Baden-Württemberg, Deutschland
5 Pathways Public Health, Berlin, Berlin, Deutschland
6 Steinbeis-Hochschule Berlin, Stiftungslehrstuhl für Gesundheitsökonomie, Berlin, Berlin, Deutschland

Hintergrund

Postoperative Wundinfektionen sind mögliche Komplikation bei operativen Eingriffen. Insbesondere bei Vorliegen multiresistenter Keime können diese Infektionen schwerwiegend verlaufen sowie verlängerte Krankenhausaufenthalte, einen gesteigerten Antibiotikaverbrauch und zusätzliche Arztbesuche nach sich ziehen. Das Innovationsfondsprojekt STAUfrei (01NVF17042) hat zum Ziel, durch Einführung eines prästationären Screenings mit Sanierung von Patienten im häuslichen Umfeld die durch Methicillin-resistenten Staphylococcus aureus (MRSA) und Methicillin-sensibler Staphylococcus aureus (MSSA) verursachten Komplikationen im Krankenhaus zu verringern.

Fragestellung

Wie lässt sich ein Studiendesign in einen intersektoralen Patientenpfad überführen? Welche Barrieren und Förderfaktoren spielen dabei eine Rolle?

Methoden

STAUfrei ist eine kontrollierte Interventionsstudie mit vorher-nachher Vergleich. Die sektorenübergreifende Intervention beinhaltet folgende Elemente: ambulante prästationäre Detektion und Sanierung von MRSA und MSSA vor elektiven Eingriffen, strukturierte Wund-Nachsorge nach stationärer Intervention, Schulung von Praxispersonal in der Aufklärung und Betreuung der Patienten („link nurse“). Patienten aus der Kontrollgruppe werden im Rahmen der Routineversorgung wie bisher im stationären Kontext gescreent. Primärer Zielparameter ist die Reduktion von MRSA und MSSA Kolonisation bei stationärer Aufnahme. Sekundäre Zielparameter sind die Komplikationsrate (Surgical site infections), Verweildauer von Patienten mit vs. ohne Besiedelung, Rekolonisation von Patienten (nach 3 und 6 Monaten der Entlassung), Patienten- und Anwenderzufriedenheit, Compliance, Kostenentwicklung.

Ergebnisse

Das seit April 2019 laufende Projekt befindet sich aktuell in der Interventionsphase. Auf dem Kongress werden Studiendesign und Evaluationskonzept präsentiert sowie Herausforderungen bei der Umsetzung des Studienkonzeptes dargestellt. Mehr als 50 Hausarztpraxen mit über 150 medizinischen Fachangestellten konnten für das Projekt gewonnen werden.

Diskussion

Die bisherigen positiven Erfahrungen in der Rekrutierungsphase von STAUfrei weisen darauf hin, dass das Thema hochrelevant für die teilnehmenden Akteure ist und somit bei positivem Ausgang auch eine gute Chance für die Breitenimplementierung hat.

Take Home Message für die Praxis

Die Ergebnisse können Anregungen geben für die Umsetzung von sektorenübergreifenden Versorgungsforschungsstudien. Bei positiven Ergebnissen kann ein solch transsektoral abgestimmtes Management von Patienten mit Problemkeimen ein bedeutender Beitrag zur Kontrolle von Infektionsrisiken sein.

8:54 Sym6-03

Gemeinsam eine lokale Antibiotika-Verordnungskultur schaffen – das Praxisbeispiel des Projektes AnTiB (#291)

J. Hartmann1, R. Tillmann2, B. Leeuw3, R. Bornemann4, 5

1 Gemeinschaftspraxis Dres. med. Hartmann und Thomzik, Bielefeld, Nordrhein-Westfalen, Deutschland
2 Kinder- und Jugendarztpraxis Roland Tillmann, Bielefeld, Nordrhein-Westfalen, Deutschland
3 Hausärztliche Gemeinschaftspraxis Killich, Leeuw und Lippelt, Bielefeld, Nordrhein-Westfalen, Deutschland
4 Klinikum Bielefeld, Innere Klinik, Bielefeld, Nordrhein-Westfalen, Deutschland
5 Fakultät für Gesundheitswissenschaften, AG2 Bevölkerungsmedizin und Versorgungsforschung, Bielefeld, Nordrhein-Westfalen, Deutschland

Hintergrund

In der ambulanten Medizin bestehen große regionale Unterschiede bei Antibiotika-(AB-)Verordnungen. Diese können nur zum Teil medizinisch erklärt werden. Das Verordnungsverhalten wird maßgeblich durch „lokale kulturelle unausgesprochene Regeln“ mitbeeinflusst. Eine rationale Therapie wird zusätzlich durch ein zwischen Fachrichtungen und Versorgungssektoren (Praxis, Klinik und Notfallversorgung) unterschiedliches Verschreibungsverhalten erschwert. Infektiologische Leitlinien werden nur unzureichend umgesetzt, nicht zuletzt, weil sie als zu ausführlich und praxisfern wahrgenommen werden.

Fragestellung

Wie können lokale AB-Verordnungskulturen geschaffen und in die ambulante Versorgung auf allen Versorgungsebenen implementiert werden?

Methoden

Häufige Infektionskrankheiten mit AB-Relevanz wurden identifiziert. In bestehenden lokalen Strukturen wie Ärztenetz, Qualitätszirkeln, Fortbildungsveranstaltungen, Hausärztetag u.a. erfolgte ein mehrstufiger strukturierter Diskussions- und Konsensprozess, an dem möglichst viele ambulant tätige Ärztinnen und Ärzte beteiligt wurden. Unter Heranziehung von Fachliteratur, Leitlinien und infektiologischer Expertise wurden praxisnahe Empfehlungen erstellt und formell verabschiedet. Der Prozess fand innerhalb einzelner Fachrichtungen sowie fach- und sektorenübergreifend statt.

Ergebnisse

Praktische Umsetzung und Akzeptanz: Seit Ende 2016 wurden kurzgefasste lokale Empfehlungen zur „Antibiotischen Therapie in Bielefeld“ in den Fachrichtungen Pädiatrie, Frauenheilkunde und Hausarztmedizin (Urologie und HNO in Vorbereitung) fach- und sektorübergreifend erarbeitet, konsentiert und in Praxen, Notfallpraxen und Kliniken implementiert. Daraus entwickelte sich das interdisziplinäre und sektorübergreifende regionale „ABS-Netzwerk Bielefeld – Ostwestfalen-Lippe“. In der Pädiatrie wurde das Grundkonzept bereits erfolgreich auch überregional transferiert.

Auswirkungen auf das Antibiotika-Verordnungsverhalten: Derzeit läuft eine umfassende Analyse der lokalen AB-Verordnungen der Jahre 2015-2018.

Gemeinsam mit der KVWL wurde ein Antibiotika-Verordnungsreport für Praxen erarbeitet.

Diskussion

Weiterhin hohe AB-Verordnungen im ambulanten Bereich belegen die Notwendigkeit, neben der Verbesserung der herkömmlichen Interventionen wie ärztliche Fortbildung und Bereitstellung von Fachinformationen, auch innovative Wege zu gehen. Der vorgestellte Ansatz, mittels Kommunikation, Koordination und Konsens infektiologisches Fachwissen anwendungsorientiert darzustellen und durch Verbindlichkeit auch sektorübergreifend die lokalen Verordnungskulturen zu verändern, zeigt einen vielversprechenden Weg auf.

Take Home Message für die Praxis

Eine rationale antibiotische Therapie in der ambulanten Medizin sollte einen lokalen Konsensprozess und die Verfügbarkeit kurzgefasster Therapieempfehlungen mit einbeziehen.

Stichwörter: Antibiotikaresistenz, Antibiotika-Verordnungskultur, lokaler Konsensprozess, Antibiotikatherapie, antibiotic stewardship, lokale Therapieempfehlungen, Kurzleitlinien
9:06 Sym6-04

Antibiotika-Resistenzentwicklung nachhaltig abwenden (ARena): Erste Ergebnisse zur Verbesserung der hausärztlichen Versorgung (#296)

E. Andres1, P. Kaufmann-Kolle1, V. Wambach2, 3, L. Bader4, J. Bleek5, A. Günter6, M. Hermann6, M. Plambeck7, M. Wensing8, M. Kamradt8, R. Poß-Doering8, D. Weber9, J. Szecsenyi1, 8

1 aQua-Institut, Göttingen, Niedersachsen, Deutschland
2 Agentur deutscher Arztnetze, Berlin, Deutschland
3 Gesundheitsnetz Qualität und Effizienz eG, QuE, Nürnberg, Deutschland
4 Kassenärztliche Vereinigung Bayerns, München, Deutschland
5 AOK-Bundesverband, Stab Medizin, Berlin, Deutschland
6 AOK Bayern , Bereich Versorgungsmanagement, München, Deutschland
7 AOK Rheinland/Hamburg , Unternehmenssteuerung, Düsseldorf, Deutschland
8 Universitätsklinikum Heidelberg, Allgemeinmedizin und Versorgungsforschung, Heidelberg, Deutschland
9 Universitätsklinikum Heidelberg, Institut für Medizinische Biometrie und Informatik (IMBI), Heidelberg, Deutschland

Hintergrund

In der ambulanten Versorgung werden nach wie vor zu viele Breitspektrum-Antibiotika verordnet und zu häufig Antibiotika zur Therapie akuter, unkomplizierter Infekte eingesetzt. Genau hier setzt ARena (ISRCTN 58150046, gefördert mit Mitteln des Innovationsausschusses beim Gemeinsamen Bundesausschuss unter dem Förderkennzeichen 01NVF16008) an, um den indikationsgerechten Antibiotika-Einsatz zu optimieren und so der fortschreitenden Resistenzentwicklung entgegenzuwirken.

Fragestellung

Welche ARena-Interventionen können Hausärzte*innen dabei unterstützen, unnötige Antibiotika-Verordnungen zu vermeiden und wenn indiziert, die geeigneten Wirkstoffe einzusetzen und zudem ihre Entscheidungen patientengerecht zu kommunizieren?

Methoden

Dreiarmige cluster-randomisierte Studie mit 14 Praxisnetzen aus Bayern und Nordrhein-Westfalen (ca. 300 Ärzte*innen aus knapp 200 Praxen) sowie einer Vergleichskohorte (Regelversorgung ohne Intervention)

Interventionsarm 1 (alle 14 Netze):

  • Blended Learning für Ärzte: E-Learning zur Kommunikation mit Patienten, datengestütztes praxisindividuelles Feedback (Antibiotikaverordnungen), evidenzbasierte Hintergrundinformationen zu verschiedenen Themenschwerpunkten, Qualitätszirkel

  • Patienteninformationen (Flyer zu häufigen Infektionserkrankungen in 5 verschiedenen Sprachen, individualisierbare Infozepte)

  • Öffentlichkeitsarbeit (Pressekonferenzen, Pressemitteilungen, Öffentlichkeitskampagnen, Social-Media-Aktivitäten)

  • P4P

Interventionsarm2 (5 Netze), zusätzlich:

  • Blended Learning für MFA, Tablet-PCs für Patienten

Interventionsarm 3 (5 Netze); zusätzlich:

  • sektorenübergreifende Qualitätszirkel, IT-gestützte Entscheidungshilfe in der Praxisverwaltungssoftware

     

Evaluation: GKV-Routinedaten, begleitende Prozessevaluation (Interviews, Fokusgruppen, schriftliche Befragung von Patienten*innen, Ärzten*innen, Praxisteams).

Ergebnisse

Über erste Erfahrungen/Ergebnisse mit den Interventionen (11/2017 bis 6/2019) wird berichtet:

  • Wie bewerten die Beteiligten die Interventionen (was läuft gut, welche Barrieren/negativen Effekte gibt es)?

  • Veränderungen im Antibiotika-Verordnungsverhalten (Grundlage: vorliegende Routinedaten).

Diskussion

Die bisher vorliegenden Ergebnisse/Erfahrungen werden kritisch diskutiert und eine erste Einschätzung abgegeben, welche Maßnahmen geeignet erscheinen, Hausärzten*innen einen rationalen Antibiotika-Einsatz zu erleichtern, welche Barrieren zu beachten und welche Modifikationen bei der Implementierung in die Hausarztpraxis erforderlich sind.

Take Home Message für die Praxis

Konkrete Anregungen für Hausärzte*innen im täglichen Umgang mit ihren Patienten, im Praxisteam, im Austausch mit Kollegen*innen und anderen Akteuren*innen in der Gesundheitsversorgung, um der fortschreitenden Antibiotika-Resistenzentwicklung entgegenzuwirken.

Stichwörter: Antibiotikaresistenz; rationaler Antibiotikaeinsatz; Qualitätszirkel; datenbasiertes Feedback; intersektoraler Austausch; patientengerechte Information; Öffentlichkeitskampagne; Soziale Medien; IT-Tool
9:18 Sym6-05

Erste Ergebnisse der Evaluation der neuen Versorgungsform RESIST – zur Resistenzvermeidung durch adäquaten Antibiotikaeinsatz bei akuten Atemwegsinfektionen (#310)

M. Schulz1, A. Krüger2, A. Wollny2, A. Daubmann3, K. Wegscheider3, M. Biedermann5, J. Iwen4, A. Altiner2

1 Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung in der Bundesrepublik Deutschland (Zi), Berlin, Deutschland
2 Universitätsmedizin Rostock, Institut für Allgemeinmedizin, Rostock, Deutschland
3 Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, Institut für Medizinische Biometrie und Epidemiologie, Hamburg, Deutschland
4 Verband der Ersatzkassen e. V. (vdek) , Hamburg, Deutschland
5 Kassenärztliche Bundesvereinigung, Dezernat Versorgungsmanagement, Berlin, Deutschland

Hintergrund

Antibiotika sind bei schwereren bakteriellen Infektionen unverzichtbarer Bestandteil der Therapie. Ihre Wirksamkeit ist jedoch durch die zunehmende Entstehung von Resistenzen – nicht zuletzt bedingt durch die übermäßige nicht rationale Verordnung bei akuten Atemwegsinfekten (ARTI) – gefährdet. Dieser Entwicklung tritt das Innovationsfonds-Projekt RESIST durch die Förderung eines optimierten Einsatzes im Rahmen einer neuen Versorgungsform entgegen.

Fragestellung

Lässt sich ein rationaler, zurückhaltender Antibiotikaeinsatzes bei ARTI in der vertragsärztlichen Versorgung sowohl in Bezug auf die Menge der eingesetzten Antibiotika als auch auf die eingesetzten Substanzen gezielt fördern?

Methoden

Für die Teilnahme an RESIST absolvierten 2.460 Haus-, Kinder- und HNO-Fachärzte aus acht Kassenärztlichen Vereinigungen eine umfangreiche Online-Fortbildung zu den drei Themenfeldern Arzt-Patienten-Kommunikation sowie Therapie von Infektionen der oberen respektive unteren Atemwege (URTI bzw. LRTI). Außerdem wurden zusätzliche Informationsmaterialien für die Patienten in den Teilnehmerpraxen bereitgestellt. Die quantitative Ergebnisevaluation erfolgt auf Basis der Arzneiverordnungsdaten und den ambulanten Diagnosedaten gemäß §300/§295 SGB V. Um einen Selektionsbias zu minimieren erfolgt die Analyse entsprechend adjustiert.

Ergebnisse

Die Antibiotikaverordnungsraten bei den insgesamt rund 17.3 Mio in die noch vorläufige Analyse einbezogenen Patientenkontakten liegen in der Erkältungssaison 2017/18 trotz der Influenzawelle Anfang 2018 in allen KV-Regionen unter denen des Vorjahreszeitraums. Die stärkste Veränderung konnte mit -4,5 Prozentpunkten im Saarland beobachtet werden. RESIST-Teilnehmer hatten im Bundeswert sowohl eine niedrigere Verordnungsrate als Nicht-Teilnehmer (21% vs. 26 %) als auch eine stärkere Reduktion derselben. Veränderungen zeigten sich auch im Bereich der Wirkstoffauswahl (z.B. teils deutliche Reduktion der Cephalosporinverordnungen).

Diskussion

Es konnten erste Signale für einen Projekterfolg detektiert werden. In einer qualitativen Prozessevaluation wird zudem untersucht, wie das Versorgungsprogramm in der Praxis angenommen und tatsächlich umgesetzt wird.

Take Home Message für die Praxis

Gezielte Fortbildung kann eine rationale Verordnungspraxis fördern. Die potenzielle Überführung des Projektkonzepts in die Regelversorgung stellt eine wichtige Handlungsperspektive dar.

Stichwörter: Antibiotika, Innovationsfonds-Projekt, Atemwegsinfektionen, vertragsärztlichen Versorgung, Online-Fortbildung
9:30 Sym6-06

RAI ambulant - Rationaler Antibiotikaeinsatz durch Information und Kommunikation in Hausarztpraxen (#311)

I. Petruschke1, S. Schneider2, F. Salm2, T. Kramer2, R. Hanke3, P. Gastmeier2, J. Bleidorn1

1 Universitätsklinikum Jena, Institut für Allgemeinmedizin, Jena, Thüringen, Deutschland
2 Charité - Universitätsmedizin Berlin, Institut für Hygiene und Umweltmedizin, Charité, Berlin, Berlin, Deutschland
3 Lindgrün GmbH, Berlin, Berlin, Deutschland

Namen der Moderierenden sowie der Vortragende

Vortragende: Inga Petruschke

Einzelbeiträge

RAI ambulant - Rationaler Antibiotikaeinsatz durch Information und Kommunikation in Hausarztpraxen (Inga Petruschke)

Ziele

Ziel der Intervention war, unnötige Antibiotikaverordnungen bei akuten Atemwegsinfektionen zu reduzieren. Es sollte weiterhin erfasst werden, wie das Angebot verschiedener Interventionsmaterialien („toolbox“ bestehend aus: Präsenzfortbildungen für Hausärzte, Wartezimmerinformationen für Patienten, Infozepte, Smartphone-Applikation zum Selbstmonitoring) genutzt und bewertet wird.

Multizentrische, offene, zweiarmige, kontrollierte, routinedaten-basierte Interventionsstudie. Kontrollarm (keine Intervention): übrige neue Bundesländer

Diskussion

Nach der zwölfmonatigen Interventionsphase (08/16-07/17) erfolgte eine Befragung der Studienteilnehmer zur Nutzung und Bewertung der Materialien. Die multimodale Intervention wurde von der Zielgruppe sehr gut angenommen. Interventionsmaterialien für Hausärzte sollten ohne zeitlichen und technischen Mehraufwand nutzbar sein. Die entwickelten Materialien stehen auf Nachfrage deutschlandweit zur Verfügung.

Take Home Message für die Praxis

Das Konzept, verschiedene Interventionsmaterialien anzubieten, kann empfohlen werden. Fortbildungen werden von Hausärzten sehr gut angenommen. „Ready–to-use“ Materialien werden bevorzugt eingesetzt.

Stichwörter: Allgemeinmedizin, Rationale Antibiotikatherapie, ABS ambulant, Atemwegsinfekte
9:42 Sym6-07

Verbesserung des Umgangs mit Antibiotika bei akuten Atemwegsinfekten in der deutschen Primärversorgung (CHANGE-3): Ein Status-Quo Bericht nach Beginn von Regional- und Praxisteamintervention (#319)

K. Garbe1, A. Altiner1, M. Leyh2, A. Voss2, M. Wensing3, M. Kamradt3, R. Poß-Doering3, P. Kaufmann-Kolle4, D. Weber5, M. Gabel5, A. Wollny1

1 Universitätsmedizin Rostock, Institut für Allgemeinmedizin , Rostock , Deutschland
2 Hochschule Wismar, Fakultät Gestaltung, Wismar, Deutschland
3 Universitätsklinikum Heidelberg, Abteilung Allgemeinmedizin und Versorgungsforschung, Heidelberg, Deutschland
4 aQua - Institut für angewandte Qualitätsförderung und Forschung im Gesundheitswesen GmbH, Göttingen , Deutschland
5 Universität Heidelberg, Institut für Medizinische Biometrie und Informatik, Heidelberg, Deutschland

Hintergrund

Das Projekt besteht aus einer die Öffentlichkeit und Fachkreise adressierenden webbasierten Regionalintervention in Baden-Württemberg und Mecklenburg-Vorpommern sowie einem genesteten RCT. Es wurde ein einheitliches visuelles und textliches Konzept für alle Interventionsmaterialien entwickelt. Die Website weniger-antibiotika.de für Ärzt*innen, MFAs sowie Patient*innen steht seit Oktober 2018 im Netz und wird fortlaufend mit weiteren Inhalten versehen. In einem Wettbewerb wurden zudem Informationsmaterialien und Plakatserien von Kommunikationsdesign-Studierenden erstellt.

Fragestellung

Wie gestaltet sich die Durchführung eines genesteten RCTs innerhalb einer Regionalintervention?

Methoden

Regionalintervention: Ende Dezember 2018 wurden in Baden-Württemberg (BW) und Mecklenburg-Vorpommern (MV) mehr als 4.000 Praxen per Brief über das Projekt mit Hinweisen auf die Website und die (kostenlos) bestellbaren Materialien informiert.

Genesteter RCT: 114 Praxen (MV: 54; BW: 60) wurden für den genesteten RCT rekrutiert. Ab November 2018 fanden in 44 der 57 randomisierten Interventionspraxen Vor-Ort-Besuche statt. Die Inhalte der Website wurden mittels einer App auf Tablets offline-fähig bereitgestellt und den an der Praxisintervention beteiligten Arztpraxen für deren Patient*innen-Wartebereiche zur Verfügung gestellt.

Ergebnisse

Regionalintervention: Insgesamt wurden bisher über 1.200 Plakate und 3.000 Ausmalbücher (für Kinder) von den Arztpraxen bestellt. RCT: Durchschnittlich dauerten die Visitationen ca. eine Stunde. In dieser Zeit wurde u.a. Aktuelles zur nationalen und internationalen Antibiotika-Resistenzlage, Feedback zur den eigenen Verordnungsdaten, Wissenswertes zum rationalen Antibiotikaeinsatz, Herausforderungen in der Arzt-Patienten-Kommunikation und die Interventionsmaterialien (Webseite, Übergabe Flyer und Zugang zu E-Learning-Plattform) thematisiert.

Diskussion

Während die Nachfrage für Plakate und Ausmalbücher unsere Erwartungen bei weitem übertrafen, wurde das Angebot der Praxisvisitationen zurückhaltender aufgenommen. Während in BW die Praxen zum Teil über eine gewisse Interventions-Übersättigung berichteten, erschien es den Teilnehmern in MV ungewöhnlich das gesamte Praxisteam miteinzubeziehen.

Take Home Message für die Praxis

Mit einem genesteten RCT im Rahmen einer webbasierten Öffentlichkeitsintervention betreten wir Neuland. Insbesondere die von Studierenden gestalteten Materialien fanden sehr großen Anklang.

Stichwörter: rationaler Antibiotika-Einsatz, ambulante Versorgung