DEGAM 2019
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Digitalisierung und E-Health

Moderatoren: Popert , Uwe W. , PhD/MD (Praxis für Allgemeinmedizin, Kassel, Deutschland); Waschkau , Alexander ,
 
Shortcut: V43
Datum: Freitag, 13. September 2019, 15:30
Raum: Rudolf Wöhrl - HS
Sessiontyp: Vortrag

Abstract

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15:30 V43-01

Telemedizin und Hausärztebedarf aus kommunaler Perspektive – eine explorative Studie (#53)

M. Weißenfeld1, K. Götz1, J. Steinhäuser1

1 Universität zu Lübeck, Institut für Allgemeinmedizin, Lübeck, Schleswig-Holstein, Deutschland

Hintergrund

Telemedizin wird vielfach als hilfreiche Unterstützung für die Versorgung von Patienten z.B. im ländlichen Raum gesehen. Allerdings ist die Akzeptanz von telemedizinischen Anwendungen (TA) nicht bekannt. Um TA anbieten zu können, sind mehrere Voraussetzungen nötig, die u.a. lokalpolitisch beeinflusst sind.

Fragestellung

Ziel dieser Studie war es, die Einstellung von Bürgermeisterinnen und Bürgermeistern (B&B) bezüglich Telemedizin und Hausärztebedarf zu explorieren.

Methoden

Auf dem Boden einer selektiven Literaturrecherche wurde ein Fragebogenset mit 20 Fragen entwickelt und pilotiert. Neben soziodemographischen Daten waren Fragen zur Einschätzung von Telemedizin und der hausärztlichen Versorgung enthalten. Im Rahmen einer Vollerhebung wurden 2199 B&B in Schleswig-Holstein und Baden-Württemberg zwischen November 2018 und Februar 2019 eingeladen, an der Befragung teilzunehmen. Die Daten wurden deskriptiv ausgewertet. Multivariate Analysen können auf dem Kongress präsentiert werden.

Ergebnisse

Der Rücklauf lag bei 699 (32,2%), 98% gaben an, dass Ihre Gemeinde im ländlichen Raum liegen würde, 46% waren bis zu acht Jahre im Amt, 15% der Teilnehmer waren weiblich. Einen Mangel an Hausärzten in der Gemeinde gaben 39% der teilnehmenden B&B an. Ein Hausarzt war für 76% in zehn Minuten erreichbar. 61% der Teilnehmer hatten eine (sehr) positive Einstellung zur Telemedizin. Z.B. glaubten 76%, dass ihre Gemeinde von TA profitieren würde. Großes Vertrauen in eine solche Versorgung gaben 44,7% der B&B an.

Diskussion

Die Eigenwahrnehmung einer Gemeinde als im ländlichen Raum liegend sowie der Hausärztebedarf muss kritisch hinterfragt werden. Die Akzeptanz TA gegenüber ist hoch, allerdings nicht in gleichem Maße das Vertrauen.

Take Home Message für die Praxis

Der gefühlte Hausärztebedarf liegt höher, als der auf der Bedarfsplanung basierte. Die Akzeptanz bezüglich TA steigt in den letzten Jahren kontinuierlich.

Stichwörter: Telemedizin, Kommune, Hausarztmangel, Versorgung, Bürgermeister
15:45 V43-02

Determinanten der Implementierung von Versorgungsangeboten zur ausschließlichen Fernbehandlung (#54)

M. Solodkoff1, C. Strumann1, J. Steinhäuser1

1 Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Campus Lübeck, Institut für Allgemeinmedizin, Lübeck, Schleswig-Holstein, Deutschland

Hintergrund

In Baden-Württemberg (BW) wurde mit dem Titel „docdirect“ ein telemedizinisches Modellprojekt entwickelt, mit dem erstmalig für ein ganzes Bundesland das außer Kraft gesetzte Fernbehandlungsverbot in die Regelversorgung integriert wurde. Angesprochen werden sollen gesetzlich versicherte Patienten, die ihren Hausarzt oder einen anderen Gebietsarzt bei akuten Beschwerden nicht erreichen können.

Fragestellung

Ziel ist es „docdirekt“ im Hinblick auf die Akzeptanz von Versorgungsangeboten zur ausschließlichen Fernbehandlung implementierungswissenschaftlich zu evaluieren und Empfehlungen zur Anpassung des Angebots zu entwickeln.

Methoden

Es werden zunächst mithilfe von leitfadengestützten Telefoninterviews mit hausärztlichen Patienten aus BW Determinanten für die Inanspruchnahme dieses telemedizinischen Versorgungsangebots exploriert. Die Determinanten werden anschließend mittels einer quantitativen Befragung von 2000 zufällig ausgewählten Bürgerinnen und Bürgern aus BW priorisiert.

Ergebnisse

Es wurden 27 Telefoninterviews mit Probanden im Alter zwischen 24 und 86 Jahren (MW: 50,7), davon 63% weiblich, geführt. Als förderlich für die Nutzung dieses Versorgungsangebots wurden u.a. die Anonymität der Behandlung, die Möglichkeit des E-Rezepts/AU-Ausstellung, die geringere Ansteckungsgefahr durch Vermeidung eines Praxisbesuchs und die Ausweitung der bisherigen Sprechzeiten (Mo-Fr, 9-19 Uhr) genannt. Die eingeschränkten Untersuchungsmöglichkeiten sowie die Anonymität des behandelnden Telearztes waren Barrieren aus Sicht der Teilnehmer. Die Ergebnisse der quantitativen Befragung werden auf dem Kongress vorgestellt.

Diskussion

Einerseits wird die Anonymität von „docdirect“ als Vorteil genannt, gleichzeitig ist die fehlende Beziehung zu dem behandelnden (Tele)Arzt eine Barriere. Welcher der explorierten Aspekte bei der Nutzungsabsicht überwiegt, soll im Rahmen der im Sommer 2019 durchgeführten Befragung zur Priorisierung der Determinanten untersucht werden. Auf dem Boden dieser Ergebnisse werden Strategien entwickelt, wie sich dieses telemedizinische Versorgungsangebot gegebenenfalls anpassen lässt.

Take Home Message für die Praxis

„docdirect“ setzt die Forderung aus der Implementierungswissenschaft um, dass telemedizinisch unterstützte Versorgungsansätze, welche in die Regelversorgung eingeführt werden sollen, begleitevaluiert werden sollen.

Stichwörter: E-Health, Telemedizin, Implementierungswissenschaft, Mixed Methods
16:00 V43-03

Ein „Patientendatenbasiertes Vorschlagssystem“ – Unterstützung bei einer individualisierten Versorgung multimorbider Patienten in der hausärztlichen Praxis (Projekt ATMoSPHÄRE) (#82)

P. Borchers1, M. Böhme1, K. Voigt1, A. Bergmann1

1 Universitätsklinikum Carl Gustav Carus an der Technischen Universität Dresden, Bereich Allgemeinmedizin, Medizinische Klinik und Poliklinik III, Dresden, Deutschland

Hintergrund

Patienten mit Multimorbidität sind eine sehr heterogene Patientengruppe mit teils sehr unterschiedlichen Einschränkungen und weisen entsprechend verschiedene Versorgungsbedarfe auf. Die hausärztliche Versorgung, die ganzheitlich auf die Sicherstellung der Patientenautonomie fokussiert, sollte parallel zur medizinischen Versorgung auch auf bedarfsgerechte externe Dienstleistungsangebote oder Hilfsmittel verweisen.

Fragestellung

Unterstützt das in ATMoSPHÄRE entwickelte „patientendatenbasierte Vorschlagssystem (PDVS) von externen Dienstleistungsangeboten“ die hausärztliche individualisierte Versorgung multimorbider Patienten?

Methoden

Bei dem innerhalb des Telemedizinprojektes ATMoSPHÄRE entwickelten PDVS kam ein Algorithmus zur Anwendung, welcher individuelle Dienstleistungsvorschläge auf Grundlage der Ergebnisse geriatrischer Basisassessments generiert. Für dessen Plausibilitätsprüfung wurden ein schriftliches Delphi-Verfahren (n=8) sowie qualitative Interviews (n=4) mit den Studienhausärzten (HÄ) durchgeführt. Die HÄ gaben zunächst fallbasiert für einen multimorbiden Patienten an, welche Dienstleistungsangebote sie für notwendig erachten und inwieweit sie die personalisierten PDVS-Vorschläge als passend bewerten. Signifikante quantitative Unterschiede zwischen HÄ- und PDVS-Vorschlägen wurden mit dem Test nach Wilcoxon für zwei verbundene Stichproben geprüft.

Ergebnisse

Im Delphi-Verfahren zeigten sich sowohl eine hohe inhaltliche als auch eine hohe quantitative Variabilität (1 bis 10, MW=5,6; SD=2,8) der angegebenen Vorschläge durch die HÄ. Die Anzahl der als passend bewerteten PDVS-Vorschläge lag zwischen 7 und 17 von insgesamt 20 (MW=11,9; SD=2,5). In den qualitativen Interviews zeigte sich, dass die zusätzlich als passend bewerteten PDVS- Vorschläge speziell in der sozialen Versorgung (bspw. Hausnotruf) verortet waren.

Diskussion

Das in ATMoSPHÄRE entwickelte PDVS kann als hilfreiche Ergänzung für die hausärztliche Versorgung multimorbider Patienten bewertet werden, da es passende Vorschläge aufzeigt, welche in der Vielzahl von Versorgungsangeboten und Dienstleistern eher seltener Beachtung finden. Das PDVS kann somit bei der ganzheitlichen Versorgung dieser vulnerablen Patientengruppe unterstützend wirken.

Take Home Message für die Praxis

Ein patientendatenbasiertes Vorschlagssystem für Dienstleistungen kann die bedarfsorientierte Versorgung multimorbider Patienten hilfreich ergänzen, indem die jeweils aktuell verfügbare Dienstleistungsvielfalt für hausärztliche Entscheidungen zur Verfügung gestellt wird.

Stichwörter: Multimorbidität, hausärztliche Versorgung, Dienstleistungsangebote, digitales Unterstützungssystem
16:15 V43-04

Telemedizinische Versorgung in Justizvollzugsanstalten in Baden-Württemberg - Gemischt-methodische Evaluation eines Modellprojekts zur Fernbehandlung (#133)

R. Koch1, M. G. Colombo1, S. Joos1

1 Universitätsklinikum Tübingen, Institut für Allgemeinmedizin und Interprofessionelle Versorgung, Tübingen, Baden-Württemberg, Deutschland

Hintergrund

Telemedizin gewinnt in vielen medizinischen Fachbereichen an Bedeutung und bietet besonders für vulnerable Gruppen, wie zum Beispiel Patienten/Patientinnen in Justizvollzugsanstalten (JVA), Chancen auf eine verbesserte medizinische Versorgung. Seit Aufhebung des Fernbehandlungsverbots in Baden-Württemberg wurden erstmals Videokonsultationen in fünf JVA in Baden-Württemberg im Rahmen eines Modellprojekts angeboten, welches vom Institut für Allgemeinmedizin und Interprofessionelle Versorgung des Universitätsklinikums Tübingen evaluiert wurde.

Fragestellung

Wie beurteilen die beteiligten Akteure die Videokonsultationen?

Welche Probleme und Verbesserungsbedarfe werden identifiziert?

Methoden

Das telemedizinische Angebot wurde mittels eines gemischt-methodischen Ansatzes evaluiert. Quantitative und qualitative Primärdaten wurden mit Hilfe von Fragebögen sowie leitfadengestützten Interviews mit allen an den Videokonsultationen Beteiligten (Patienten/Patientinnen, Pflegekräften, Videoärzten/Videoärztinnen) erhoben. Zusätzlich wurden Sekundärdaten ausgewertet, die aus der Videokonsultationssoftware stammen.

Ergebnisse

Von Juni bis Dezember 2018 fanden 305 Videokonsultationen in den fünf teilnehmenden JVA statt. Zu den häufigsten Anlässen für die Videokonsultationen gehörten Angst und Unruhe, Schlafstörungen sowie Fragen zur Medikation. Die mittels Fragebögen (n=56) und Interviews (n=9) befragten Patienten/Patientinnen bewerteten die Videokonsultationen überwiegend positiv, 35% sahen in dem Angebot eine sinnvolle Ergänzung zur bisherigen medizinischen Versorgung. Eine persönliche Konsultation bei einem Arzt oder einer Ärztin in der JVA würden dennoch 42% der Befragten vorziehen. Seitens der mit Fragebögen (n=13) und Interviews (n=14) befragten Ärzten/Ärztinnen und Pflegekräften war insbesondere während der Implementierungsphase ein erheblicher Mehraufwand zu verzeichnen.

Diskussion

In den JVA stellen allgemeinmedizinische und psychiatrische Videokonsultationen eine sinnvolle Ergänzung zur bestehenden medizinischen Versorgung dar. Pflegekräfte finden sich in einer neuen Rolle als „Vermittler“ wieder. Eine breite Implementierung der neuen Versorgungsform erfordert daher die frühe Einbindung von Pflegekräften in den Prozess.

Take Home Message für die Praxis

Die Versorgungsform wird aus der Perspektive von Pflegekräften, Videoärzten/Videoärztinnen und Patienten/Patientinnen in den JVA überwiegend positiv bewertet. Videokonsultationen sind in JVA unter Berücksichtigung der spezifischen personellen und strukturellen Voraussetzungen der JVA implementierbar.

Stichwörter: Evaluation, Telemedizin, Modellprojekt, Primärversorgung, Justizvollzug
16:30 V43-05

Welche Anforderungen stellen Hausärztinnen und Hausärzte an medizinische Informationen? Eine systematische Übersichtsarbeit qualitativer und quantitativer Studien (#167)

P. van der Keylen1, L. Frank1, R. Möhler2, K. Wollmann3, A. Schöpf4, A. Maun4, S. Voigt-Radloff3

1 Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg , Allgemeinmedizinisches Institut, Erlangen, Bayern, Deutschland
2 Universität Bielefeld, Fakultät für Gesundheitswissenschaften, Versorgungsforschung und Pflegewissenschaft, Bielefeld, Nordrhein-Westfalen, Deutschland
3 Universitätsklinikum Freiburg, Cochrane Deutschland, Freiburg, Baden-Württemberg, Deutschland
4 Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, Institut für Medizinische Biometrie und Statistik, SEVERA, Freiburg, Baden-Württemberg, Deutschland

Hintergrund

Mit der flächendeckenden Verbreitung des Internets in den letzten Dekaden hat sich auch der Zugang zu medizinischem Wissen stark verändert. Mit Einführung der Telematikinfrastruktur werden alle Praxen in Deutschland zu einem Internetanschluss verpflichtet. Die Digitalisierung hat die Möglichkeiten der Informationsverbreitung und -präsentation revolutioniert. Ein wachsendes Angebot an Informations- und Fortbildungsdienstleistern, wie Deximed, Uptodate oder die EbM-Guidelines, konkurrieren um die Aufmerksamkeit der HausärztInnen und mit klassischen Formaten, wie dem Lehrbuch. Die Anforderungen von HausärztInnen an solche medizinischen Informationsangebote sind bisher nur fragmentarisch erforscht worden, während es für Patienteninformationen bereits gut begründbare Empfehlungen gibt. Ein aktuelles Beispiel ist die Leitlinie evidenzbasierte Gesundheitsinformation des DNEbM von 2017. Eine systematische Übersicht über die Anforderungen von HausärztInnen an medizinische Information fehlt bisher.

Fragestellung

Welche Anforderungen stellen Hausärztinnen und Hausärzte an medizinische Informationen?

Methoden

Es wird eine systematische Übersichtsarbeit qualitativer und quantitativer Studien durchgeführt. Die initiale Literatursuche erfolgte am 02. Mai 2018 in den Datenbanken Medline via PubMed, Scopus und Web of Science. Es wurden Originalarbeiten ab dem Jahr 2000 eingeschlossen, die sich vorwiegend mit HausärztInnen beschäftigten, und dabei deren Anforderungen, Suchverhalten, aber auch Barrieren mit textbasierten Informationsquellen unter Berücksichtigung des digitalen Wandels beschäftigten.

Ergebnisse

Nach der Entfernung von Duplikaten wurden 3397 Studien nach Titel und Abstrakt, und schließlich 46 Studien im Volltext geprüft. Derzeit wird die Datenanalyse durchgeführt. Erste Ergebnisse der Datensynthese werden beim Kongress vorgestellt.

Diskussion

Nach dem Vortrag sollen die Ergebnisse und Implikationen gemeinsam im Plenum diskutiert werden.

Take Home Message für die Praxis

Die akutelle Kenntnis und die systematische Analyse um die Anforderungen von HausärztInnen an medizinsche Informationen unter spezieller Berücksichtigung der zunehmenden Digitalisierung hilft, Implementierungschancen und -barrieren medizinischer Informationen im Praxisalltag zu identifizieren.

Stichwörter: Hausärzte, Gesundheitsinformation, Anforderungen, Barrieren, Internet