DEGAM 2019
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EbM in hausärztlichen Alltag

Moderatoren: Mortsiefer , Achim , Priv.-Doz. (Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, Medizinische Fakultät, Institut für Allgemeinmedizin, Düsseldorf, Deutschland); Schmiemann , Guido , Priv.-Doz.
 
Shortcut: V51
Datum: Freitag, 13. September 2019, 17:30
Raum: HSZ Medizin Kleiner Hörsaal
Sessiontyp: Vortrag

Abstract

17:30 V51-01

Aktualisierung der Leitlinie ‚Multimedikation‘: ein systematisches Leitlinien-Review (#275)

M. - S. Brueckle1, T. S. Nguyen1, A. I. Gonzalez-Gonzalez1, F. M. Gerlach1, C. Muth1

1 Johann Wolfgang Goethe-Universtität, Institut für Allgemeinmedizin, Frankfurt, Deutschland

Hintergrund

In der komplexen Behandlung von Patienten mit Multimorbidität und Polypharmazie (MM/PP) erweisen sich krankheitsorientierte Leitlinien oft als inadäquat. In den letzten Jahren wurden daher Leitlinien zur Versorgung dieser Patienten entwickelt, darunter die Leitlinie ‚Multimedikation‘ der Leitliniengruppe Hessen/PMV Forschungsgruppe/DEGAM. Zur Aktualisierung dieser Leitlinie im Rahmen des innovationsfondsgeförderten EVITA-Projekts (Evidenzbasiertes Multimedikationsprogramm mit Implementierung in die Versorgungspraxis, Fördernummer: 01VSF16034) führten wir ein systematisches Leitlinien-Review durch.

Fragestellung

Welche Empfehlungen existieren in internationalen Leitlinien zur Versorgung von Patienten mit MM/PP?

Methoden

Nach einer systematischen Recherche nach evidenzbasierten Leitlinien zu MM/PP in elektronischen Datenbanken sowie auf Webseiten von Fachgesellschaften wurden die Leitlinien von zwei Untersuchern ausgewählt (Einschluss: umfassende Leitlinien zu MM/PP, systematische Literaturrecherchen berichtet) und nach ihrer methodischen Qualität (MiChe-Checkliste) bewertet. Als Rahmenwerk für die Datenextraktion wurden die ‚Ariadne-Prinzipien‘ angewendet (Zielpopulations-Aufgreifkriterien, umfassendes (Interaktions-)Assessment, Patientenpräferenzen/Priorisierung/Vereinbarung von Therapiezielen, individualisiertes Management, Follow-up/Monitoring). Um Empfehlungen thematisch zu aggregieren, wurden mittels Inhaltsanalyse für identifizierte Empfehlungen (Unter-)Kategorien gebildet.

Ergebnisse

Aus 3.937 Zitaten wurden 8 Leitlinien (je vier zu MM/PP) eingeschlossen, hälftig in guter Qualität bzw. mit wenigen Mängeln. Wir extrahierten 246 Empfehlungen - im Median 27 (IQR: 13–52, Spannweite: 7–57) Empfehlungen/Leitlinie - die häufigsten adressierten ein umfassendes (Interaktions-)Assessment (n=69), Berücksichtigung von Patientenpräferenzen (n=50), Monitoring/Follow-up (n=32), Zielpopulations-Aufgreifkriterien (n=26). Im Abstraktionslevel variierten die Empfehlungen von Schlüsselprinzipien (Meta-Ebene) bis zu Praxis-Tools, wobei ein breites Spektrum an Fragestellungen im klinischen, Selbst- und Versorgungsmanagement (organisatorisch/strukturell) adressiert wurde.

Diskussion

Die Leitlinien variierten erheblich in Umfang/adressierten Fragestellungen, die sich in der systematischen Übersicht ergänzen und Empfehlungen für verschiedene Versorgungsebenen bereitstellen. Die Zielpopulation wurde uneinheitlich auf der Basis von Risikofaktoren beschrieben, Risikovorhersage-Modelle bei PP fehlten. Die Umsetzbarkeit von abstrakten Schlüsselprinzipien in der Regelversorgung ist bislang unklar und Praxistools fehlen häufig.

Take Home Message für die Praxis

Mittels systematischem Leitlinienreview wurden qualitativ hochwertige Leitlinien identifiziert, deren Empfehlungen in der Aktualisierung der Leitlinie Multimedikation berücksichtigt werden, die Evidenzbasis dieser Empfehlungen wird untersucht.

Stichwörter: Leitlinien Review, Multimorbidität, Multimedikation, Polypharmazie, Leitlinien Update
17:45 V51-02

Wie beurteilen AllgemeinmedizinerInnen die Nationalen VersorgungsLeitlinien? Ergebnisse einer qualitativen Evaluation (#284)

S. Schwarz1, C. Schaefer1, S. G. Schorr1, I. König1, C. Schumacher1, K. Krüger1, C. Thomeczek1, M. Härter1, 2

1 Ärztliches Zentrum für Qualität in der Medizin, Berlin, Berlin, Deutschland
2 Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, Institut und Poliklinik für Medizinische Psychologie, Hamburg, Hamburg, Deutschland

Hintergrund

Leitlinien sollen die Versorgungsqualität verbessern. Eine mangelnde Praxistauglichkeit im Behandlungsalltag kann ihrer Anwendung aber entgegenstehen. Um die Leitlinienumsetzung und die partizipative Entscheidungsfindung zu fördern, werden im Programm für Nationale VersorgungsLeitlinien (NVL) verschiedene Leitlinienformate nach höchsten methodischen Ansprüchen entwickelt. Hierzu gehören u. a. Langfassungen, Kurzfassungen, Patienteninformationen sowie Artikel im Deutschen Ärzteblatt (DÄ) und CME-Fortbildungen zu den Leitlinieninhalten.

Fragestellung

Wie werden die  NVL-Formate beurteilt? Welche NVL-Angebote sind praxistauglich?

Methoden

Von August bis Oktober 2018 erfolgten im Rahmen einer Evaluation des NVL-Programms 47 telefonische Leitfadeninterviews. Dafür haben wir NVL-Materialien vor dem Einzelgespräch an die Teilnehmenden geschickt. Alle Audiomitschnitte wurden  transkribiert. Bislang liegt die Auswertung von 27 Interviews zur NVL Kreuzschmerz und Herzinsuffizienz (davon 16 AllgemeinmedizinerInnen) vor.

Ergebnisse

Die AllgmeinmedizinerInnen waren meist Frauen (63%) und durchschnittlich 46 Jahre alt. Es waren 63% ambulant und 38% in Landgemeinden oder Kleinstädten tätig. Als positive Aspekte nannten sie u. a. die ansprechende und übersichtliche Gestaltung der NVL-Materialien sowie die Patienteninformationen, welche teilweise noch unbekannt waren. Wenige ÄrztInnen äußerten Kritik an Leitlinieninhalten und Begrifflichkeiten. 88% beurteilten die NVL als glaubwürdig und transparent. Als Gründe nannten sie die Quellenangaben, die Methodik und die Beteiligung der DEGAM an der NVL-Erstellung. 81% verwendeten die zugeschickte Langfassung oder könnten sich vorstellen diese zu nutzen. Sie wird für Zusatzinformationen oder spezifische Fragestellungen herangezogen. Mehr als die Hälfte bewertete die – als sehr umfangreich eingeschätzte – Kurzfassung als hilfreich. Der DÄ-Artikel als Implementierungsmaterial weckte bei 69% das Interesse, die NVL zu lesen. Fast 70% der AllgemeinmedizinerInnen könnten sich vorstellen, an einer CME-Fortbildung teilzunehmen.

Diskussion

AllgemeinmedizinerInnen schätzen die NVL größtenteils als praxistauglich ein. Jedoch bleibt Verbesserungpotenzial, z. B. bei der Kurzfassung.

Take Home Message für die Praxis

NVL gibt es in verschiedenen Formaten und sind frei verfügbar unter: www.leitlinien.de. Rückmeldungen aus der Praxis helfen, die NVL noch stärker an die Nutzerbedürfnisse anzupassen. 

Stichwörter: Leitlinien, Nationale VersorgungsLeitlinien, Evaluation, Praxistauglichkeit, Interviews
18:00 V51-03

Früherkennung von Prostatakrebs mittels PSA-Test? - Befragung von Hausärzten und Urologen im Nordwesten (#397)

M. H. Freitag1, S. Kappen2, V. Jürgens2, A. Winter3

1 Carl von Ossietzky Universität Oldenburg, Abteilung Allgemeinmedizin, Oldenburg, Niedersachsen, Deutschland
2 Carl von Ossietzky Universität Oldenburg, Abteilung Epidemiologie und Biometrie, Oldenburg, Niedersachsen, Deutschland
3 Carl von Ossietzky Universität Oldenburg, Universitätsklinik für Urologie, Oldenburg, Niedersachsen, Deutschland

Hintergrund

Zum PSA-Test existieren weiterhin unterschiedliche Auffassungen und Einstellungen. Die deutsche S3-Leitlinie Prostatakarzinom beinhaltet ein Sondervotum der DEGAM, welches Hausärzten in Anbetracht der nicht eindeutigen Evidenzlage keine aktive Patientenansprache bzgl. der PSA-Testung empfiehlt.

Fragestellung

Wie unterscheiden sich Aufklärung und Anwendung des PSA-Tests in urologischen Praxen und Hausarztpraxen im Nordwesten?

Methoden

172 Hausärzte des Lehrpraxennetzwerks der Universität Oldenburg und 128 niedergelassene Urologen (Mitglieder des Berufsverbandes der Deutschen Urologen) wurden in Niedersachsen und Bremen in eine Onlinebefragung eingeschlossen (Juni-Juli 2016). Befragt wurde zum Umgang mit dem PSA-Test und dessen Ergebnissen, der Informationsvermittlung und zum Kenntnisstand bzgl. der nationalen und internationalen Leitlinien.

Ergebnisse

55 Ärzte (davon 14 Urologen) haben die Befragung vollständig durchgeführt. Die Mehrzahl der Ärzte (n=39, 71%; Hausärzte 66%; Urologen 86%) wendet den PSA-Test standardisiert an. Alle Urologen sahen den Test als sinnvoll an, während fast die Hälfte der Hausärzte (n=19, 46%) diesen nur als neutral oder nicht sinnvoll einstuften. 57% der Hausärzte und alle (!) Urologen hatten den PSA-Test bereits selbst in Anspruch genommen. Alle Urologen informieren bei einer Früherkennungsuntersuchung (häufig oder immer) über den PSA-Test (Hausärzte 76%, n=31). 24% der Hausärzte (n=10) fragen, ob der Wunsch nach einem PSA-Test besteht (Urologen 100%). Ein Viertel der Hausärzte gab an, über die Inhalte der Deutschen S3-Leitlinie Prostatakarzinom im Detail informiert zu sein (Urologen 100%). Internationale Leitlinien bzw. Studien waren weniger bekannt als nationale. Inhalte der ERSPC- und der PLCO-Studie waren 50% bzw. 28,6% der Urologen und jeweils 4,6% der Hausärzte bekannt.

Diskussion

In dieser Pilotuntersuchung bzgl. der PSA-Testung zeigten Hausärzte ein zurückhaltendes und Urologen ein proaktiveres Vorgehen, was die unterschiedlichen Empfehlungen der S3-Leitlinie für Urologen und Hausärzte (Sondervotum) widerspiegelt. Welche Informationen und welches Vorgehen den Patienten am gerechtesten wird, muss noch weiter untersucht werden.

Take Home Message für die Praxis

In Anbetracht der kontroversen Studienlage zur Prostatakrebsfrüherkennung sind die Informationsvermittlung und die fachliche Diskussion besonders wichtig, um eine informierte Entscheidungsfindung zu ermöglichen.

Stichwörter: Früherkennung, Entscheidungsfindung, Patienteninformation, Leitlinien, Prostatakrebs, PSA-Test