DEGAM 2019
Um nach einer bestimmten ID zu suchen, geben Sie bitte eine Raute gefolgt von der ID ein (z.B. #123).

Qualität in der hausärztlichen Versorgung

Moderatoren: Schedlbauer , Angela , PhD/MD; Fuchs , Stephan , Dr. (Deutschland)
 
Shortcut: V62
Datum: Samstag, 14. September 2019, 8:30
Raum: Rudolf Wöhrl - HS
Sessiontyp: Vortrag

Abstract

Klicken Sie auf eine Einreichung für eine Vorschau des Abstractinhalts.

8:30 V62-01

Digitale Kommunikationshilfen für nicht deutschsprechende Patienten (DICTUM Friedland) – Ein neuer Ansatz der Sprachmittlung (#65)

S. Kruse1, E. Kleinert1, G. Furaijat1, F. Müller1, A. Simmenroth2

1 Universitätsmedizin Göttingen, Institut für Allgemeinmedizin, Göttingen, Niedersachsen, Deutschland
2 Uniklinik Würzburg, Institut für Allgemeinmedizin, Würzburg, Bayern, Deutschland

Hintergrund

Sich über seine gesundheitlichen Belange verständlich machen zu können, ist Voraussetzung für nahezu jede medizinische Behandlung. In der Praxis sind geeignete Dolmetscher jedoch häufig nicht verfügbar. Kommunikationsversuche mit Laiendolmetscher, „mit Händen und Füßen“, einer dritten Sprache,  Zeigebücher oder Sprachübersetzungsapps sind unbefriedigend, da dies gleichermaßen unsicher, anstrengend und zeitraubend ist.

In einer Pilotstudie haben wir eine digitale Kommunikationshilfe für nicht-deutschsprechende Patienten in einer allgemeinmedizinischen Sprechstunde einer Erstaufnahmeeinrichtung für Geflüchtete evaluiert. Mit dieser tabletbasierten Hilfe kann eine symptomorientierte Anamnese in 12 unterschiedlichen Sprachen erhoben werden können.

Fragestellung

Ist das entwickelte Tool durch Patienten nutzbar, hilfreich, wird es sinnhaft verwendet? Welchen Beitrag kann es zu einer Behandlung liefern?

Methoden

Offene nicht-randomisierte Pilotstudie mit Kontrollgruppe. Erhebung von demografischen Informationen zu Nutzer, Wiedervorstellungsraten, Benutzbarkeit, Übereinstimmung der Angaben mit Diagnosen erhoben. Deskriptive und multivariate Analysen, Vergleich mit gematchter Kontrollgruppe.

Ergebnisse

281 Patienten (Ø25 Jahre, 64% Schulbesucher) haben die Kommunikationshilfe bei 302 allgemeinmedizinischen Behandlungen innerhalb eines ¾ Jahres erfolgreich genutzt. Die Anzahl der Nutzungsabbrüche (N = 70) war moderat. Inhaltliches nicht-Verstehen (9%) war als Abbruchgrund selten. Die am häufigsten verwendeten Sprachen waren Arabisch (inkl. Dialekte), Farsi und Türkisch. 77% der Patienten konnten das Tool gut bedienen, 81% haben ihre wesentlichen Beschwerden eingeben können. Bei 53% stimmten eingegebene Beschwerden vollständig mit den Diagnosen der Ärzte überein. 37% der Patienten haben zusätzliche Symptome angegeben, die keinen Eingang in die ärztlichen Diagnosen fanden.

Diskussion

Unsere Pilotstudie zeigt, dass der Ansatz der digital assistierten Sprachmittlung funktioniert und von der überwiegenden Anzahl der Patienten angenommen und sinnvoll eingesetzt wird. Weiter erforscht werden sollte, wie die auf diesem Wege erhobenen Patienteninformationen von Ärzten eingeschätzt und genutzt werden. Gegenwärtig ergänzen wir unsere Anamnesehilfe um ein Modul, mit denen auch komplexe Medikamenteneinnahmen verständlich erklärt werden können.

Take Home Message für die Praxis

Mit der digitalen Kommunikationshilfe lassen sich von nicht-Deutschsprechenden Patienten Informationen zur aktuellen Krankheitsgeschichte erheben, gerade wenn kein adäquater Sprachmittler verfügbar ist.

8:45 V62-02

Welchen Einfluss hat der rechtliche Status von kürzlich nach Deutschland gekommenen Geflüchteten auf den medizinischen Bedarf? (#206)

S. Kruse1, A. Simmenroth2, G. Furaijat1, F. Müller1, N. Hillermann1, E. Kleinert1

1 Universitätsmedizin Göttingen, Institut für Allgemeinmedizin, Göttingen, Niedersachsen, Deutschland
2 Uniklinik Würzburg, Institut für Allgemeinmedizin, Würzburg, Bayern, Deutschland

Hintergrund

Die medizinische Versorgung von Geflüchteten ist eine große Herausforderung für das deutsche Gesundheitssystem. Der rechtliche Status von Geflüchteten bestimmt dabei wesentlich die individuelle Bleibeperspektive, den Zugang zum Arbeitsmarkt und zum Gesundheitssystem. In unserer Untersuchung werden zwei Gruppen verglichen: Asylsuchende, die nach meist individueller Flucht in Deutschland Asyl beantragen und sog. Kontingentflüchtlinge, die über ein Programm des UNHCR nach Deutschland kommen.

Fragestellung

Mit welchen Erkrankungen und Beschwerden suchen Geflüchtete medizinische Hilfe, und inwiefern unterscheidet sich der Bedarf von Asylsuchenden und Kontingentflüchtlingen besonders in Hinblick auf psychische - und Infektionskrankheiten?

Methoden

Anhand der Krankenakten der allgemeinmedizinischen Sprechstunde einer Erstaufnahmeeinrichtung (Grenzdurchgangslager Friedland) wurden vom August 2017 bis August 2018 retrospektiv alle Diagnosen erhoben und zusammen mit soziodemographischen Faktoren statistisch ausgewertet (deskriptive und multivariate Statistik).

Ergebnisse

Von den untersuchten 2.252 Patienten waren 67% Asylsuchende (AS) und 43% Kontingentflüchtlinge (KF). In fast allen ICD10-Kategorien erhielten AS deutlich mehr Diagnosen als KF. So litten erstere neunmal häufiger an psychischen und Verhaltensstörungen. Bei Infektionskrankheiten sind die Ergebnisse gemischt: AS wurden doppelt so häufig wegen bestimmter infektiöser und parasitärer Krankheiten behandelt, während KF doppelt so häufig mit Krankheiten der Atemwege in die Sprechstunde kamen.

Diskussion

Die Daten ermöglichen einen umfassenden Überblick über die vergebenen Diagnosen innerhalb eines Jahres, wobei sich durch den Vergleich beziffern lässt, welchen Einfluss unterschiedliche Migrationserfahrungen (individuelle Flucht vs. organisierte Flucht) und Migrationsperspektiven auf den medizinischen Bedarf der Geflüchteten haben. Eine Besonderheit der Studie liegt darin, dass nahezu alle von Deutschland aufgenommenen Kontingentflüchtlinge zentral in Friedland betreut werden. Limitierend ist, dass ausschließlich Daten zu kürzlich in Deutschland angekommenen Geflüchteten, die sich lediglich für wenige Wochen bzw. Monate in Friedland aufgehalten haben, ausgewertet wurden.

Take Home Message für die Praxis

Erfahrung von Flucht außerhalb geregelter internationaler Programme erhöht medizinische Inanspruchnahmen aufgrund psychischer Erkrankungen.

Stichwörter: Geflüchtete, rechtlicher Status, Flüchtlingsmedizin, international health
9:00 V62-03

Health-Related Preferences of Older Patients with Multimorbidity: an Evidence Map (#145)

A. I. González-González1, C. Schmucker2, J. Nothacker2, T. S. Nguyen1, M. - S. Brueckle1, J. Blom4, M. van den Akker1, J. Meerpohl2, K. Röttger7, O. Wegwarth5, T. Hoffmann3, S. Straus6, F. Gerlach1, C. Muth1

1 Johann Wolfgang Goethe University, Institute of General Practice, Frankfurt, Hesse, Germany
2 University of Freiburg, Institute for Evidence in Medicine (for Cochrane Germany Foundation) Medical Center , Freiburg, Baden-Württemberg, Germany
3 Bond University, Centre for Research in Evidence-Based Practice (CREBP), Faculty of Health Sciences and Medicine, Robina, QLD, Australia
4 Leiden University Medical Center, Department of Public Health and Primary Care, Leiden, Netherlands
5 Max Planck-Institute for Human Development, Center for Adaptive Rationality, Berlin, Brandenburg, Germany
6 University of Toronto, Department of Medicine, Toronto, ON, Canada
7 Federal Joint Committee “Gemeinsamer Bundesausschuss”, Berlin, Brandenburg, Germany

Hintergrund

In patients with multimorbidity, a patient-centered rather than disease-oriented approach is recommended. However, little is known about patients’ preferences and their inclusion in health-related decision-making.

Fragestellung

To map the existing evidence on health-related preferences of older patients with multimorbidity.

Methoden

We systematically searched for studies reporting preferences of older patients (mean age ≥60) with multimorbidity (≥2 chronic/acute conditions) in eight electronic databases (e.g., MEDLINE, EMBASE, PsycINFO…) up to April 2018. Two independent reviewers assessed studies for eligibility, extracted data and clustered the evidence by means of content analysis using MAXQDA-18.

Ergebnisse

We included 152 studies (USA: n=84; UK: n=16; Canada: n=10; AUS/NZ: n=10; EU: n=27 -Germany: 6). One study was a cluster randomized trial, 151 studies were observational: 63 (41%) qualitative, 86 (57%) quantitative (66 cross-sectional, 19 longitudinal), and three (2%) used mixed-methods. The setting was specialized care in 85 (56%) and primary care in 53 (35%) studies. We identified seven evidence clusters consisting of studies on preferences in: end-of-life care (n=51, 34%), self-management (n=34, 22%), treatment (n=32, 21%), involvement in shared decision-making (n=25, 17%), health outcome prioritization/goal setting (n=19, 13%), healthcare services (n=12, 8%) and screening/diagnostic testing (n= 1, 1%). In primary care research, 21 (34%) studies focused on self-management, 12 (20%) on health outcome prioritization/goal setting and 7 (12%) end-of-life; no study addressed preferences in screening/diagnostic testing.

Diskussion

This is the first evidence map on health-related preferences of older patients with multimorbidity, which mostly included observational studies on a variety of health-related preferences. We identified evidence gaps in screening/diagnostic testing and end-of-life preferences of these patients in primary care.

Take Home Message für die Praxis

A growing body of evidence on health-related preferences of older patients with multimorbidity can assist decision-making towards patient-centered care. Presented evidence clusters provide sources for systematic reviews and identified gaps may guide future research planning.

Stichwörter: multimorbidity, patient preference, aged
9:15 V62-04

Erfahrungen von Patienten mit Herzinsuffizienz zur erhaltenen Versorgung in Deutschland: Ein Scoping Review (#240)

M. Dieckelmann1

1 Goethe-Universität, Institut für Allgemeinmedizin, Frankfurt a.M., Deutschland

Hintergrund

Herzinsuffizienz ist ein heterogenes Krankheitsbild und erfordert den souveränen Umgang mit komplexen Versorgungsstrukturen durch den Patienten. Wie Patienten die erhaltene Versorgung erleben ist bisher nicht systematisch für Deutschland überprüft worden. Ziel des Scoping Reviews ist, die Literatur systematisch zu sichten und die Evidenz übersichtlich zusammenzufassen.

Fragestellung

Untersucht werden folgende Fragestellungen: (1) In welchem Umfang liegt wissenschaftliche Literatur zu Versorgungserfahrungen von Patienten mit Herzinsuffizienz in Deutschland vor? (2) Welche Versorgungsangebote und –bereiche, welche geografischen Kontexte und welche Dimensionen von Patientenerfahrung werden abgedeckt? (3) Welche Studiendesigns und Methoden werden verwendet?

Methoden

Auf Basis einer breiten Suchstrategie (u.A. systematische Recherche in sechs gesundheitswissenschaftlichen Datenbanken) werden wissenschaftliche Publikationen, die Erfahrungen von Patienten mit Herzinsuffizienz mit Versorgungsangeboten in Deutschland behandeln auf Deutsch oder Englisch im Zeitraum 2008-2018 publiziert wurden, eingeschlossen.

Ergebnisse

Von 1488 identifizierten Publikationen wurden insgesamt 17 Publikationen eingeschlossen. Unter anderem wurden folgende Forschungslücken und  -schwerpunkte identifiziert:

Versorgungserfahrungen in Bereichen der stationären und ambulanten haus- und fachärztlichen Versorgung sind relativ umfangreich beforscht, während Erfahrungen mit anderen Versorgungsangeboten wenig oder nicht beforscht sind (z.B. Pflege bzw. Notfallversorgung).

Es mangelt in Publikationen an Informationen bezüglich des geografischen Kontextes und relevanter Populationscharakteristika, die für die Interpretation von Patientenerleben relevant wären.

Während am häufigsten über Erfahrungen mit Patienteninformationen und Kommunikation berichtet wird, ist etwa die erlebte Einbeziehung des Patienten und sozialen Umfeldes in die Versorgung eine seltener beforschte Erfahrungsdimension. Methodisch werden Versorgungserfahrungen zumeist quantitativ erhoben.

Das Forschungsfeld wird aktuell durch Beobachtungsstudiendesigns dominiert. Informationen von systematischen Übersichtsarbeiten sind nach bestem Wissen nicht verfügbar.

Diskussion

Dieses Scoping Review zeigt, dass das Forschungsfeld zu Versorgungserfahrungen von Patienten mit chronischer Herzinsuffizienz in Deutschland wenig entwickelt ist. Eine Synthese bietet sich auch auf Grund der gefundenen Studienheterogenität nicht an.

Take Home Message für die Praxis

Gezielte Forschungsaktivität kann in Zukunft ein evidenz-basiertes Verständnis zum Versorgungserleben von Patienten mit Herzinsuffizienz in Deutschland fördern.

Stichwörter: Herzinsuffizienz, erlebte Versorgung, Scoping Review
9:30 V62-05

Pilotierung der Anwendung eines Instrumenten-Sets zur Darstellung der Versorgungsqualität in der spezialisierten ambulanten Palliativversorgung (#339)

H. Seipp1, J. Haasenritter1, M. Hach2, D. Becker2, J. Engler3, D. Gruber3, S. Bösner1, K. Kuss1

1 Philipps-Universität Marburg, Abteilung für Allgemeinmedizin, Präventive und Rehabilitative Medizin, Marburg, Hessen, Deutschland
2 Fachverband SAPV Hessen e.V., Wiesbaden, Hessen, Deutschland
3 Goethe-Universität Frankfurt, Institut für Allgemeinmedizin, Frankfurt am Main, Hessen, Deutschland

Hintergrund

Ein Verfahren zur Darstellung der Versorgungsqualität in der spezialisierten ambulanten Palliativversorgung (SAPV) sollte sowohl wissenschaftlich fundiert als auch praktikabel und nützlich sein. Im Rahmen der ELSAH-Studie (G-BA Innovationsfonds FKZ: 01VSF16006) wurde auf Basis einer qualitativen Phase und einer Literaturübersicht ein Instrumenten-Set hierfür entwickelt. Vor der hessenweiten Implementierung wurde die praktische Anwendung pilotiert.

Fragestellung

Wie kann die Anwendung eines wissenschaftlich fundierten Instrumenten-Sets zur Darstellung der Versorgungsqualität in der SAPV praktikabel und nützlich in die Routineversorgung integriert werden?

Methoden

Das Instrumenten-Set wurde konsekutiv in fünf SAPV-Teams eingeführt und im Versorgungsalltag pilotiert. Rückmeldungen aus den Teams wurden während zwei Fokusgruppen, in regelmäßigen persönlichen Treffen und Telefonaten sowie während vier Hospitationen eingeholt. Weitere Rückmeldungen erfolgten mittels schriftlicher Feedback-Bögen oder als Anmerkungen auf Erhebungsbögen. Die Daten wurden themenzentriert analysiert.

Ergebnisse

Im Vordergrund stand für SAPV-Mitarbeitende die Vermeidung der Belastung von Erkrankten und Nahestehenden durch den Erhebungsaufwand, Frageformulierungen oder Inhalte. Ebenso wurde die ausschließliche Selbsteinschätzung durch Betroffene als nicht praktikabel bewertet und der Nutzen für die Erkrankten und Nahestehenden sowie die praktische SAPV-Arbeit infrage gestellt. Das Verständnis der Nützlichkeit als Qualitätsinstrument erwies sich als relevant für die Bereitschaft der SAPV-Mitarbeitenden zur Anwendung. Neben weiteren Barrieren wurden die zeitliche und organisatorische Integration in Alltagsroutinen, die alleinige Anwendung von Papiererhebungsbögen, sowie festgelegte Erhebungszeitpunkte thematisiert.

Diskussion

Als Konsequenz der Pilotierung werden inhaltliche und organisatorische Anpassungen vorgenommen. Das Instrumenten-Set wird in die bestehende elektronische Dokumentation integriert und die Erhebungen an die Versorgungsgegebenheiten angepasst. Vor der Anwendung wird ein Meeting mit SAPV-Mitarbeitenden implementiert, um die Qualitätsdarstellung transparent zu machen und den Nutzen für die Betroffenen und die SAPV-Arbeit zu diskutieren.

Take Home Message für die Praxis

Vor der Implementierung eines Verfahrens zur Darstellung der Versorgungsqualität in der SAPV sollte eine Pilotierung gemeinsam mit den Anwendern durchgeführt werden, um die Anwendung praktikabel und nützlich zu gestalten sowie die Akzeptanz zu fördern.

Stichwörter: Versorgungsqualität, spezialisierte ambulante Palliativversorgung