DEGAM 2019
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Quartäre Prävention

Moderatoren: Kühlein , Thomas , Professor; Bleckwenn , Markus , Priv.-Doz.
 
Shortcut: V33
Datum: Freitag, 13. September 2019, 11:30
Raum: Palmeria 2
Sessiontyp: Vortrag

Abstract

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11:30 V33-01

Verlauf von morphologischen Schilddrüsenveränderungen über 10 Jahre bei Teilnehmern einer Kohortenstudie (#41)

A. Angelow1, J. Steinbach1, J. - F. Chenot1, S. Kiel1, T. Ittermann2

1 Universitätsmedizin Greifswald, Abteilung Allgemeinmedizin, Greifswald, Mecklenburg-Vorpommern, Deutschland
2 Universitätsmedizin Greifswald, Abteilung SHIP-KEF, Greifswald, Mecklenburg-Vorpommern, Deutschland

Hintergrund

Schilddrüsenveränderungen treten bei bis zu 68% der Bevölkerung auf und sind ein häufiger Vorstellungsgrund in der Hausarztpraxis. Die meisten Veränderungen sind nicht diagnostiziert. Zum Verlauf gibt es kaum Untersuchungen.

Fragestellung

Wie verändern sich Schilddrüsenknoten und –volumen im Zeitraum von 10 Jahren?

Methoden

Längsschnittanalyse von Daten der bevölkerungsbezogenen Kohortenstudie Study of Health in Pomerania (2002-2016). Berechnet wurden Inzidenzen und Anteil der Probanden mit Veränderung von Schilddrüsenknoten und -volumen für Personen mit und ohne Schilddrüsenmedikation (mM, oM).

Ergebnisse

Von 1386 eingeschlossenen Probanden (Durchschnittsalter 50 Jahre, SD±13, 48% Männer) hatten 56% zur Baseline der Analyse Schilddrüsenknoten und/oder eine Struma (davon 16% behandelt). Im Verlauf von 10 Jahren entwickelten 33% (203/610) eine Schilddrüsenveränderung. Nach 10 Jahren hatten 23% (mM 22%, oM 23%) der Probanden eine höhere Knotenanzahl, 67% (mM 65%, oM 67%) eine gleichbleibende Knotenanzahl und 10% (mM 13%, oM 9%) eine niedrigere Knotenanzahl.

Nach 10 Jahren hatten 28% (mM 24%, oM 29%) der Frauen ein größeres, 45% (mM 40%, oM 47%) ein unverändertes und 27% (mM 37%, oM 24%) ein kleineres Schilddrüsenvolumen. Bei den Männern hatten 37% (mM 41%, oM 37%) ein größeres, 42% (mM 33%, oM 43%) ein unverändertes und 21% (mM 26%, oM 21%) ein kleineres Schilddrüsenvolumen. Bei Personen mit Struma lagen keine klinisch relevanten Unterschiede im Vergleich zur Gesamtgruppe vor. Nur ein Proband entwickelte im Verlauf von 10 Jahren ein Schilddrüsenkarzinom.

 


Diskussion

Bei bis zu 50% der Personen bleiben Anzahl von Schilddrüsenknoten und Schilddrüsenvolumen im Verlauf von 10 Jahren unverändert oder nehmen ab. Bei einer Vielzahl der Veränderungen handelt es sich um klinisch nicht relevante Normabweichungen. Unsere Ergebnisse können durch Berücksichtigung in Monitoringempfehlungen und Verordnungen von Folgeuntersuchungen zur Reduktion von Überversorgung beitragen.

Take Home Message für die Praxis

Bei Patienten mit bekannten morphologischen Schilddrüsenveränderungen sollte vor jeder Untersuchung kritisch geprüft werden, ob eine Kontrolluntersuchung oder eine Therapie notwendig ist.

Stichwörter: Schilddrüsenveränderungen, Epidemiologie, Monitoring
11:45 V33-02

arriba-MediQuit: Die Absetzhilfe bei Polypharmazie im Praxistest (#99)

M. Michiels-Corsten1, N. Gerlach1, T. Schleef2, U. Junius-Walker2, N. Donner-Banzhoff1, A. Viniol1

1 Philipps-Universität Marburg, Abteilung für Allgemeinmedizin, Marburg, Hessen, Deutschland
2 Medizinische Hochschule Hannover, Institut für Allgemeinmedizin, Hannover, Niedersachsen, Deutschland

Hintergrund

Patienten mit komplexen Medikamentenregimen stellen Hausärzte zunehmend vor große Herausforderungen. Bei diesen meist multimorbiden Patienten müssen Leitlinienempfehlungen sowie individuelle Patientenpräferenzen integriert und stetig die Arzneimitteltherapiesicherheit geprüft werden. Das Absetzen von unnötigen oder inadäquaten Medikamenten stellt dabei einen wichtigen Schritt dar. Hierbei sehen sich Hausärzte jedoch mit diversen Schwierigkeiten konfrontiert. Praktikable und zweckdienliche Hilfen für den Absetzprozess sind daher dringend gesucht. Wir haben ein arriba-Modul zum Medikamentenabsetzen entwickelt, das Hausärzte bei der Bewertung von Medikamenten, Kommunikation, gemeinsamen Entscheidungsfindung, Planung und Umsetzung von Absetzvorhaben unterstützt.

Fragestellung

Wie bewerten Hausärzte und Patienten den Einsatz von arriba-MediQuit zum Medikamentenabsetzen im Praxisalltag?

Methoden

An zwei Studienstandorten in Marburg und Hannover wurden jeweils acht Forschungspraxen rekrutiert. Jede Praxis sollte drei bis fünf Patienten >60 Jahren, mit drei chronischen Erkrankungen und mindestens fünf Dauermedikamenten mithilfe von arriba-MediQuit beraten. Hausärzte und Patienten gaben anschließend mittels Fragebogen und Telefoninterview Rückmeldung zu Umsetzung, Anwendbarkeit, Akzeptanz, Patientenbeteiligung, Zufriedenheit und Verbesserungsbedarf. Die Ergebnisse wurden quantitativ ausgewertet.

Ergebnisse

Zum Einreichungszeitpunkt liegen die Ergebnisse noch nicht vollständig vor. Es konnten bisher jedoch an beiden Standorten acht Praxen rekrutiert werden. Es zeigte sich bisher aus ärztlicher wie auch Patientensicht eine große Bereitschaft Medikamentensgespräche zu führen und die neue Software dafür einzusetzen. Ein nachhaltiges Umstellen von Medikamenten konnte beobachtet werden.

Diskussion

Insgesamt konnte eine positive Nutzenbewertung aus ärztlicher und Patientensicht beobachtet werden. Die Rückmeldungen deckten einige Ansatzpunkte zur Verbesserung der Software auf. Dies betraf insbesondere die Integration von Arzneimitteldatenbanken sowie eine graphische Aufwertung. Eine Validierung auf patientenrelevante Endpunkte konnte hier nicht erfolgen und sollte in weiteren Entwicklungsstufen angestrebt werden. Die Weiterentwicklung von arriba-MediQuit wird aktuell geplant.

Take Home Message für die Praxis

Das neue arriba-Modul MediQuit bietet Hausärzten vielfältige Unterstützung beim Bewerten von Polypharmazie, bei der gemeinsamen Entscheidungsfindung und bei der praktischen Umsetzung des Absetzens von Medikamenten.

Stichwörter: Polypharmazie, Absetzen von Medikamenten, Deprescribing, Multimedikation, Entscheidungshilfe, Shared decision-making, primary health care
12:00 V33-03

Überversorgung durch nicht-indizierten Ultraschall der Schilddrüse? Eine Analyse von Routinedaten der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns. (#302)

S. Hueber1, J. Tomandl1, L. Hafner2, V. Biermann3, H. Tauchmann2, O. Schöffski3, M. Lehmann4, A. Schedlbauer1, R. Gerlach5, M. Tauscher5, E. Donnachie5, T. Kühlein1

1 Universtitätsklinikum Erlangen, Allgemeinmedizinisches Institut, Erlangen, Bayern, Deutschland
2 Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, Professur für Gesundheitsökonomie, Nürnberg, Bayern, Deutschland
3 Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, Lehrstuhl für Gesundheitsmanagement, Nürnberg, Bayern, Deutschland
4 Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, Institut für Medizininformatik, Biometrie und Epidemiologie, Erlangen, Bayern, Deutschland
5 Kassenärztliche Vereinigung Bayerns, München, Deutschland

Hintergrund

Ein Ultraschallscreening auf Schilddrüsenerkrankungen bei symptomfreien Patienten gilt als möglicher Auslöser für Überversorgung, weshalb es nicht empfohlen wird. Wir vermuten, dass ein „graues“ Ultraschallscreening Kaskadeneffekte auslösen kann. Kaskadeneffekte sind definiert als eine Kette diagnostischer und therapeutischer Maßnahmen, die einmal begonnen nur schwer unterbrochen werden kann. Ziel unseres Projektes ist es, solche Kaskadeneffekte zu identifizieren und zu beschreiben.

Fragestellung

Welche Patienten sind von Kaskadeneffekten besonders betroffen? Gibt es Subgruppen mit unterschiedlichen Behandlungsverläufen? Wie unterscheiden sich diese Gruppen?

Methoden

Retrospektive Analyse eines Datensatzes der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns (2012 bis 2017). Untersucht werden Daten von Patienten mit nicht-indiziertem Schilddrüsen-Ultraschall, definiert als erstmaliger TSH-Test ohne die Diagnose einer Funktionsstörung, gefolgt von einem Ultraschall der Schilddrüse innerhalb von 28 Tagen. Um Subgruppen zu identifizieren wird eine Clusteranalyse nach der Häufigkeit von schilddrüsenspezifischen Untersuchungen im Zeitverlauf durchgeführt.

Ergebnisse

Es werden Daten von 41.065 Patienten ausgewertet. Erste Analysen lassen vermuten, dass es Subgruppen von Patienten gibt, die häufigen Kontrolluntersuchungen unterzogen werden. Die Datenanalyse ist noch nicht abgeschlossen. Vollständige Ergebnisse werden zum Kongress vorliegen.

Diskussion

Eine systematische Analyse und Darstellung von Überversorgungsprozessen, ausgelöst durch nicht-indizierte Untersuchungen, soll dazu beitragen, unnötige Medizin zu reduzieren. Das Projekt wird im Rahmen des BMBF-geförderten Netzwerkes PRO PRICARE durchgeführt.

Take Home Message für die Praxis

Die ersten Ergebnisse lassen vermuten, dass das Durchführen einer nicht indizierten Schilddrüsensonographie in bestimmen Patientengruppen zu Kaskadeneffekten und Überversorgung führen kann.

Stichwörter: Überversorgung, Schilddrüse, Routinedaten, Versorgungsforschung
12:15 V33-04

Opioidgebrauchsstörung in Deutschland: Droht Deutschland eine Opioidepidemie? (#396)

K. Weckbecker1, J. Just2

1 Heinrich-Heine-Universität, Institut für Allgemeinmedizin, Düsseldorf, Nordrhein-Westfalen, Deutschland
2 Praxis Hausärzte am Rhein, Bonn, Nordrhein-Westfalen, Deutschland

Hintergrund

Missbrauch und Abhängigkeit von verschreibungspflichtigen Opioiden sind in den USA zu einer Gesundheitskrise herangewachsen. Mortalität und Morbidität steigen trotz Gegenmaßnahmen weiter an und reduzieren die Gesamtlebenserwartung. Die Situation in Deutschland ist aus vielerlei Gründen nicht mit der Opiodepidemie in den USA vergleichbar (Verfügbarkeit von Schmerzmitteln allgemein & speziell von Opioiden, Alter der Patienten mit Opioiddauertherapie u.a.m). Auf der anderen Seite fehlen Untersuchungen zur Prävalenz der Opioidgebrauchsstörung in Deutschland. 

Fragestellung

Angesichts der  Entwicklung in den USA stellt sich die Frage, ob eine ähnliche Entwicklung in Deutschland zu beobachten ist. Wie hoch ist die Prävalenz der Opioidgebrauchsstörung unter Patienten mit einer Opioiddauertherapie in Deutschland?

Methoden

In einer Serie von drei Studien untersuchten wir eine repräsentative Bevölkerungsstichprobe (Sekundärdatenanalyse) sowie zwei Populationen von ambulant Patienten mit Opioiddauertherapie (prospektive Befragung) auf Zeichen einer Opioidgebrauchsstörung.

Ergebnisse

18% - 26,6% der Patienten waren von einer Opioidgebrauchsstörung betroffen. Mittelschwere bis schwere Fälle wurden in 5% - 10% der Fälle diagnostiziert.

Diskussion

Opioide sind richtig eingesetzt  gute und sichere Schmerzmittel, aber in bestimmten Konstellationen mit dem Risiko vergesellschaftet, eine Opiodgebrauchsstörung zu entwickeln. Dieses Risiko kann vermindert werden durch: das Erkennen von Risikofaktoren, die Aufklärung der Patienten über Risiken, die klare Indikation der Opioidtherapie, die angemessene Opioiddosis, eine möglichst kurze Therapiedauer und das Vermeiden von abruptem Absetzen.

Die neue DSM 5 Diagnose Opioidgebrauchsstörung ist weit gefasst und beschreibt in der leichten Form eher Risiko- als Suchtpatienten. Nichtsdestotrotz findet sich auch in Deutschkand ein relevanter Anteil von Patienten mit Opioidgebrauchsstörung, von denen zusätzlich ein relevanter Anteil die Kriterien der ICD 10 Diagnose „Suchterkrankung“ erfüllen. Auch in Deutschland wird die Entwicklung einer Opioidgebrauchsstörung und einer Suchterkrankung sowohl durch Patientencharakteristika als auch durch das Verschreibungs- und Aufklärungsverhalten der Ärzte beeinflusst.

Take Home Message für die Praxis

Im Sinne der quartären Prävention sollten Ärzte Patienten mit Risikofaktoren erkennen, Patienten korrekt über zu erwartende Effekte und Risiken aufklären und Verschreibungsregeln zur Vermeidung einer Suchtentwicklung beachten.

Stichwörter: Quartäre Prävention, Opioide, Abhängigkeit