DEGAM 2019
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Gesundheitssysteme im Wandel

Moderatoren: Götz , Katja , Priv.-Doz.; Freytag , Antje , PhD/MD (Universitätsklinikum Jena, Institut für Allgemeinmedizin, Jena, Deutschland)
 
Shortcut: V12
Datum: Donnerstag, 12. September 2019, 16:45
Raum: HSZ Medizin Kleiner Hörsaal
Sessiontyp: Vortrag

Abstract

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16:45 V12-01

Hausärztemangel– Eine explorative Erhebung der Fördermaßnamen in Bayern (#81)

P. Delker1, J. Gensichen1

1 Klinikum der Ludwig-Maximilians-Universität München, Institut für Allgemeinmedizin , München, Bayern, Deutschland

Hintergrund

Hausärztemangel ist ein präsentes Thema in Medien und Politik. Auf Grund der demographischen Struktur der Bevölkerung und der Hausärzte besteht zur Sicherung der primärmedizinischen Versorgung Handlungsbedarf. Viele Akteure im Gesundheitswesen haben Fördermaßnahmen zur Stärkung der Allgemeinmedizin entwickelt.

Fragestellung

Ein systematischer Überblick der Fördermaßnahmen fehlt. Diese Arbeit soll eine pragmatische Übersicht für die Planung neuer Maßnahmen und für Bewerber geben. Primär soll die Frage beantwortet werden, an welchen bayerischen Fördermaßnahmen Individuen (Medizinstudenten / Ärzte in Weiterbildung / Allgemeinärzte) aktuell teilnehmen können. Sekundär sollen Förderanreize, Förderbedingungen und durchgeführte Evaluationen erhoben werden.

Methoden

Wir werden zuerst eine explorative Literaturrecherche durchführen, diese soll einen Überblick zum Thema geben und die Fördermaßnahmen sowie Akteure im Gesundheitswesen identifizieren.

Im zweiten Teil werden teilstandardisierte Fragebögen an die Akteure gesandt. Es wird eine einmalige Erinnerung via Mail erfolgen. Anschließend werden alle nicht antwortenden Akteure (Non‑Responder) telefonisch kontaktiert. Mit allen Ansprechpartnern der Akteure welche Fördermaßnahme durchführen werden zur Vervollständigung der Fragebögen Telefoninterviews geführt. Akteure sind unter anderem Universitäten, kassenärztliche Vereinigung, Ärztekammer, Gewerkschaften, Stiftungen, Krankenkassen und Kreise.

Nach der Erhebung ist eine Interpretation und Diskussion der Ergebnisse in einer Expertengruppe geplant.

Ergebnisse

Wir erwarten eine Übersicht der aktuellen Fördermaßnahmen welche in Bayern durchgeführt werden. Wir erwarten, dass heterogene Förderanreize verwendet werden und verschiedensten Akteure Maßnahmen initiieren. In der überwiegenden Mehrheit der Projekte erwarten wir keine Zwischen- oder Abschlussevaluation.

Diskussion

Als Limitation ist zu erwarten, dass angeschriebenen Akteure nicht auf den Fragebogen reagieren. Um die Non-Responder Zahl zu reduzieren, werden Erinnerungsmail und Erinnerungsanrufe durchgeführt. Bei den verbleibenden Non‑Respondern können Fördermaßnahmen übersehen werden.

Des Weiteren werden wir betrachten ob die Förderanreize der Maßnahmen sich mit den in der Literatur beschrieben Ursachen decken und ob eine Evaluation erfolgt. Die Interpretation und Diskussion bzgl. Verbesserungs- und Evaluationsmöglichkeiten wird in der Expertengruppe erfolgen.

Take Home Message für die Praxis

- Übersicht über Fördermaßnahmen

- Ggf. Hinweise auf Evaluationsmöglichkeiten

 

Stichwörter: Hausarztmangel, Fördermaßnahmen, Förderprogramme, Versorgung, Übersichtsarbeit
17:00 V12-02

Investitionsverhalten von Hausärzten in Deutschland - eine Querschnittsstudie (#182)

R. Zwierlein1, K. Götz1, K. Flägel1, J. Steinhäuser1

1 Universität zu Lübeck, Institut für Allgemeinmedizin, Lübeck, Schleswig-Holstein, Deutschland

Hintergrund

Der wachsende Bedarf an Hausärzten ist ein internationales Phänomen. Gründe, warum die hausärztliche Tätigkeit zunehmend im Angestelltenverhältnis ausgeübt wird, sind vielfältig. Wichtige Faktoren sind die wirtschaftliche Verantwortung, mangelndes betriebswirtschaftliches Wissen und die Wahrnehmung eines ungleichen Einkommens.

Fragestellung

Ziel der Studie war es, das Investitionsverhalten und das wirtschaftliche Verständnis von Hausärzten zu explorieren um daraus Inhalte für zukünftige Lehrveranstaltungen für Ärzte in Weiterbildung zu konzipieren.

Methoden

Der Fragebogen wurde folgendermaßen erarbeitet: Zunächst wurde eine Literaturrecherche zum Investitionsverhalten durchgeführt. Aus dieser Literatur wurden Schlüsselfragen mit sechs Hausärzten pilotiert. Schließlich wurde aus diesen beiden Quellen der Fragebogen mit 16 Fragen (regulärer Fragebogen) und eine Kurzfassung mit fünf Fragen erstellt. Die Fragebögen wurden im Mai 2017 an 1.992 Hausärzte in ganz Deutschland verschickt. Die Datenanalyse war deskriptiv.

Ergebnisse

Die Rücklaufquote betrug 25% (N=491), das Durchschnittsalter der teilnehmenden Hausärzte lag bei 56 Jahren, 47% waren weiblich. Der überwiegende Teil der Hausärzte (52%) ließ sich nicht von professionellen Beratern unterstützen, 60% entwickelte entweder erst nach der Gründung einer Praxis ein wirtschaftliches Verständnis oder hatte bisher noch keines (7%). Die Mehrheit (65%) nutzte keinen Investitionsplan. Die Hauptgründe für die Investitionen waren nicht-monetäre Gründe. Faktoren, die am häufigsten zu Investitionen führten, waren der Ausfall von medizinischen Geräten und gesetzliche Anforderungen.

Diskussion

Die zukünftige wirtschaftliche Aus- und Weiterbildung sollte Praxismanagement beinhalten. Verbesserungsmöglichkeiten ergeben sich darüber hinaus in einem standardisierten Planungsprozess zum Aufbau einer Praxis inklusive Investitionsplan.

Take Home Message für die Praxis

Sich niederlassende Hausärzte haben mehrheitlich

  • kein ausreichendes wirtschaftliches Verständnis.
  • keine professionelle Unterstützung.
  • ein reaktives Verhalten.
  • entwickeln keinen Investitionsplan.

Die Aus- und Weiterbildung angehender Hausärzte muss zukünftig mehr Praxismanagementelemente enthalten, die sie dazu befähigen eine Praxis proaktiv zu führen.

Stichwörter: Betriebswirtschaft, Ausbildung, Weiterbildung, Hausarztmangel, Investitionsverhalten, Praxismanagement
17:15 V12-03

Regionale Einflüsse auf die Hausbesuchstätigkeit (#191)

F. Lenz1, J. Schübel1, R. Neumann2, A. Bergmann1, K. Voigt1

1 Medizinische Fakultät Carl-Gustav-Carus Dresden, Bereich Allgemeinmedizin, Dresden, Sachsen, Deutschland
2 TU Dresden, Professur für Methoden der empirischen Sozialforschung, Dresden, Sachsen, Deutschland

Hintergrund

Demographischer Wandel und Urbanisierung schreiten in Deutschland voran. Unterdessen sind die Hausbesuchszahlen der Hausärzte seit Jahren rückläufig, obwohl der Bedarf durch eine wachsende ältere und multimorbide Generation steigt. In vorangegangenen Studien ergaben sich Hinweise, dass gerade im ländlichen Bereich die Arbeitsbelastung für Hausärzte zunimmt.

Fragestellung

Welche strukturellen Merkmale beeinflussen die Häufigkeit hausärztlicher Hausbesuche?

Methoden

Im Rahmen der SESAM-5-Studie wurden von 303 sächsischen Hausarztpraxen in einem Zeitraum von einem Jahr 4286 Hausbesuche mittels Fragebogen dokumentiert und inhaltliche wie strukturelle Merkmale erfasst. In der statistischen Analyse wurde vor allem auf bi- und multivariate Regressionsanalysen zurückgegriffen.

Ergebnisse

Die befragten Hausärzte führten nach eigenen Angaben im Mittel 14,5 (SD 9,5) Hausbesuche pro Woche durch, was die Mitbetreuung von durchschnittlich 32,0 (SD 30,0) Pflegeheimpatienten einschließt. Dabei korrelierte die Hausbesuchszahl bivariat signifikant negativ mit der Einwohnerzahl und positiv mit dem Altersdurchschnitt der Region. In der multivariaten Analyse zeigte sich jedoch das Alter des Arztes als größter Prädiktor für die Hausbesuche je Woche, wobei jüngere Ärzte signifikant weniger Hausbesuche durchführen.

Diskussion

Die Hausbesuchszahl je Woche ist im Vergleich zu Vorstudien weiter rückläufig. Als größter Prädiktor überrascht das Arztalter, was letztlich logisch auf strukturelle Merkmale zurückzuführen ist. Die meisten jungen Ärzte lassen sich in städtischen Gebieten nieder, während der größere Teil des Hausbesuchsbedarfs auf die ländlichen Regionen entfällt, in denen das Durchschnittsalter der Ärzte weiter ansteigt. Während weiterhin auf dem Land tätige Hausärzte mit ihren Patienten älter werden, sucht die Nachwuchsgeneration ihre Zukunft im urbanen Raum.

Take Home Message für die Praxis

  • Die Studie zeigt im Vergleich zu Voruntersuchungen weiter rückläufige Hausbesuchszahlen
  • Diese können unter anderem durch einen ärztlichen Nachwuchsmangel in ländlichen Regionen erklärt werden.
  • Die verantwortlichen Organisationen haben dieses Problem erkannt und Maßnahmen ergriffen, um junge Ärzte für eine Tätigkeit auf dem Land zu motivieren.
Stichwörter: Hausbesuch, Nachwuchs, Stadt/Land
17:30 V12-04

Hausärztliche Koordination in Bayern vor und nach Abschaffung der Praxisgebühr – Eine Analyse kassenärztlicher Routinedaten im Zeitraum von 2011 bis 2016 (#341)

M. Olm1, E. Donnachie2, W. Maier3, M. Tauscher2, R. Gerlach2, K. Linde1, A. Schneider1

1 Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München, Institut für Allgemeinmedizin und Versorgungsforschung, München, Bayern, Deutschland
2 Kassenärztliche Vereinigung Bayerns, München, Bayern, Deutschland
3 Helmholtz Zentrum München, Institut für Gesundheitsökonomie und Management im Gesundheitswesen, Neuherberg, Bayern, Deutschland

Hintergrund

Im deutschen Gesundheitssystem haben Patienten freien Zugang zur ambulanten haus- und fachärztlichen Versorgung. Versicherte können einen Spezialisten ohne hausärztliche Überweisung konsultieren. Um eine bessere hausärztliche Steuerung der Patientenwege zu erzielen, wurde im Jahr 2004 die Praxisgebühr eingeführt, jedoch bereits 2012 wieder abgeschafft.

Fragestellung

Welche Auswirkungen hatte die Abschaffung der Praxisgebühr auf die hausärztliche Koordination der Patienten in Bayern? Kam es zu einer Zunahme von unkoordinierten fachärztlichen Behandlungen und Mehrfachinanspruchnahmen?

Methoden

Es erfolgte eine retrospektive Analyse von Abrechnungsdaten der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns (KVB). In die Analysen mit aufgenommen wurden alle gesetzlich versicherten Patienten in Bayern im Zeitraum 2011 und 2012 (mit Praxisgebühr) sowie 2013 bis 2016 (ohne Praxisgebühr). Ein Patient galt als hausärztlich gesteuert, wenn alle steuerungsrelevanten Facharztkontakte mit hausärztlicher Überweisung abgerechnet wurden. Zudem erfolgte eine Untersuchung nach Patientenmerkmalen sowie sozioökonomischer Deprivation, basierend auf dem Bayerischen Index Multipler Deprivation (BIMD).

Ergebnisse

Nach Abschaffung der Praxisgebühr kam es zu einer deutlichen Abnahme der hausärztlich koordinierten Patientenanteile, mit 49,6% Anfang des Jahres 2011, 25,2% 2013 und 15,5% 2016. Höhere Steuerungsanteile zeigten sich bei älteren Patientengruppen sowie in Regionen mit höherer Deprivation. Ein leichter Anstieg von Mehrfachinanspruchnahmen zeigte sich bei Orthopäden (von 4,0 auf 5,0%), Hautärzten (1,5 auf 2,0%) und Augenärzten (3,5 auf 4,0%).

Diskussion

Nach Abschaffung der Praxisgebühr fand nur noch ein geringer Teil der Facharztbesuche auf Basis einer hausärztlichen Überweisung statt, insbesondere bei jüngeren Patienten und in Regionen mit geringer Deprivation.

Take Home Message für die Praxis

Es ist zu hinterfragen, ob das derzeitige System mit Überweisungsscheinen noch dazu geeignet ist, eine funktionierende hausärztliche Koordination der Versorgung im deutschen Gesundheitswesen aufrecht zu erhalten.

Stichwörter: Versorgungsforschung, Gatekeeping, Praxisgebühr, hausärztliche Versorgungssteuerung, Routinedatenanalyse, Bayerischer Index Multipler Deprivation
17:45 V12-05

Evaluation der Kompetenzen und Erfahrungen von Hausärzten zur Indikationsstellung für Logopädie - eine Erhebung mittels Fragebogen (#378)

V. Schrader1, F. - B. Annette1, C. Jol2, G. Weckmann1

1 Europäische Fachhochschule Rhein/Erft, Fachbereich Angewandte Gesundheitswissenschaften, Rostock, Deutschland
2 k.a., k.a., Niederlande

Hintergrund

Die Logopädie ist ein zentraler Bestandteil in der Behandlung von Sprachstörungen sowie neurologischer und geriatrischer Erkrankungen. Im Medizinstudium und in der Facharztweiterbildung wird die Indikationsstellung für logopädische Therapie nur auszugsweise vermittelt, obwohl Verordnung von Logopädie hauptsächlich von Hausärzten*(HÄ) vorgenommen wird. Bisher gibt es keine Erhebungen zu den Kenntnissen und Motivation von HÄ zur Indikationsstellung für Logopädie.

Fragestellung

Ziel der Studie ist es, die Kenntnisse von niedergelassenen HÄ zum Thema Indikationen für logopädische Behandlung zu evaluieren.

Methoden

300 HÄ in Sachsen, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern wurden in März-April 2019 via Telefax angeschrieben und gebeten einen Fragebogen auszufüllen. Die ausgefüllten Fragebogen wurden pseudonymisiert und die Ergebnisse mit IBM SPSS-Statistics 20 deskriptiv ausgewertet.

Ergebnisse

32 HÄ (56% weiblich) sandten den Fragebogen zurück. 72% waren Facharzt* (FA) für Allgemeinmedizin 6% praktischer Arzt und 22% FA Innere Medizin. Die häufigsten Indikationen für Logopädie waren Dysphagie/Schluckstörung (63%) Aphasie (38%), und Stottern/Sprachstörungen bei Kindern (38%). Die HÄ beurteilten die Relevanz von Logopädie auf einer 5-pt.-Likertskala (1 nicht relevant – 5 sehr relevant) für Aphasie, Dysphagie und Redeflussstörung als hoch (>4/5) und für Trigeminusneuralgie und apallisches Syndrom als kaum relevant (2/5). 44% der HÄ möchten mehr Logopädie verordnen, was durch Praxisbudgets (19%), oder fehlender Verfügbarkeit von Logopäden (25%) nicht umsetzbar war, während andere Hausärzte Überbehandlung (9%) oder fordernde Patienten (6%) berichteten.

Diskussion

Auffällig war, dass fast die Hälfte der Hausärzte Logopädie nicht so verordnen konnten wie sie wollten wegen Budget oder fehlender Verfügbarkeit von Logopädie. Die Ergebnisse zeigen, dass Hausärzte Logopädie vor allem als relevant betrachten für Störungen der Sprache und des Schluckens, sowie für kindliche Sprachstörungen, während die Relevanz bei Krankheiten wie Trigeminusneuralgie oder apallisches Syndrom als gering eingeschätzt wird. Die Ergebnisse entsprechen nicht immer dem Selbstverständnis der Logopäden.

Take Home Message für die Praxis

Im Rahmen der strukturierten Weiterbildung Allgemeinmedizin, können Kenntnisse über andere Gesundheitsfachberufe vermittelt werden, um die Qualität der interdisziplinären Versorgung zu optimieren.

Stichwörter: Verordnung, Logopädie, Sprachstörungen, Schluckstörungen, Versorgungsforschung, kompetenz