DEGAM 2019
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Zukunftsfähige Versorgungskonzepte

Moderatoren: Döpfmer , Susanne , PhD/MD; in der Schmitten , Jürgen , Professor
 
Shortcut: V15
Datum: Donnerstag, 12. September 2019, 16:45
Raum: Rudolf Wöhrl - HS
Sessiontyp: Vortrag

Abstract

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16:45 V15-01

Notaufnahme-Besuche bei Atemwegsbeschwerden: Konsultationsmotive und Rolle der hausärztlichen Versorgung (#31)

S. Oslislo1, C. Heintze1, M. Schmiedhofer2, A. Schneider3, L. Schenk3, M. Möckel2, F. Holzinger1

1 Charité - Universitätsmedizin Berlin, Institut für Allgemeinmedizin, Berlin, Deutschland
2 Charité - Universitätsmedizin Berlin, Abteilung Notfallmedizin Campus Mitte und Campus Virchow Klinikum, Berlin, Deutschland
3 Charité - Universitätsmedizin Berlin, Institut für Medizinische Soziologie und Rehabilitationswisssenschaft, Berlin, Deutschland

Hintergrund

Atemwegssymptome sind ein häufiger Beratungsanlass in der hausärztlichen Praxis und in Notaufnahmen. In der EMACROSS-Studie (Emergency and Acute Care for Respiratory Diseases beyond Sectoral Separation) wurden demographische und medizinische Charakteristika sowie Inanspruchnahme-Motive von Notaufnahme-Patient*innen mit Atemwegserkrankungen untersucht.

Fragestellung

Es soll geklärt werden, welche Motive und Entscheidungsprozesse bei Atemwegssymptomen zu Notaufnahmekonsultationen führen und welche Rolle die hausärztliche Versorgung für diese Patient*innen spielt.

Methoden

EMACROSS ist eine Mixed Methods-Studie und Teil des BMBF-geförderten Versorgungsforschungs-Netzwerks EMANet. Die Studie umfasst mehrere Module: Prospektiver Patient*innen-Survey mit Rekrutierung 06/2017 bis 11/2019 in einem Netzwerk von acht Notaufnahmen in Berlin-Mitte, follow-up nach 3 Monaten; Analyse von Sekundärdaten (Krankenhausinformationssysteme), sowie qualitative Interviews (Hausärzt*innen, Patient*innen).

Ergebnisse

Es wurden n=492 Patient*innen rekrutiert (m/w 54/46%, mittleres Alter 53,4). Fast zwei Drittel der Studienteilnehmer*innen wurden in der Notaufnahme ausschließlich ambulant behandelt. Hauptsymptome waren Husten und Atemnot. Ca. 90% der Patient*innen hatten eine Hausärzt*in, die Zufriedenheit mit der hausärztlichen Versorgung war insgesamt hoch. Über 85% der Patient*innen empfanden sich als dringlich und hielten einen Arztkontakt zumindest am selben Tag für geboten. Convenience-Motive waren vergleichsweise sehr selten. Bei Patient*innen mit Atemnot und chronischer Atemwegserkrankung war die subjektive Dringlichkeit und Bedrohlichkeit signifikant höher. Genannte Zahlen basieren auf der Baseline-Erhebung des quantitativen Studienmoduls, teils noch mit Interims-Stand September 2018. Zum Zeitpunkt des Kongresses wird der finale Datensatz ausgewertet sein.

Diskussion

Patient*innen mit Atemwegssymptomen empfinden sich überwiegend als „echte Notfälle“ mit häufig subjektiv bedrohlicher Symptomatik. Gesundheitsängste stellen einen wesentlichen Trigger von Notaufnahmevorstellungen trotz tragfähiger und kontinuierlicher hausärztlicher Versorgung dar.

Take Home Message für die Praxis

Insbesondere bei Patient*innen mit chronischen Atemwegserkrankungen sollte der Abbau von gesundheitsbezogenen Ängsten ein wichtiges Ziel hausärztlicher Beratung sein.

Stichwörter: Atemwegserkrankungen, Notaufnahme, hausärztliche Versorgung
17:00 V15-02

Nutzen und Anwendung eines aktivitäts- und teilhabebezogenen Instruments für die Schlaganfallnachsorge: Eine qualitative Studie mit Patient*innen (#138)

C. Kersting1, M. Kneer1, A. S. Webers1, A. Barzel1

1 Universität Witten-Herdecke, Lehrstuhl für Innovation und Zusammenarbeit in der ambulanten Gesundheitsversorgung, Witten, Deutschland

Hintergrund

Der Schlaganfall-Ring Schleswig-Holstein setzt in der Schlaganfallnachsorge die sogenannte Schlaganfall-Ring-Box ein. Ziel ist die Förderung eines eigenverantwortlichen Umgangs mit der Erkrankung und eine verbesserte Kommunikation mit Behandler*innen. Grundlage ist ein auf dem ICF Core-Set Stroke basierendes Schulungsprogramm1, das mögliche Probleme nach einem Schlaganfall benennt und mit Beispielen erläutert. Die Patient*innen sollen anhand von 84 in der Box enthaltenen Karteikarten ihre persönlichen Probleme und Bedarfe identifizieren, mittels Registerkarten priorisieren und dadurch die Kommunikation mit den Behandlern erheblich verbessern. Bislang wurde die Anwendung der Schlaganfall-Ring-Box nicht evaluiert.

Fragestellung

Wie bewerten Patient*innen die Schlaganfall-Ring-Box, insbesondere im Hinblick auf ihr persönliches Selbstmanagement?

Methoden

Im Rahmen einer Masterarbeit wurden semi-strukturierte, Leitfaden-gestützte Einzelinterviews mit Schlaganfallpatient*innen durchgeführt. Ausschlusskriterien waren eine ausgeprägte kognitive Beeinträchtigung und/oder ausgeprägte verbale Kommunikationsstörung. Die Interviews wurden auf Tonband aufgezeichnet, transkribiert und mittels inhaltlich-strukturierender Inhaltsanalyse ausgewertet.

Ergebnisse

Es wurden acht Schlaganfallpatient*innen im Alter von 57 bis 67 Jahren interviewt. Die Beschäftigung mit den Karten helfe, sich die Schlaganfallfolgen bewusst zu machen und individuelle Bedürfnisse und Defizite zu benennen. Darüber hinaus wird die Arbeit mit der Box als hilfreich für das Formulieren von Therapiezielen mit Behandler*innen und mehr Verständnis im sozialen Umfeld beschrieben. Die Box sei gut geeignet als Vorbereitung, zeige jedoch keine Lösungen auf. Strategien zum Umgang mit den identifizierten Defiziten müssten durch die Expertise der Behandler*innen übermittelt werden.

Diskussion

Die Schlaganfall-Ring-Box kann zu einem Bewusstmachen der Schlaganfallfolgen verhelfen. Einen eigenständigen Transfer von der Problemidentifikation hin zu konkreten Lösungen Im Sinne eines Selbstmanagements scheint sie jedoch nicht zu ermöglichen. Auch ist noch nicht ausreichend untersucht, für welche Patienten die Box geeignet ist.

Take Home Message für die Praxis

Die Schlaganfall-Ring-Box kann den selbstbestimmten Umgang mit der Erkrankung unterstützen. Die priorisierten Themen können im Rahmen einer patientenzentrierten Versorgung von Ärzten und Therapeuten aufgegriffen werden.

 

1Neubert N et al. Development of an ICF-based patient education program. Patient Educ Couns 2011, 84:e13-e17.

Stichwörter: Schlaganfall; Selbstmanagement
17:15 V15-03

Langzeitversorgung nach Schlaganfall, ungedeckter Bedarf aus Sicht von Patient*innen – eine qualitative Interviewstudie (#143)

S. Banzhoff1, C. Heintze1, S. Döpfmer1

1 Charité - Universitätsmedizin Berlin, Institut für Allgemeinmedizin, Berlin, Berlin, Deutschland

Hintergrund

Im Rahmen des BMBF-geförderten Verbundprojektes Navicare wird unter anderem die Versorgungssituation von Patient*innen nach stattgehabtem Schlaganfall untersucht.

Die Behandlung durch mehrere Akteur*innen und die Komplexität der Bedarfe stellen die behandelnden Hausärzt*innen und die Betroffenen vor große Herausforderungen. Insbesondere die Schwierigkeit einer erfolgreichen Koordination der Versorgung sowie ungedeckte sozialen Bedürfnisse der Patient*innen zeigten sich bereits in Interviews mit Hausärzt*innen. Von Interesse war nun speziell die Perspektive der Patient*innen, bei denen der Schlaganfall schon länger zurück liegt. Unsere Annahme war, dass lange nach Abschluss der Akutversorgung Bedarfe in den Vordergrund rücken, die nicht mehr krankheitsspezifisch sind.

Fragestellung

Welchen ungedeckten Bedarf haben Patient*innen, die in privatem Haushalt leben, nach länger zurückliegendem Schlaganfall? Welche Unterstützung wünschen sie sich?

Methoden

Es werden nicht-standardisierte Leitfadeninterviews mit Patient*innen, deren Schlaganfall mindestens 2 Jahre zurückliegt, durchgeführt und inhaltsanalytisch in einem deduktiv-induktivem Prozess nach Mayring ausgewertet.

Ergebnisse

Unterstützungsbedarf und Coping variieren sehr stark. Das Ausmaß der residuellen Einschränkungen sowie das Vorhandensein von Angehörigen sind erwartungsgemäß wichtige Kriterien für weiteren Unterstützungsbedarf. Patient*innen, die mit nicht erkrankter Partner*in leben, nehmen wenig externe Unterstützungsmöglichkeiten in Anspruch. Vielfach wird geäußert, dass nur die Hilfe erhältlich ist, die aktiv erfragt wird. Dazu sind Betroffene in sehr unterschiedlichem Maße in der Lage. In den Interviews wurde deutlich, dass Patient*innen kaum Wünsche zu ihrer Versorgung formulieren können.

Diskussion

Der Bedarf an Versorgung nach einem länger zurückliegenden Schlaganfall ist von vielen individuellen Faktoren abhängig. Wir vermuten, dass sich nach der Akutversorgung ein Status Quo einspielt, der dazu führen kann, dass Patient*innen keine Wünsche und keinen Bedarf mehr äußern. In den Interviews festgestellte Bedarfe beziehen sich eher auf den Umgang mit den Einschränkungen im Alltag als auf konkrete neurologische Probleme.

Take Home Message für die Praxis

Chronisch kranke Patient*innen sollten regelmäßig nach Wünschen zur Verbesserung ihrer Situation gefragt werden, und es sollten immer wieder aktiv Angebote gemacht werden, auch wenn die Betroffenen keine Wünsche äußern wollen/können.

Stichwörter: Qualitativ, Langzeitversorgung, Schlaganfall, ungedeckter Bedarf, Patientenperspektive
17:30 V15-04

Klinische Qualitätssteuerung in Eigenregie - Ergebnisse einer Querschnittsstudie bei Patienten mit COPD in Hausarztpraxen (#346)

T. Kühlein1, S. Heinmüller1, M. Roos1

1 Universitätsklinikum Erlangen, Allgemeinmedizinisches Institut, Erlangen, Bayern, Deutschland

Hintergrund

Klinische Qualitätssteuerung (KQ) bedeutet, wo dies sinnvoll ist, die Prinzipien des Qualitätsmanagements auf die Patientenversorgung anzuwenden. Dadurch können Qualitätsdefizite aufgedeckt werden. Dieses Forschungsprojekt verfolgt das Ziel, KQ für COPD-Patienten innerhalb eines Hausarztpraxisnetzes fest zu etablieren.

 

Fragestellung

- Wie ist der Status quo der Versorgung von COPD-Patienten in dem untersuchten Hausärztenetz?

- Welche Indikatoren sind geeignet die spezifische Versorgungsqualität von Patienten mit COPD zu beschreiben?

- In wie weit lassen sich diese Indikatoren aus den Routinedaten eines Praxisnetzes auslesen?

Methoden

Für eine Querschnittserhebung wurden 18 Qualitätsindikatoren anhand von Leitlinien entwickelt. Es wurden eine Patientenliste von COPD Patienten eines Praxisnetzes erstellt, die die folgenden Einschlusskriterien erfüllten: mindestens dreimalige Dokumentation einer COPD in den letzten 24 Monaten, Alter über 40 Jahre, mindestens 24-monatige Patientenhistorie, mindestens fünf Arzt-Patientenkontakte (min. ein Kontakt in letzten 12 Monaten). Dann wurde unter direktem Zugriff auf die Datenbank des gemeinsamen Verwaltungssystems der Praxen (PVS) mit verschiedenen Suchtechniken versucht, die Indikatoren so weit wie möglich zu bestimmen.

Ergebnisse

Es werden Qualitätsindikatoren von 2.568 COPD Patienten präsentiert. Die Studienpopulation war 67 (SD±12) Jahre, 49% männlich. Bei 35% der Patienten war neben der Diagnose einer COPD auch ein Asthma bronchiale dokumentiert. In 54% der Fälle war kein Befund einer Spirometrie dokumentiert, 29% erhileten eine Spirometrie binnen 12 Monaten. Eine Impfung gegen Influenza war bei 37%, bei 12% war innerhalb der letzten sechs Jahre eine Pneumokokkenimpfung dokumentiert. Der Raucherstatus war bei 44% erhoben. Einige Qualitätsindikatoren konnten nur umständlich oder gar nicht erhoben werden, was primär auf eine nicht einheitliche Dokumentation zurückzuführen ist.

 

Diskussion

Die Ergebnisse zeigen einen Status quo der Versorgungsqualität von COPD Patienten eines Praxisnetzes, der verbesserungswürdig erscheint. Dies zeigt die Notwendigkeit, eine KQ in Hausarztpraxen zu etablieren.

Take Home Message für die Praxis

Wissen Sie, wie gut ihre COPD-Patienten versorgt sind? Falls nicht, wäre die Einführung einer KQ vielleicht auch etwas für Sie und Ihr Team.

Stichwörter: Klinische Qualitätssteuerung, Versorgungsqualität, COPD, Routinedaten
17:45 V15-05

Auswirkungen der Hausarztzentrierten Versorgung und des Facharztvertrages Kardiologie in Baden-Württemberg auf die Versorgung von Patienten mit chronischer Herzinsuffizienz (#403)

O. A. Sawicki1, A. Glushan1, F. Wicke1, A. Müller1, M. Beyer1, F. M. Gerlach1, K. Karimova1

1 Johann Wolfgang Goethe-Universität, Institut für Allgemeinmedizin, Frankfurt am Main, Hessen, Deutschland

Hintergrund

Der Facharztvertrag zur Kardiologie soll zusammen mit dem Vollversorgungsvertrag der Hausarztzentrierten Versorgung (HZV) die ambulante Versorgung für Patienten mit kardialen Erkrankungen stärken.

Fragestellung

In einer Evaluationsstudie werden die Auswirkungen des Vertrages in Baden-Württemberg auf die Versorgungsqualität der Patienten mit kardiovaskulären Erkrankungen untersucht.

Methoden

Die Evaluation erfolgte durch eine Analyse von Versichertendaten der AOK Baden-Württemberg. Auf Basis dieser Daten wurde ein Vergleich der Jahre 2015 und 2016 zwischen eingeschriebenen Versicherten im Facharztvertrag (Interventionsgruppe) und Regelversorgungs-Versicherten (Kontrollgruppe) durchgeführt. Ausgewählte Qualitätsindikatoren waren die leitliniengerechte Pharmakotherapie, potenziell vermeidbare Krankenhausbehandlungen und die Mortalität als relevante Endpunkte. Die statistischen Analysen erfolgten mittels multivariater Analysen.

Ergebnisse

Am Beispiel der Patienten mit chronischer Herzinsuffizienz zeigen sich Vorteile in der Interventionsgruppe gegenüber der Kontrollgruppe. Insgesamt konnten 22.180 Patienten mit chronischer Herzinsuffizienz eingeschlossen und Daten von 13.404 Versicherten, die im Facharztvertrag eingeschriebenen waren, ausgewertet werden. Die Basistherapie mit ACE-Hemmern oder AT1-Blockern erfolgte in der Interventionsgruppe häufiger. Potenziell vermeidbare Krankenhausaufenthalte traten in der Interventionsgruppe seltener auf, nach Adjustierung war dieser Unterscheid jedoch nicht mehr statistisch signifikant. Hinsichtlich der Mortalität zeigte sich eine deutlich niedrigere Mortalitätsrate in der Interventionsgruppe.

Diskussion

Die Ergebnisse sprechen für eine optimierte Versorgung der Patienten mit chronischer Herzinsuffizienz im Facharztvertrag gegenüber der Regelversorgung. Das Zusammenspiel einer im Rahmen der HZV gestärkten Primärversorgung und der spezial-fachärztlichen Versorgung könnte die Qualitätsunterschiede erklären.

Take Home Message für die Praxis

Optimierte Versorgung im Facharztvertrag Kardiologie

Stichwörter: Hausarztzentrierte Versorgung, Facharztvertrag Kardiologie, Chronische Herzinsuffizienz