DEGAM 2019
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Demographischer Wandel in der Hausarztpraxis

Moderatoren: Junius-Walker , Ulrike , Professor (Deutschland); Stiel , Stephanie , Priv.-Doz.
 
Shortcut: V21
Datum: Freitag, 13. September 2019, 8:30
Raum: HSZ Medizin Kleiner Hörsaal
Sessiontyp: Vortrag

Abstract

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8:30 V21-01

Hausärztliche Versorgung von älteren gebrechlichen Patienten in der letzten Lebensphase zwischen geriatrischen und palliativmedizinischen Ansätzen (#12)

S. Stiel1, H. Ewertowski1, O. Krause1, N. Schneider1

1 Medizinische Hochschule Hannover, Institut für Allgemeinmedizin, Hannover, Niedersachsen, Deutschland

Hintergrund

Die hausärztliche Versorgung älterer, gebrechlicher Patienten_innen in der letzten Lebensphase gewinnt nicht zuletzt auf Grund der demografischen Entwicklung weiter an Bedeutung. In Abhängigkeit von Patientenbedürfnissen und Krankheitsstadien können geriatrische und palliativmedizinische Ansätze innerhalb des allgemeinmedizinischen Versorgungskonzepts unterschiedlich akzentuiert sein.

Fragestellung

Wie erleben Hausärzt_innen die Versorgung älterer, gebrechlicher Patienten in der letzten Lebensphase? Welche Rollen spielen geriatrische und palliativmedizinische Ansätze?

Methoden

In der ersten Phase des Projekts „Allgemeine ambulante Palliativversorgung in der hausärztlichen Praxis“ (BMBF FK01GY1610) wurde in vier Teilprojekten exploriert, was Palliativversorgung durch Hausärzt_innen fördert und hemmt. In einem dieser Teilprojekte wurde eine Sekundäranalyse von Interviews aus einer früheren prospektiven Längsschnitt-Studie „End of life care for frail older patients in family practice” vorgenommen. Hieraus wurden a) bis zu 4 serielle Interviews von 14 Hausärzt_innen über die Versorgung einer/s Patienten/in und b) eine Gruppendiskussion mit fünf Hausärzt_innen über die Versorgung von Patient_innen am Lebensende genutzt. Die Datenauswertung folgt Prinzipien der Grounded Theory.

Ergebnisse

Die Differenzierung und der Übergang zwischen geriatrischer und palliativer Versorgung werden durch Hausärzt_innen fließend erlebt. Sie berichten, dass sie den Patienten_innen-Bedürfnissen entsprechend versorgen, sich aber auf formaler Ebene bei der Leistungskodierung für die Abrechnung (Einheitlicher Bewertungsmaßstab, EbM) notgedrungen entscheiden müssen, welche Versorgungsform im Vordergrund stand bzw. kodiert wird. Die konzeptionelle und abrechnungsrelevante Trennung zwischen beiden Ansätzen wird als künstlich erlebt

Diskussion

Bei der Versorgung alter Menschen nehmen Hausärzt_innen eine große Schnittmenge zwischen geriatrischen und palliativen Ansätzen wahr. Obwohl beide Ansätze in der klinischen Praxis verschmelzen, werden sie im EbM getrennt betrachtet und können nur bedingt kombiniert abgerechnet werden. Aus Praxissicht sollte das Vergütungssystem an die Versorgungsrealität angepasst werden.

Take Home Message für die Praxis

Ältere, gebrechliche Patienten_innen benötigen integrative, interdisziplinär orientierte Versorgungsansätze, die sich auch im Vergütungssystem widerspiegeln sollten.

Stichwörter: Palliativversorgung, Geriatrie, Lebensende, Patienten-Outcome, Bedürfnisorientierung
8:45 V21-02

Entwicklung von Qualitätsindikatoren für die Versorgung von älteren multimorbiden Patientinnen und Patienten (#40)

N. J. Pohontsch1, J. Schulze1, D. Lühmann1, K. Glassen2, A. Breckner2, J. Szecsenyi2, M. Scherer1

1 Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, Institut und Poliklinik für Allgemeinmedizin, Hamburg, Hamburg, Deutschland
2 Universitätsklinikum Heidelberg, Abteilung Allgemeinmedizin und Versorgungsforschung, Heidelberg, Baden-Württemberg, Deutschland

Hintergrund

Multimorbidität ist eine der größten Herausforderungen der gesundheitlichen Versorgung. Die Versorgung von Patientinnen und Patienten mit Multimorbidität (PPM) ist aufgrund ihrer Komplexität anfällig für Qualitätsdefizite und erhebliche individuelle Unterschiede hinsichtlich der Krankheitsfolgen. Angesichts der Vielzahl und Vielfalt möglicher medizinischer Problemstellungen fehlen bislang krankheitsübergreifende Qualitätsindikatoren (QI) für eine hochwertige Versorgung.

Fragestellung

Es soll ein Qualitätsindikatorenset für die Versorgung von PPM entwickelt werden.

Methoden

Zunächst wurde auf Basis existierender Leitlinien, QI und systematischer Literaturrecherchen eine Liste von 47 potentiellen QI erstellt. Aus den Ergebnissen von Fokusgruppen mit PPM und deren Angehörigen wurden vier weitere QI abgeleitet. Danach wurden die QI in einem zweistufigen Konsensusverfahren von einem unabhängigen, interdisziplinären Expertenpanel (N=23) online bewertet und kommentiert und darauf aufbauend in einem Präsenzmeeting (N=19) informell konsentiert.

Ergebnisse

Das Expertenpanel einigte sich auf den Erhalt von insgesamt 25 QI, welche sich einem induktiv entwickelten Qualitätsmodell mit drei Ebenen zuordnen lassen. Beispiele aus dem Bereich patientennahe Parameter sind: Depressionsscreening, Ermitteln von Patientenpräferenzen und Einschätzung des biopsychosozialen Unterstützungsbedarfs. Für die Arzt-Patienten-Interaktion stehen z. B. Partizipative Entscheidungsfindung, gemeinsame Vereinbarung von Behandlungszielen und Überprüfung der Therapieadhärenz. Im Bereich Kontext/Strukturen sind es die Festlegung der Verantwortlichkeit für die Koordination und Fortbildungsmaßnahmen mit Relevanz für Multimorbidität.

Diskussion

Die im beschriebenen Prozess identifizierten QI werden im nächsten Projektschritt auf ihre Ausprägungen, Machbarkeit und Validität hin geprüft. Dabei werden auch Zusammenhänge zu patientenrelevanten Endpunkten untersucht und die Anwendbarkeit des parallel entwickelten Qualitätsmodells getestet. Hierfür werden einerseits etablierte und andererseits an den QI orientierte, neu entwickelte Erhebungsinstrumente in hausärztlichen Praxen eingesetzt, um PPM sowie Ärztinnen und Ärzte zu befragen. Auf Basis der Befragungsergebnisse wird dann das finale Qualitätsindikatorenset für die Versorgung von PPM verabschiedet.

Take Home Message für die Praxis

Das Projekt entwickelt ein QI-Set um gute Versorgung von PPM sichtbar zu machen und die Stellung hausärztlicher Versorgung von PPM langfristig zu stärken.

Stichwörter: Qualitätsindikatoren, ältere Patienten, systematische Literaturrecherche, Konsensusverfahren, Multimorbidität
9:00 V21-03

Prävalenz von Medikamentenfehldosierungen/-verordnungen bei Patienten mit eingeschränkter Nierenfunktion in Mecklenburg-Vorpommern (#44)

J. M. Stremme1, C. Helbig1, B. Obendorfer1, L. Rietschel2, J. Eger1, T. Garn1, A. Altiner1

1 Universität Rostock, Institut für Allgemeinmedizin, Rostock, Mecklenburg-Vorpommern, Deutschland
2 Universitätsklinikum Carl Gustav Carus an der TU Dresden, Klinik-Apotheke, Dresden, Sachsen, Deutschland

Hintergrund

Fehldosierungen/-verordnungen von Medikamenten bei Patienten mit eingeschränkter Nierenfunktion sind in der täglichen Versorgungspraxis eine Herausforderung. In Mecklenburg-Vorpommern (M-V) als Vielverordner-Bundesland mit alternder Bevölkerung ist dies von besonderer Bedeutung, da sowohl mit steigender Zahl der eingenommenen Medikamente als auch mit dem Alter der Patienten das Risiko für eine potentiell nicht nierenfunktionsangepasste Fehldosierung/-verordnung von Medikamenten steigt.

Fragestellung

Wie hoch ist die Prävalenz von potentiellen Medikamentenfehldosierungen/-verordnungen bei von Polypharmazie betroffenen Patienten ab 65 Jahren mit eingeschränkter Nierenfunktion bei Aufnahme in ein Krankenhaus der Schwerpunktversorgung in M-V?

Methoden

Für diese retrospektive Querschnittsstudie im Rahmen eines RCT (Polite-RCT ISRCTN42003273) wurden in 2015 und 2016 bei Krankenhausaufnahme 470 Patienten rekrutiert. Von diesen wurden die Medikation, das Serumkreatinin, die soziodemographischen Daten und die Diagnosen aus dem Entlassungsbrief erfasst. Mittels MDRD-Formel wurde die jeweilige eGFR der Patienten berechnet. Die Analyse der Medikation erfolgt in zwei Schritten: Zunächst werden mittels eines selbstentwickelten software-basierten Algorithmus alle Verordnungen auf potentiell nicht nierenfunktionsangepasste Dosierungen bzw. Verordnungen gescreent. Als Referenz für den Algorithmus dienen die jeweiligen Fachinformationen sowie das Heidelberger Pharmakotherapietool dosing. Auffällige Dosierungen bzw. Verordnungen werden anschließend in einem hausärztlichen und pharmazeutischen Expertenpanel bewertet.

Ergebnisse

Bei 48,3% der 470 Patienten fand sich eine eGFR von <60ml/min/1,73m². Das Potential einer auf die Nierenfunktionen bezogenen Fehldosierung/-verordnung erwarten wir unter Berücksichtigung der Referenzliteratur bei ca. 60 Patienten. Die detaillierte Analyse der Fehldosierungen/-verordnungen wird im Spätsommer 2019 vorliegen.

Diskussion

Ziele des Projektes sind es, (1) eine quantitative Aussage von Medikamentenfehldosierungen/-verordnungen bei Patienten mit eingeschränkter Nierenfunktion für M-V zu treffen und (2) potentielle Regelmäßigkeiten hinter diesen Medikamentenfehldosierungen/-verordnungen zu identifizieren. Diese Muster sollen langfristig in der Versorgung von Patienten mit eingeschränkter Nierenfunktion berücksichtigt werden. In einem nächsten Schritt wird der Algorithmus auf die gesamte RCT-Kohorte angewendet.

Take Home Message für die Praxis

Durch das Aufzeigen der Prävalenz von problematischen Verordnungen für M-V wird der Blick für die tägliche Praxis geschärft.

Erkannte Muster können helfen Fehlverordnungen vorzubeugen.

Stichwörter: eingeschränkte Nierenfunktion, Niereninsuffizienz, Medikament, Fehldosierung, Fehlverordnung, Polypharmazie
9:15 V21-04

Bewertung der alltäglichen Unterstützung von dementen Hausbesuchspatienten (#190)

F. Lenz1, J. Schübel1, R. Neumann2, A. Bergmann1, K. Voigt1

1 Medizinische Fakultät Carl-Gustav-Carus Dresden, Bereich Allgemeinmedizin, Dresden, Sachsen, Deutschland
2 TU Dresden, Professur für Methoden der empirischen Sozialforschung, Dresden, Sachsen, Deutschland

Hintergrund

Durch fortschreitende Einschränkungen im Alltag ist bei Patienten mit Demenz meist eine zusätzliche Unterstützung notwendig. Dieser Versorgungsbedarf führt dazu, dass ein Teil der Patienten nicht mehr in der eigenen Häuslichkeit leben kann und auf die Versorgung in stationären Pflegeeinrichtungen angewiesen ist. Auch das Aufsuchen der Praxis ist häufig nicht mehr möglich, sodass die Patienten auf Hausbesuche angewiesen sind.

Fragestellung

  • Wie wird die Unterstützung im Alltag von Patienten mit Demenz im Hausbesuch eingeschätzt?
  • Gibt es einen Zusammenhang zwischen Gemeindegröße und Wohnsituation bei der Versorgung von Demenzpatienten?

Methoden

Im Rahmen der SESAM-5-Studie wurden von 303 sächsischen Hausarztpraxen in einem Zeitraum von einem Jahr 4286 Hausbesuche mittels Fragebogen dokumentiert und inhaltliche wie strukturelle Merkmale erfasst. In der statistischen Analyse wurde vor allem auf bi- und multivariate Regressionsanalyse zurückgegriffen.

Ergebnisse

Die Prävalenz von Demenz betrug 27,5% im vorliegenden Hausbesuchssample. 72,6% der dementen Patienten bewohnten ein Pflegeheim oder betreutes Wohnen. Die Durchführenden des Hausbesuchs schätzten die alltägliche Unterstützung von Demenzpatienten im Heim signifikant besser ein, als in der eigenen Häuslichkeit (Schulnote 1,5 vs. 2,1). Gerade in städtischen Gebieten, wo signifikant mehr Patienten in Pflegeheimen wohnten (27% vs. 51%), wurde diese im Heim signifikant besser eingeschätzt (1,8 vs. 2,3).

Diskussion

Die Unterstützung dementer Patienten wird von den Durchführenden des Hausbesuchs im Pflegeheim vergleichsweise besser eingeschätzt als in der eigenen Häuslichkeit. Dies kann durch einen hohen Versorgungsbedarf der Demenzpatienten erklärt werden. Der Kontrast zwischen ruralen und urbanen Gebieten ist durch infrastrukturelle, aber auch durch organisatorische Unterschiede in ländlichen Bereichen erklärbar, wo signifikant häufiger eine Mitbetreuung durch Angehörige erfolgt.

Take Home Message für die Praxis

  • Demenzpatienten sind im Pflegeheim vergleichsweise besser versorgt als in der eigenen Häuslichkeit.
  • In urbanen Gebieten sind Patienten mit Demenz häufiger in einer stationären Einrichtung untergebracht.
  • Hausärzte sollten frühzeitig Unterstützungsangebote aufzeigen, um ein Versorgungsdefizit in der Häuslichkeit zu vermeiden.
Stichwörter: Hausbesuch, Demenz, Unterstützung im Alltag
9:30 V21-05

Gesundheit in einer Gesellschaft des längeren Lebens  – Wie können wir die gesundheitliche Lage älterer Menschen besser in den Studien des Robert Koch-Instituts abbilden? (#285)

C. Scheidt-Nave1, B. Gärtner1, H. Perlitz1, A. Gößwald1, P. Schmich1, J. Fuchs1

1 Robert Koch-Institut, Abteilung Epidemiologie und Gesundheitsmonitoring, Berlin, Deutschland

Hintergrund

Zu Gesundheit und Wohlergehen älterer Menschen bestehen auch in Deutschland erhebliche Datenlücken. Gerade funktionell eingeschränkte Menschen werden aus Studien ausgeschlossen oder sind unterrepräsentiert. Mit Förderung durch die Robert Bosch Stiftung (2016-2018) wurden ein wissenschaftliches Rahmenkonzept und Methoden zur verbesserten Einbeziehung älterer Menschen in Gesundheitssurveys erarbeitet und in einer Machbarkeitsstudie getestet.

Fragestellung

Wie schaffen wir es, ältere Menschen in bevölkerungsbezogene Gesundheitsstudien zu integrieren, was sind die relevanten Fragestellungen?

Methoden

In Verbindung mit dem nächsten Gesundheitssurvey für Erwachsene in Deutschland (2020-2022) wird eine speziell auf ältere Menschen ausgerichtete, durch das Bundesministerium für Gesundheit geförderte Zusatzstudie durchgeführt. Dazu wird eine bevölkerungsrepräsentative Cluster-Stichprobe der in Deutschland lebenden Bevölkerung ab 65 Jahren aus Einwohnermeldeämtern gezogen (geplante Nettostichprobe: N=2700). Basierend auf den Vorarbeiten wurde die Studie als Befragungs- und Untersuchungssurvey konzipiert. Angelehnt an das Modell der funktionalen Gesundheit und den WHO Aktionsplan „Ageing and Health“ wurden drei prioritäre Handlungsfelder (1) Lebensweltfaktoren, (2) Teilhabe und Aktivität, (3) personenbezogene Faktoren ausgewählt und mit Kennzahlen (Indikatoren) hinterlegt.

Ergebnisse

Die Einladung zur Studie wird mehrstufig erfolgen: postalisch, telefonisch, persönlich im Hausbesuch. Ein kurzer Fragebogen erhebt u. a. Angaben zu Lebenssituation, subjektiver Gesundheit, Einsamkeit, Depressivität, Stürzen, Einschränkungen bei Aktivitäten des täglichen Lebens. Dabei sind auch Proxy Befragungen möglich. Die Untersuchung (Studienzentrum oder Hausbesuch) umfasst Messungen von Greifkraft, kognitiver Funktion, Blutdruck, Größe und Gewicht. Aktuell verwendete Arzneimittel und Nahrungsergänzungsmittel werden erfasst.

Diskussion

Die Studie soll zum Aufbau eines kontinuierlichen Gesundheitsmonitorings der Bevölkerung 65+ beitragen. Die Ergebnisse sollen genutzt werden, um die gesundheitlichen Bedarfe der älteren Bevölkerung besser zu beschreiben und gemeinsam mit Akteuren aus der Praxis Empfehlungen für gesundheitspolitische Maßnahmen zu erarbeiten.

Take Home Message für die Praxis

Für die Durchführung und Auswertung der Studie ist die Unterstützung aus der hausärztlichen Versorgungspraxis wichtig. Durch die Vorstellung der Studie möchten wir den Dialog zwischen Public Health, Primärversorgung und Gesundheitspolitik stärken.

Stichwörter: Demografischer Wandel, Public Health, Gesundheitsmonitoring, hausärztliche Versorgung
9:45 V21-06

Hausärztliche Einschätzungen des Versorgungsbedarfs von Pflegeheimbewohnern durch Fachspezialisten - Ergebnisse einer Querschnittserhebung (#349)

O. Spreckelsen1, G. Schmiemann2, A. Fassmer3, B. Engel1, F. Hoffmann3, M. Freitag1

1 Carl von Ossietzky Universität Oldenburg, Abteilung Allgemeinmedizin, Oldenburg, Niedersachsen, Deutschland
2 Universität Bremen, Institut für Public Health und Pflegeforschung, Bremen, Bremen, Deutschland
3 Carl von Ossietzky Universität Oldenburg, Abteilung Ambulante Versorgung und Pharmakoepidemiologie, Oldenburg, Niedersachsen, Deutschland

Hintergrund

Hausärzte nehmen eine zentrale Rolle in der Versorgung von Pflegeheimbewohnern ein. Die Versorgung durch ärztliche Fachspezialisten wird jedoch teilweise als unzureichend kritisiert. Bisher unbeantwortet ist, wie der Bedarf an fachspezialisierter Versorgung im Pflegeheim eingeschätzt wird.

Fragestellung

Wie bewerten Hausärzte die Versorgungsbedarfe durch unterschiedliche Fachspezialisten und wie beurteilen sie die (ärztliche) Versorgung von Heimbewohnern?

Methoden

Es wurden Daten eines postalischen Surveys unter 1.121 zufällig ausgewählten Hausärzten in Bremen und Niedersachsen im Rahmen des HOMERN-Projektes ausgewertet. Die Teilnehmer wurden gebeten, den Versorgungsbedarf für einzelne Fachgebiete auf einer 5-stufigen Likert-Skala einzuschätzen (von 0=sehr gering bis 4=sehr hoch). Mittels deskriptiver Statistik wurden Einschätzungen ausgewertet.

Ergebnisse

Es nahmen 375 Teilnehmer (Response 33,5%; mittleres Alter 54,4 Jahre; 57,6% Männer) an der Befragung teil. Hausärzte schätzen einen hohen oder sehr hohen Versorgungsbedarf besonders an Neurologen und Psychiatern ein (68,7%). Der Versorgungsbedarf an Urologen (38,2%), Zahnärzten (29,7%) und Augenärzten (28,7%) wurde deutlich seltener als hoch eingeschätzt, die niedrigsten Werte nahmen HNO-Ärzte (12,4%) und Gynäkologen (6,5%) ein. Eine sehr hohe Zustimmung fand die Aussage, dass die fachspezialisierte Versorgung durch Hausärzte koordiniert werden sollte (96,2%) sowie, dass einem Kontakt mit einem Fachspezialisten in der Regel eine Überweisung durch den Hausarzt vorausgehen sollte (87,5%). Die Weiterbildung zum Allgemeinmediziner wird mehrheitlich (59,4%) als ausreichende Grundlage für die Versorgung von Pflegeheimbewohnern angesehen. Eine Versorgung eines Pflegeheims nur durch eine Praxis wurde jedoch mit deutlicher Mehrheit abgelehnt (Zustimmung 25,7%).

Diskussion

Die bekannten Unterschiede an Kontakthäufigkeiten zu verschiedenen Fachspezialisten spiegeln sich auch in der Einschätzung des Versorgungsbedarfs durch Hausärzte wider. Insbesondere die neurologische bzw. (geronto-)psychiatrische Unterstützung wird als notwendig angesehen, was mit der hohen Krankheitslast korrespondiert. Die eigene Koordinierungsfunktion wird als wichtig, die eigene Weiterbildung wird mehrheitlich als ausreichende Qualifikation angesehen.

Take Home Message für die Praxis

Hausärzte sehen einen unterschiedlichen Versorgungsbedarf durch Fachspezialisten, die Mitbetreuung durch Neurologen und Psychiater wird mit der höchsten Priorität bewertet.

Stichwörter: Pflegeheim, Fachspezialisten, Hausärztliche Koordination, Querschnittsbefragung