EbM 2021
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Postersession 4: Besser entscheiden

Moderatoren: Waffenschmidt, Siw, Dr. (IQWiG, Stabsbereich Informationsmanagement, Köln, Deutschland)
 
Shortcut: PS-4
Datum: Donnerstag, 25. Februar 2021, 16:15 - 18:00
Raum: Session
Sessiontyp: Poster

Abstract

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PS-4-01

Warum können 25% auch 0,1% sein? Entwicklung und Pilotierung eines webbasierten Tools zur Vermittlung von relativer und absoluter Risikoreduktion (#18)

S. Zacher1, B. Berger-Höger1, J. Lühnen1, A. Steckelberg1

1 Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Institut für Gesundheits- und Pflegewissenschaft, Halle (Saale), Sachsen-Anhalt, Deutschland

Hintergrund/Fragestellung

Darstellungen von Therapieeffekten als relative Risikoreduktionen in Gesundheitsinformationen werden oft weder von Laien noch von Professionellen korrekt verstanden. Die Förderung der Gesundheitskompetenz ist daher eine zentrale Aufgabe, um Partizipation von Bürger*innen an Entscheidungen zu ermöglichen. Ziel war die Entwicklung und Pilotierung eines webbasierten Tools zur Vermittlung von relativer und absoluter Risikoreduktion gemäß dem UK MRC Framework.

Methoden

Die komplexe Intervention wurde basierend auf Theorien zu Erwachsenenbildung (M. Knowls), Instruktionsdesign (ADDIE-Modell, ARCS-Modell) und Multimediadesign (Cognitive Theory of Multimedia Learning) entwickelt. Anhand definierter Kompetenzziele wurden folgende Inhalte festgelegt: Sensibilisierung für mögliche Beeinflussungen sowie Interpretation und Berechnung von Risikoreduktionen. Das Tool ist selbstgesteuert mit interaktiven Elementen.

In einer qualitativen Machbarkeitsstudie wurde das Tool mit Professionellen im Gesundheitswesen hinsichtlich Akzeptanz, Anwendbarkeit und Verständlichkeit pilotiert. Die Datenerhebung erfolgte durch Think-Aloud und leitfadengestützte Interviews. Die Auswertung der audioaufgezeichneten, transkribierten Interviews erfolgte mittels qualitativer Inhaltsanalyse nach Mayring. Baseline wurden soziodemographische Angaben, selbsteingeschätzte Computer- und mathematische Fähigkeiten sowie ausgewählte Items des CHC-Tests zur Exploration des Wissens erhoben. Die Analysen erfolgten deskriptiv.
Aufgrund der Corona Pandemie wurde die Pilotierung mit Laien für Oktober 2020 in digitaler Form geplant.

Ergebnisse

Im Januar und Februar 2020 wurde das Tool mit jeweils vier Mediziner*innen und Lehrer*innen für Gesundheitsfachberufe pilotiert. Trotz unterschiedlichen Vorwissens der Teilnehmenden, schienen die Anforderungen an die Vermittlung des Themas und dessen empfundene Relevanz ähnlich zu sein. Die Teilnehmenden berichteten subjektiven Wissenszuwachs und Sensibilisierung für die Darstellungsform. Verständnisschwierigkeiten und fehlende Transferfähigkeit in die praktische Anwendung wurden identifiziert. Es erfolgte eine Revision der Bedienbarkeit und der Vertiefungsmöglichkeiten.

Schlussfolgerung

Das Tool erwies sich insgesamt als anwendbar, verständlich und akzeptabel.  Weitere Anpassungen, um die praktische Transferfähigkeit zu verbessern, werden vorgenommen. Die Evaluation im RCT ist geplant.

Interessenkonflikte

Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Stichwörter: Kritische Gesundheitskompetenz, Evidenzbasierte Medizin, Risikokommunikation, Training, Risikoreduktion
PS-4-02

Is a Molecular Tumor Conference a Tool for Biology-driven Potentials in Advanced Malignancies? (#31)

S. Jaspers1, S. Schulze1, P. F. Sorge1, N. Jaekel2, A. Haak3, U. Siebolts3, C. Wickenhauser3, H. K. Al-Ali1

1 Universitätsklinikum Halle (Saale), Krukenberg-Krebszentrum Halle (Saale), Halle (Saale), Sachsen-Anhalt, Deutschland
2 Universitätsklinikum Halle (Saale), Klinik für Innere Medizin IV, Hämatologie und Onkologie, Halle (Saale), Sachsen-Anhalt, Deutschland
3 Universitätsklinikum Halle (Saale), Institut für Pathologie, Halle (Saale), Sachsen-Anhalt, Deutschland

Hintergrund/Fragestellung

Molecular sequencing could provide new inputs once guideline-based therapy or routine diagnostics in cancer patients (pts) are exhausted. Yet, the merit of an interdisciplinary Molecular Tumor Conference (iMTC) is still a matter of debate. We evaluated the value added by an iMTC.

Methoden

The monthly iMTC of the DKG-certified university Krukenberg Cancer Center Halle (KKH) includes a panel of experts from molecular genetics, pathology, human genetics, hematology, and oncology disciplines. The board is actually and virtually open to internal and external physicians. In accordance with the KKH-iMTC guideline, pts with advanced disease and/or exhausted diagnostic and/or treatment options could be registered. Importantly, approved/standard testing and molecular-driven therapies per national guidelines are excluded as these are discussed within the eleven weekly regular tumor-boards. Outcome is documented in digital iMTC-files and communicated to attending physicians.

Ergebnisse

Since its introduction in 2019, 42 discussions for 38 pts were conducted from hematology (n=20), visceral and thoracic oncology (n=11), gynecology (n=3), sarcoma-center (n=2), neuro-oncology (n=1), and head and neck cancer-center (n=1). Nine external pts were referred for second opinion. On average, iMTC was the third board per patient after two entity-specific boards. Median age was 57 (range 9-79) years. Objectives of presentations were diagnostic sequencing (31%), opinion about molecular procedures after treatment failure (29%), recommendations for targeted-therapies based on sequencing results (29%), and interpretation of molecular reports (7%.). A median of three iMTC recommendations per case were made. Interestingly, in pts with ambiguous hematological findings, conditions such as erythrocytosis with rare point mutations in the beta-globin-chain were diagnosed. Overall, 65% of diagnostic and/or experimental treatment proposals were beyond guideline recommendations including inclusions in clinical trials. Generally, the adherence rate was 72%. Reasons for noncompliance were ongoing reimbursement applications or death of pts.

Schlussfolgerung

The KKH-iMTC is a well-established platform where biology-driven diagnostic and experimental therapeutic potentials beyond national guidelines for advanced malignancies could be discussed and proposed to external and internal colleagues. Time-consuming reimbursement issues impede rapid implementation and need to be addressed nation-wide.

Interessenkonflikte

Keine

PS-4-03

Gemeinsam gut entscheiden in Österreich – die neuen Top 7 der Vorsorge (#45)

V. Mayr1, A. Glechner1, K. Horvath2, G. Gartlehner1, 3, A. Siebenhofer-Kroitzsch2

1 Donau-Universität Krems, Department für Evidenzbasierte Medizin und Evaluation, Krems an der Donau, Nieder­österreich, Österreich
2 Medizinische Universität Graz, Institut für Allgemeinmedizin und evidenzbasierte Versorgungsforschung, Graz, Steiermark, Österreich
3 RTI International, Research Triangle Park, North Carolina, Vereinigte Staaten von Amerika

Hintergrund/Fragestellung

Choosing Wisely Initiativen versuchen in vielen Ländern dem Problem der Über- bzw. Fehlversorgung im Gesundheitssystem zu begegnen, seit 2017 mit Gemeinsam gut entscheiden – Choosing Wisely Austria (GGE) auch in Österreich. Unter dem Leitsatz „Mehr Medizin ist nicht bessere Medizin“, entstand eine Kooperation zwischen Medizinischer Universität Graz und Donau-Universität Krems. In Zusammenarbeit mit nationalen Fachgesellschaften werden evidenz-basierte Empfehlungen veröffentlicht, um entbehrliche Tests und Therapien zu reduzieren.

Methoden

Als Grundlage dienen bereits vorhandene Empfehlungen internationaler Choosing Wisely Initativen, sofern diese nach einer strukturieren Prüfung als verlässlich eingestuft wurden. Bisher wurden drei Top Listen in den Fachgebieten Geriatrie und Gerontologie, Allgemeinmedizin und Public Health publiziert. Auch Vorschläge der Fachgesellschaften werden in den Pool aufgenommen, sofern sie auf systematisch erfasster Literatur basieren, und Empfehlungsgrade angegeben sind, die in einem strukturierten und transparenten Prozess entstanden.

Ergebnisse

In der rezent veröffentlichten „Top 7 der Vorsorge“ in Kooperation mit der Österreichischen Gesellschaft für Public Health (ÖGPH) werden weit verbreitete Vorsorgeuntersuchungen in Frage gestellt. In den „Top 7 der Vorsorge“ wird auf einzelne Screeningmaßnahmen eingegangen, und warum sie nicht nur entbehrlich sind, sondern auch Angst und Verwirrung auf der Patientenseite auslösen kann. Die verständlich aufbereiteten Empfehlungen der Top 7 der Vorsorge im Überblick:

  1. Bakterien im Harn: Kein Test ohne Symptome
  2. Kein routinemäßiger Osteoporose-Test bei unter 50-Jährigen
  3. Test auf Vitamin-D-Mangel nicht sinnvoll
  4. Suche nach Typ-2-Diabetes bei Personen ohne Risiko nicht empfohlen
  5. Keine Suche nach gesundheitsgefährdendem Alkoholkonsum mittels Gamma-GT
  6. Keine Früherkennungsuntersuchung der Nierenfunktion ohne Risikofaktoren
  7. Depressionen erkennen: Früher ist nicht besser

Via Broschüren und Internetpräsenz kommt den PatientInnen ein niederschwelliges Informationsangebot zu.

Schlussfolgerung

Ziel ist es, den PatientInnen das Grundprinzip einer sinnvollen und zielgerichteten Vorsorge näher zu bringen und den Dialog zwischen PatientInnen und ÄrztInnen über den Hintergrund bestimmter Screeningmaßnahmen zu fördern.

Literaturangaben

Interessenkonflikte

Alle Autorinnen und Autoren sind MitarbeiterInnen von Gemeinsam gut entscheiden – Choosing Wisely Austria.

Stichwörter: Choosing wisely, Gemeinsam gut entscheiden, Vorsorgeuntersuchung, Top-Liste, Public Health
PS-4-04

Choosing-Wisely-TOP-5-Liste der Österreichischen Gesellschaft für Allgemein- und Familienmedizin: Auswahlprozess und Erwartungen an die Kampagne (#69)

A. Glechner1, S. Rabady2, H. Bachler3, C. Dachs4, M. Flamm4, R. Glehr5, K. Hoffmann6, R. Hoffmann-Dorninger6, G. Kamenski2, 7, M. Lutz3, S. Poggenburg5, W. Tschiggerl8, K. Horvath5

1 Donau-Universität Krems, Department für Evidenzbasierte Medizin und Evaluation, Krems an der Donau, Nieder­österreich, Österreich
2 Karl Landsteiner Privatuniversität, Deparment für Allgemeine Gesundheitsstudien, Kompetenzzentrum für Allgemein- und Familienmedizin, Krems an der Donau, Nieder­österreich, Österreich
3 Medizinische Universität Innsbruck, Institut für Allgemeinmedizin, Innsbruck, Tirol, Österreich
4 Paracelsus Medizinische Privatuniversität, Institut für Allgemein-, Familien- und Präventivmedizin, Salzburg, Salzburg, Österreich
5 Medizinische Universität Graz, Institut für Allgemeinmedizin und Evidenzbasierte Versorgungsforschung, Graz, Steiermark, Österreich
6 Medizinische Universität Wien, Institut für Allgemein- und Familienmedizin und Zentrum für Public Health, Wien, Wien, Österreich
7 Karl Landsteiner Gesellschaft, Institut für Systematik in der Allgemeinmedizin, Angern, Nieder­österreich, Österreich
8 Österreichisches Institut für Allgemeinmedizin, Klagenfurt, Kärnten, Österreich

Hintergrund/Fragestellung

Medizinische Überversorgung ist in den Industrieländern zu einem großen Problem geworden und birgt bekanntermaßen Gesundheitsrisiken. In vielen Ländern wurde eine Kampagne gestartet, um Überversorgun zu vermeiden.
Ziel: Erstellung einer Top-5-Liste mit Empfehlungen für die den Fachbereich Allgemein- und Familienmedizin mit einer Analyse der Auswahlkriterien der Experten sowie ihre Erwartungen an die Kampagne.

Methoden

Die Experten der Österreichischen Gesellschaft für Allgemein- und Familienmedizin wählten die Top-5-Liste in zwei Delphi-Runden aus. Anschließend untersuchten wir mit einem Fragebogen die Gründe für die Auswahl der Empfehlungen.

Ergebnisse

Drei der ausgewählten Empfehlungen befassen sich mit der Frage des Antibiotika-Einsatzes: die erste Empfehlung betrifft die Antibiotika-Gabe bei Patienten mit Infektionen der oberen Atemwege, eine weitere Empfehlung umfasst die "watch and wait-Option" bei Kindern mit leichter Otitis media und die dritte Empfehlunge handelt davon, dann Antibiotika bei Patienten mit asymptomatischer Bakteriurie vermieden werden sollten. Zwei Empfehlungen befassen sich mit diagnostischen Tests (keine Bildgebungsstudien für unspezifische Kreuzschmerzen und keine Routineuntersuchungen zum Nachweis von Prostatakrebs). Unsere Umfrage über die Gründe für die Auswahl der Empfehlunge zeigte, dass die Häufigkeit des Problems in der Praxis und der potenzielle Schaden wichtige Gründe für die Auswahl waren. Druck auf Hausärzte durch Patienten und Spezialisten sowie die Angst vor Rechtsstreitigkeiten wurden als wichtige Auslöser für die Entscheidungsfindung identifiziert.

Schlussfolgerung

Nicht notwendige Antibiotika-Anwendung ist ein ernstes Problem und trägt zu medizinischer Überversorgung in der Hausarztpraxis bei. Ein weiteres wichtiges Thema ist die Überdiagnostik. Eine gut konzipierte Kampagne hat das Potenzial, den Zeitaufwand für die Patientenaufklärung zu reduzieren und könnte ein Mittel sein, den Druck auf klinische Entscheidungen zu minimieren. Zusätzlich sollten HausärztInnen mehr Zeit zur Verfügung stehen, um Patienten über nicht notwendige Maßnahmen aufzuklären.

Stichwörter: Choosing Wisely, Family medicine, General medicine
PS-4-05

Verfügbarkeit, Preise und Finanzierbarkeit essentieller Krebsmedikamente (EML der WHO) in einkommensschwächeren Ländern: Wirkungsvolle Implementierung von Cochrane Evidenz? (#83)

C. Wagner1, N. Skoetz1, V. Piechotta1

1 Uniklinik Köln, Köln, Deutschland

Hintergrund/Fragestellung

Essentielle Medikamente zielen darauf ab, die vorrangigen Gesundheitsbedürfnisse einer Bevölkerung zu befriedigen, universell verfügbar und erschwinglich zu sein. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) führt ein evidenzbasiertes Modell, die Liste der essentiellen Medikamente (EML), die Länder dabei unterstützen soll, eigene Versorgungsstandards zu etablieren. In die aktuelle EML wurden basierend auf den Ergebnissen einer Cochrane Netzwerkmetaanalyse die Medikamente Bortezomib, Lenalidomid und Thalidomid zur Behandlung des Multiplen Myeloms aufgenommen. Die Frage war, ob durch Listing bzw. nicht-Listing essentieller Krebsmedikamente in nationalen EMLs einkommensschwächerer Länder Unterschiede in der Verfügbarkeit, den Preisen und der Finanzierbarkeit bestehen. Dabei sollten Hindernisse und förderliche Faktoren bzgl. des Zugangs zu diesen Krebsmedikamenten aufgedeckt werden.

Methoden

Zur Eingrenzung des Forschungsfeldes wurde ein Land mit und eines ohne Listing der Krebsmedikamente ausgewählt. Selektionskriterien waren die aktuelle und die prognostizierte Inzidenz des Multiplen Myeloms im Jahr 2040. Der Versorgungsstandard der Medikamente wurde anhand des „Building Blocks“ Frameworks der WHO beurteilt. Abschließend erfolgte eine modellierte Kalkulation der finanziellen Belastung des Landes anhand internationaler Preise und der aktuellen Multiplen Myelom-Inzidenz. Hindernisse und förderliche Faktoren wurden mittels SWOT-Analyse (Stärken, Schwächen, Chancen, Risiken) bzgl. des Zugangs zu diesen Krebsmedikamenten dargestellt.

Ergebnisse

Die Wahl fiel auf Kenia, ein Land mit Listing und auf Sambia, eines ohne, da sie die höchste Myelom Inzidenz aufweisen. Die Verfügbarkeit der drei Krebsmedikamente ist durch eine unzureichende Anzahl an Gesundheitseinrichtungen, sowie fehlendem onkologischen Fachpersonal stark eingeschränkt. Insbesondere sind die vereinzelten Krebskliniken, mit ihrer Ansiedlung in städtischen Gebieten, für die Mehrheit der Bevölkerung schwer zu erreichen. Die zugrundeliegenden internationalen Preise sind für die Bevölkerung unerschwinglich. Die Finanzierbarkeit durch die Staaten selbst ist unzureichend. Eine soziale Krankenversicherung ist hierbei in Kenia eine finanzielle Unterstützung. Der Ist-Zustand kann jedoch aufgrund von veralteten zugänglichen Informationen nicht zweifelsfrei dargestellt werden.

Schlussfolgerung

Vorerst ist kein klarer Unterschied der Versorgung durch die Aufnahme der Krebsmedikamente in die EML abzusehen.

Literaturangaben

Piechotta V, Jakob T, et al. Multiple drug combinations of bortezomib, lenalidomide, and thalidomide for first‐line treatment in adults with transplant‐ineligible multiple myeloma: a network meta‐analysis. Cochrane Database of Systematic Reviews 2019, Issue 11. Art. No.: CD013487. DOI: 10.1002/14651858.CD013487.

WHO. World Health Organisation Model List of Essential Medicines 21st List 2019. abrufbar unter: https://apps.who.int/iris/bitstream/handle/10665/325771/WHO-MVP-EMP-IAU-2019.06-eng.pdf?ua=1.

Interessenkonflikte

keine

PS-4-06

Auswirkungen eines Wahlfachs zur evidenzbasierten klinischen Entscheidungsfindung auf die Kompetenzen und Einstellungen von Medizinstudierenden: Eine Pilotstudie (#92)

N. Lippert1, L. Frank1, K. Schnitzius1, B. M. Stubner2, T. Kühlein1, M. Roos1, P. van der Keylen1

1 Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, Universitätsklinikum Erlangen, Allgemeinmedizinisches Institut, Erlangen, Bayern, Deutschland
2 Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, Dekanat der Medizinischen Fakultät, Erlangen, Bayern, Deutschland

Hintergrund/Fragestellung

Evidenzbasierte Medizin (EbM) als Lehrgegenstand wird im Masterplan 2020 verstärkt berücksichtigt. Bisher sind weder Theorie noch Praxisanwendungen der EbM konsequent im klinischen Curriculum implementiert. Daher wurde ein digitaler, tutorenbasierter EbM-Kurs entwickelt. Es soll untersucht werden, welche Merkmale (statistische Kompetenz, Need for Cognition (NFC), Arbeits- und Erfahrungsmuster (AVEM), diagnostische Unsicherheit) die Pilotkohorte aufweist, um eine erfolgreiche Umsetzung des entwickelten EbM-Kurskonzeptes zu ermöglichen.

Methoden

Die Langzeituntersuchung startete mit 10 Medizinstudierenden im klinischen Studienabschnitt. Die Messungen wurden vor (t0) und nach dem Kurs (t1) durchgeführt. Soziodemographische Variablen wurden zu t0, der Quick-Risk-Test, PRU-Fragebogen, die NFC-Skala und das AVEM wurden zu t0 und t1 erhoben. Qualitative Interviews, 12 Monate nach Kursbeginn (t2), untersuchen die langfristigen Effekte.

Ergebnisse

Die ersten Testergebnisse des Quick-Risk-Tests (t0) lagen zwischen 50 % und 90 % und zu t1 zwischen 60 % und 100 %. Die Studierenden zeigten eine hohe Ausprägung auf der NFC-Skala (MW=4,6,SD=0,52,∆t0 – t1 = 0,1) und mittlere Ausprägungen auf den Skalen Perfektionismus (MW=3,8,SD=0,51,∆t0 – t1=0,1), Resignationstendenz (MW=3,8,SD=1,17,∆t0 – t1=0,1) und auf der Skala offensiver Umgang mit Problemen (MW=3,9,SD=1,06,∆t0 – t1=0,2). Sie zeigten hohe Ausprägungen auf der Skala Angst aufgrund von diagnostischer Unsicherheit (MW=4,8,SD=0,69,∆t0 – t1=0,4) und auf der Skala Sorge vor schlechten Ergebnissen (MW=3,9,SD=1,54,∆t0 – t1=0,6). Die Skala Zurückhaltung bei Offenlegung der Unsicherheit für Patient*innen wies eine höhere Ausprägung auf als die Skala Zurückhaltung bei der Offenlegung von Fehlern für Ärzt*innen (MW=3,5,SD=0,93,∆t0 – t1=-0,3 im Vergleich zu (MW=2,3,SD=1,20,∆ t0 – t1=0,1).

Schlussfolgerung

Die statistische Kompetenz verbesserte sich mit Kursteilnahme. NFC und AVEM waren stark ausgeprägt und wenig veränderungssensitiv. Die größten Veränderungen waren auf den Skalen Sorge vor schlechten Ergebnissen und Angst aufgrund diagnostischer Unsicherheit zu beobachten. Langfristig ist die Entwicklung eines neuen Messinstrumentes zur Erhebung von EbM-Kompetenzen denkbar. Das Längsschnittdesign wird ermöglichen, kausale Interpretationen vorzunehmen und die Veränderungen des Kompetenzgefühls, des Verhaltens und der Einstellungen der Studierenden zu verfolgen.

Literaturangaben

-

Interessenkonflikte

-

Stichwörter: Evidenz-basierte Medizin, Lehre, Curriculum, Allgemeinmedizin, Lehrforschung
PS-4-07

Physicians` Adherence to the multidisciplinarity and recommendations of Tumor Boards is Not Only an Attribute of Certification (#96)

P. F. Sorge1, S. Schulze1, S. Jaspers1, C. Thomssen2, R. Große2, M. Binder3, J. - H. Klusmann4, J. Hoell4, D. Vordermark5, C. Wickenhauser6, W. Wohlgemuth7, H. K. Al-Ali1

1 Universitätsklinikum Halle (Saale), Krukenberg-Krebszentrum Halle (Saale), Halle (Saale), Sachsen-Anhalt, Deutschland
2 Universitätsklinikum Halle (Saale), Universitätsklinik und Poliklinik für Gynäkologie, Halle (Saale), Sachsen-Anhalt, Deutschland
3 Universitätsklinikum Halle (Saale), Klinik für Innere Medizin IV, Hämatologie und Onkologie, Halle (Saale), Sachsen-Anhalt, Deutschland
4 Universitätsklinikum Halle (Saale), Universitätsklinik und Poliklinik für Pädiatrie I, Halle (Saale), Sachsen-Anhalt, Deutschland
5 Universitätsklinikum Halle (Saale), Universitätsklinik und Poliklinik für Strahlentherapie, Halle (Saale), Sachsen-Anhalt, Deutschland
6 Universitätsklinikum Halle (Saale), Institut für Pathologie, Halle (Saale), Sachsen-Anhalt, Deutschland
7 Universitätsklinikum Halle (Saale), Universitätsklinik und Poliklinik für Radiologie, Halle (Saale), Sachsen-Anhalt, Deutschland

Hintergrund/Fragestellung

An interdisciplinary Tumorboard (TB) is a major medical requirement of the certification program of the German Cancer Society (DKG) to improve cancer care in Germany. In a cross sectional analysis, we evaluated the multidisciplinarity of TBs and adherence to the recommendations made between a certified and in 2018 not hitherto certified tumor centers.

Methoden

In 2018, 4100 cases were discussed in the 12 weekly TBs of the certified Krukenberg Cancer Center (KKH) of the University Medical Center in Halle (Saale). In the current evaluation, 714 TBs of 284 newly-diagnosed patients were included. The Breast Cancer Center (n=175) was chosen as the first regional (certified in 2004) organ-specific tumor center (center A). The Center of Hematology (n=83; center B) and the Center of Pediatric Oncology (n=26; center C) were selected as non-certified centers in 2018. Recommendations were classified into four groups according to the degree of implementation (100%, >50 - < 100%, 50%, < 50%). Nonconformity was considered to be present if ≤50% of recommendations were followed.

Ergebnisse

Overall, 98.9%, 89%, and 100% of patients were discussed in TBs in A, B, and C respectively. All TBs were interdisciplinary. In addition to oncologists, representatives from pathology (93%), radiology (96%), and radiotherapy (93%) participated in the TBs of A. Corresponding figures for B and C were 89%, 95%, and 83% and 83%, 54%, and 70% respectively. The median number of recommendations per TB in A, B, and C was 3, 3, and 1 respectively. Overall, 72% of recommendations were fully implemented. Adherence was comparable in the three centers (A: 73%, B: 70, C: 77%). In addition to the 15.5% partially implemented recommendations, 11.8 % of recommendations showed nonconformity. Most important causes were patient wish, patient´s comorbidities, side effects of treatment, patient death, physicians decision, and missing follow-up. Centers B and C were successfully DKGcertified in 2019.

Schlussfolgerung

Irrespective of a DKG-certification, the evaluation shows no entity specific differences with most patients being discussed in multidisciplinary TBs. A certified Oncological Center such as the KKH fulfills all technical and medical requirements to provide the highest quality of cancer care. Yet, efficiency of TBs and adherence to recommendations might be further optimized by increased respect of patients` preferences and improved presentation of patient-related data.

Interessenkonflikte

Keine

Stichwörter: Multidisciplinarity, Tumor boards, oncology
PS-4-08

HELI-D - Evaluierung eines Programms zur Förderung der Gesundheitskompetenz bei Schüler*innen der Sekundarstufe I (#130)

D. Pendl1, K. Maitz2, B. Gasteiger-Klicpera1

1 Universität Graz, Bildungsforschung und PädagogInnenbildung, Graz, Steiermark, Österreich
2 Universität Graz, Forschungszentrum Inklusive Bildung, Graz, Steiermark, Österreich

Hintergrund/Fragestellung

Schulbasierte Interventionsprogramme nehmen eine tragende Rolle bei der zielgerichteten und frühen Förderung der Gesundheitskompetenz ein und erreichen potenziell alle Kinder. Dennoch gibt es im deutschsprachigen Raum kaum solche Programme (Okan, Pinheiro, Zamora, & Bauer, 2015). Daher wurde ein adaptives digitales Trainingsprogramm (ADT) zur Förderung der Gesundheitskompetenz von Schüler*innen der 6.-7. Schulstufe entwickelt und evaluiert.

Methoden

Um unterschiedliche Ausgangsbedingungen in der Lesekompetenz der Zielgruppe zu berücksichtigen, wurden die Inhalte des ADT in vier sprachlichen Schwierigkeitsstufen entwickelt und den Schüler*innen im ADT nach einem Leseassessment zugewiesen. Dies ermöglichte es allen Schüler*innen sich gesundheitsrelevantes Wissen anzueignen und ihre Gesundheitskompetenz zu stärken.

Das ADT wurde mit 1113 Schüler*innen (IG n=681, KG n=432) in einem kontrollierten Prä-Post-Test-Design evaluiert. Erhoben wurden, die allgemeinen Gesundheitskompetenz (Kurzversion des HLS-EU-Fragebogens), die internetbezogene Gesundheitskompetenz (eHEALS; Norman & Skinner, 2006), die kritische Gesundheitskompetenz (Pilotversion des CLAIM; Steckelberg et al., in Vorbereitung) und das Gesundheitswissen der Schüler*innen vor und nach der Arbeit im ADT.

Ergebnisse

Ergebnisse der Varianzanalyse mit Messwiederholung zeigten, dass sich die IG hinsichtlich der internetbezogenen Gesundheitskompetenz im Vergleich zur KG signifikant verbesserte (F(1, 511)=16.36, p<.001, part. η²=.031). Auch hinsichtlich des Gesundheitswissens verbesserte sich die IG im Vergleich zur KG signifikant (F(1, 512)=8.06,p<.005, part. η²=.016).

Kein signifikanter Unterschied zeigte sich bei der allgemeinen und kritischen Gesundheitskompetenz.

Schlussfolgerung

Das ADT ermöglichte eine Stärkung der internetbezogene Gesundheitskompetenz der IG. Dies ist besonders relevant, da Kinder vermehrt Gesundheitsinformationen aus dem Internet beziehen. Ebenso konnte das Gesundheitswissen gestärkt werden, das die Basis für gesundheitsbezogene Entscheidungen darstellt.

Keine signifikanten Verbesserungen zeigten sich bei der allgemeinen und der kritischen Gesundheitskompetenz. Dies könnte darauf zurückzuführen sein, dass die Lehrkräfte nicht ausreichend auf das Programm vorbereitet waren. Es ist anzunehmen, dass kritische Gesundheitskompetenz vor allem dann umfassend gefördert werden kann, wenn die Lehrpersonen in diesem Bereich kompetent sind und entsprechende Inhalte aus dem ADT im Regelunterricht aufgreifen.

Literaturangaben

Norman, C. D., & Skinner, H. A. (2006). eHEALS: The eHealth Literacy Scale. Journal of Medical Internet Research, 8(4), e27. https://doi.org/10.2196/jmir.8.4.e27

Okan, O., Pinheiro, P., Zamora, P., & Bauer, U. (2015). Health Literacy bei Kindern und Jugendlichen : Ein Überblick über den aktuellen Forschungsstand. Bundesgesundheitsblatt, Gesundheitsforschung, Gesundheitsschutz, 58(9), 930–941. https://doi.org/10.1007/s00103-015-2199-1

Interessenkonflikte

keine

Stichwörter: Health Literacy, Sekundarstufe I, adaptives digitales Trainingsprogramm
PS-4-09

Wie gut ist die Studienlage für wichtige Behandlungsentscheidungen im Krankenhaus? (#146)

M. Debrouwere1, A. Rummer1, D. Tafelski1, C. Knauff1, F. Geiger2, K. Wehkamp2, U. Rüffer3, F. Scheibler1, M. Danner1

1 Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Campus Kiel, Sonderprojekt SDM, Köln, Nordrhein-Westfalen, Deutschland
2 Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Campus Kiel, Sonderprojekt SDM, Kiel, Schleswig-Holstein, Deutschland
3 TAKEPART Media + Science GmbH, Köln, Nordrhein-Westfalen, Deutschland

Hintergrund/Fragestellung

Im Rahmen der Implementierung des SHARE TO CARE-Programms am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH), Campus Kiel werden 83 evidenzbasierte Entscheidungshilfen erstellt. Die vorliegende Arbeit beschreibt systematisch die Breite und Charakteristika der Evidenzgrundlage für die bislang erstellten 66 Entscheidungshilfen und benennt Herausforderungen bei der Erstellung.

Methoden

Die Themen der 66 Entscheidungshilfen wurden am UKSH mit den jeweiligen Klinikern entsprechend ihrer Häufigkeit, Präferenzsensitivität und Versorgungsrelevanz festgelegt. Die themenspezifischen Evidenzberichte, die auf einer systematischen Literaturrecherche und –auswertung beruhen, wurden retrospektiv ausgewertet. Es wurden Studientyp, Evidenzniveau und weitere Charakteristika der Evidenz extrahiert. Zusätzlich wurde erhoben, welche Implikationen die Evidenzgrundlage für die Erstellung der Entscheidungshilfen hatte.

Ergebnisse

Für 9 der 66 Themen war keine eigene Evidenzrecherche erforderlich, weil beispielsweise bereits aufbereitete Evidenz aus anderen Institutionen vorlag (z. B. Verwendung des ARRIBA Tools und dessen zu Grunde liegende Evidenz bei der Erstellung einer Entscheidungshilfe zu dem Thema Bluthochdruck).
Für 6 der übrigen 57 Themen lagen evidenzbasierte Leitlinien (S3 oder europäische Leitlinien) oder systematische Übersichtsarbeiten von direkt vergleichenden Studien vor. Für 31 Fragestellungen mussten wegen fehlender Evidenzsynthesen vergleichende Interventions- und einarmige Beobachtungsstudien kombiniert werden, wodurch die Ergebnissicherheit deutlich reduziert wurde. Bei 6 Themen lagen nur wenige einarmige oder gar keine Studien vor. Resultierende Herausforderungen waren zum Beispiel Probleme bei der Quantifizierung und verständlichen Darstellung von Nutzen- und Schadensaspekten. Außerdem beruhten indirekte Vergleiche teilweise auf Studien unterschiedlichen Evidenzniveaus.

Schlussfolgerung

Nur bei 6 der 66 Themen lagen die Daten für Entscheidungshilfen bereits gut aufbereitet vor. Bei den meisten anderen Themen war eine methodische Aufarbeitung erforderlich, um vorhandene Evidenz in allgemeinverständliche Sprache übersetzen und vergleichend darstellen zu können.
Bei der Erstellung von Entscheidungshilfen muss man sich darauf einstellen, aufwendigere indirekte Vergleiche anzustellen und die damit verbundene niedrigere Ergebnissicherheit in Kauf nehmen. Studien oder Evidenzsynthesen, die aktuell verfügbare Behandlungsalternativen direkt vergleichen, sind dringend erforderlich.

Literaturangaben

Danner M, Geiger F, Wehkamp K, Rueffer JU, Kuch C, Sundmacher L, et al. Making shared decision-making (SDM) a reality: protocol of a large-scale long-term SDM implementation programme at a Northern German University Hospital. BMJ Open. 2020;10(10):e037575.
https://www.uksh.de/sdm/

Interessenkonflikte

Keine

Stichwörter: Shared Decision Making, Entscheidungshilfen, Evidenzgrundlage
PS-4-10

Entwicklung einer PIM-Liste für den deutschsprachigen Raum - Unterschiede in der Einschätzung von potenziell inadäquaten Medikamenten für ältere Menschen zwischen österreichischen und deutschen Expert*innen (#188)

E. Klager1, M. Moussa1, M. Cichocki1, M. Gomez Pellin1, E. Mann2, T. Mathes3, D. Pieper3, P. Thürmann4, N. Mann4, A. C. Sönnichsen1

1 Medizinische Universität Wien, Abteilung für Allgemeinmedizin, Wien, Wien, Österreich
2 Paracelsus Medizinische Privatuniversität, Abteilung für Allgemein-, Familien- und Präventivmedizin, Salzburg, Salzburg, Österreich
3 Universität Witten/Herdecke, Institut für Forschung in der Operativen Medizin (IFOM), Köln, Nordrhein-Westfalen, Deutschland
4 Universität Witten/Herdecke, Lehrstuhl für Klinische Pharmakologie, Wuppertal, Nordrhein-Westfalen, Deutschland

Hintergrund/Fragestellung

Für viele Medikamente sind Nutzen und Risiken bei Älteren unklar, da diese oft in Zulassungsstudien nicht eingeschlossen werden. Daher werden manche Medikamente als „potentially inappropriate medication“ (PIM) für Ältere klassifiziert. Für ein Update der deutschen und österreichischen PIM-Listen soll eine zweistufige Delphi-Befragung von österreichischen und deutschen Expert*innen durchgeführt werden. Ziel der vorliegenden Studie ist es, Unterschiede zwischen deutschen und österreichischen Expert*innen zu analysieren.

Methoden

Für das Delphi-Verfahren wurden 76 Expert*innen aus D und 20 aus A eingeladen. In der ersten Runde wurde diesen eine umfangreiche Liste von Wirkstoffen vorgelegt sowie Hinweise auf internationale PIM-Listen, Auszüge der Arzneimitteldatenbank Micromedex, Studien und systematische Reviews. Pro Wirkstoff sollte eine Bewertung auf einer Likert-Skala abgegeben werden (von 1 = „Ich stimme vollkommen zu, dass dieser Wirkstoff ein PIM ist“ bis 5 = „Ich stimme überhaupt nicht zu“). Zudem war es möglich, Anmerkungen zur Therapiedauer und Dosierung zu machen. Aus den Likert-Bewertungen wurde für jeden Wirkstoff der Mittelwert gebildet, einmal über alle Bewertungen und nach Ländern getrennt. Eine Einstufung als PIM erfolgte, wenn das vollständige 95% Konfidenzintervall (KI) unter 3 liegt. Wirkstoffe, bei denen das KI 3 einschloss, werden in der zweiten Delphi-Runde nochmals beurteilt. Die Bewertungen der Expert*innen aus D und A werden verglichen.

Ergebnisse

Die erste Runde umfasst 39 Bewertungen aus D und 15 aus A für 251 Wirkstoffe. Die deutschen Expert*innen bewerteten 160 Wirkstoffe als PIM, die österreichischen nur 98. Nur 89 Wirkstoffe wurden sowohl in Österreich als auch in Deutschland als PIM eingestuft. Bei 93 Wirkstoffen umfasste das KI des Gesamtergebnisses den Wert 3, sodass diese Wirkstoffe den Expert*innen in der zweiten Delphi-Runde erneut vorgelegt werden. Die Ergebnisse der zweiten Runde und die endgültige Klassifizierung als PIM werden bis zum Kongress vorliegen.

Schlussfolgerung

In der ersten Delphi-Runde zeigten sich deutliche Unterschiede in den Bewertungen der Expert*innen aus D und A bei der Einstufung von Medikamenten als PIM, die allerdings teilweise auf die unterschiedlich weiten Konfidenzintervalle aufgrund der niedrigeren Expertenzahl in Österreich zurückzuführen sind. Das Ergebnis der zweiten Delphi-Runde wird zeigen ob die unterschiedliche Bewertung aufgelöst werden kann.

Literaturangaben

Interessenkonflikte

Das Projekt wird in Österreich vom Dachverband der österreichischen Sozialversicherungen und in Deutschland vom BMBF mit Förderkennzeichen 01KX1812 gefördert.
Die Autor*innen haben keine weiteren für die Thematik des Beitrags relevanten Interessenkonflikte.

Stichwörter: Potentielle inadäquate Medikamente, PIM, Patientensicherheit, Ältere
PS-4-11

Personalisiertes Selbstmanagement Unterstützungsprogramm (P-SUP) für chronisch Kranke zur Steigerung der Gesundheitskompetenz und langfristigen Verhaltensänderung (#192)

L. Giesen1, H. Könnecke1, J. Goetz1, D. Simic1, S. Stock1, I. van der Arend2, C. Funke3, L. Pilic4, M. Heßbrügge-Bekas5, K. Majjouti6, F. Vitinius7, A. Sönnichsen8, C. Lendt9, J. Kleinert10, U. Konerding11, M. Redaèlli1

1 Universitätsklinikum Köln, Institut für Gesundheitsökonomie und Klinische Epidemiologie,, Köln, Deutschland
2 Universitätsklinikum Aachen, Lehrgebiet Allgemeinmedizin, Aachen, Deutschland
3 Heinrich-Heine- Universität Düsseldorf, Institut für Allgemeinmedizin (ifam), Centre for Health and Society (chs), Medizinische Fakultät, Düsseldorf, Deutschland
4 Universitätsklinikum Köln, Schwerpunkt Allgemeinmedizin der Medizinischen Fakultät, Köln, Deutschland
5 Universitätsklinikum Essen, Institut für Allgemeinmedizin, Essen, Deutschland
6 Universitätsklinikum Bonn, Institut für Hausarztmedizin, Bonn, Deutschland
7 Uniklinikum Köln, Klinik und Poliklinik für Psychosomatik und Psychotherapie, Köln, Deutschland
8 Medizinische Universität Wien, Abteilung für Allgemeinmedizin und Familienmedizin, Zentrum für Public Health, Wien, Österreich
9 Deutsche Sporthochschule Köln, Abteilung Bewegungsorientierte Präventions- und Rehabilitationswissenschaften, Köln, Deutschland
10 Deutsche Sporthochschule Köln, Abteilung Gesundheit und Sozialpsychologie, Köln, Deutschland
11 Universität Bamberg, Trimberg Research Academy, Bamberg, Deutschland

Hintergrund/Fragestellung

Mit den Disease Management Programmen (DMP) wurden flächendeckend die evidenzbasierten Nationalen Versorgungsleitlinien (NVL) in die Regelversorgung implementiert und somit die Ergebnisqualität verbessert. Im Bereich des Selbstmanagements und bei Unterstützungsangeboten für PatientInnen mit besonderem Bedarf besteht jedoch Verbesserungspotenzial. Ziel von P-SUP ist, anhand eines strukturierten Selbstmanagement Programms mit gestufter, risikostratifizierter Unterstützung die Gesundheitskompetenz und Lebensqualität von PatientInnen mit Diabetes Mellitus Typ 2 und / oder KHK zu verbessern.

Methoden

Das Projekt ist als RCT für ca. 1.700 PatientInnen konzipiert. Die Interventionsgruppe erhält 4 Komponenten: 1.) angeleitete Peer-Support Gruppen mit wöchentlichen Bewegungstreffen und monatlichen Expertentreffen zu krankheitsrelevanten Themen, 2.) eine speziell entworfenen Online-Plattform, auf der evidenzbasierte Informationen und Verhaltensänderungstechniken zur Verfügung gestellt werden, 3.) personalisierte Feedbackberichte, die den Verlauf von krankheitsbezogenen Parametern darstellen und ein informiertes Feedbackgespräch mit dem Hausarzt ermöglichen und 4.) Telefoncoaching (TC) für PatientInnen mit Unterstützungsbedarf aufgrund von niedriger Gesundheitskompetenz und / oder niedrigem Aktivierungsgrad. Im Rahmen des TC werden u.a.
Motivational Interviewing und Shared Decision Making angewandt. Das TC wird in vordefinierten Abständen über den gesamten Interventionszeitraum von 18 Monaten hinweg durchgeführt, um die Intentionsumsetzung, langfristige Stabilisierung und Erhaltung der Patientenaktivierung sicherzustellen. Die Kontrollgruppe erhält die derzeitige Regelversorgung. Im Rahmen der Evaluation erfolgen per Fragebogen zu T0 (Beginn), T1 (9. Monat) und T2 (18. Monat) Messungen zu biomedizinischen, psychologischen und soziologischen Aspekten.

Vorläufige/erwartete Ergebnisse, Ausblick

Eine Verminderung von Krankenhausaufenthalten (primärer Endpunkt), sowie Verbesserungen in den Bereichen Gesundheitskompetenz, Aktivierung und Lebensqualität werden erwartet.

Die Kombination von vier Einzelkomponenten, deren Effektivität wissenschaftlich mehrfach belegt wurde, soll die Effektivität der DMPs steigern. In einer nachgelagerten Interventionsphase werden die Erkenntnisse des vom G-BA geförderten Projektes direkt umgesetzt und für die Regelversorgung getestet. Der Aufbau des Projektes ist so konzipiert, dass es sowohl analog als auch digital durchgeführt werden kann.