EbM 2021
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Vorträge: Patient*innenzentrierte evidenzbasierte Gesundheitsversorgung II

Moderatoren: Steckelberg, Anke, Professor (Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Medizinische Fakultät, Institut für Gesundheits- und Pflegewissenschaft, Deutschland)
 
Shortcut: V-7
Datum: Freitag, 26. Februar 2021, 13:30 - 15:00
Raum: Session
Sessiontyp: Vortrag

Abstract

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13:30 V-7-01

Evaluation eines Programms zur Routineimplementierung der Partizipativen Entscheidungsfindung in der Onkologie: Eine Stepped Wedge cluster-randomisierte Studie (#136)

I. Scholl1, P. Hahlweg1, A. Lindig1, W. Frerichs1, J. Zill1, H. Cords1, M. Härter1, L. Kriston1

1 Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, Institut und Poliklinik für Medizinische Psychologie, Hamburg, Hamburg, Deutschland

Hintergrund/Fragestellung

Partizipative Entscheidungsfindung (PEF) ist in der Krebsversorgung besonders wichtig und wird von einem Großteil der Patient*innen gewünscht. Trotz wissenschaftlicher Evidenz und der Förderung auf gesundheitspolitischer Ebene wird PEF in der Routineversorgung bisher jedoch wenig umgesetzt. Ziel dieser Implementierungsstudie war es ein empirisch und theoretisch fundiertes Implementierungsprogramm zur Förderung von PEF in der onkologischen Versorgung zu evaluieren.

Methoden

Ein Stepped Wedge Design, eine Variante der cluster-randomisierten Studie, wurde genutzt. Die drei teilnehmenden Kliniken eines onkologischen Spitzenzentrums wurden randomisiert und erhielten zeitversetzt ein Implementierungsprogramm aus sechs Bausteinen (Behandlerschulungen, individuelle Coachings, Entscheidungsmaterialien, Patientenaktivierung, Reflexionstreffen zu Tumorboards, Überarbeitung der Qualitätsmanagementdokumente)1. Die Ergebnisevaluation umfasste vier Messzeitpunkte. Primärer Endpunkt war Umsetzung von PEF aus Patient*innensicht, gemessen mittels des Fragebogens zur Partizipativen Entscheidungsfindung (PEF-FB-9). Als weitere Implementierungsoutcomes wurden u.a. Implementierungsbereitschaft und Durchdringung erhoben. Die Prozessevaluation umfasste qualitative Interviews, Feldnotizen und quantitative Dokumentation von Reichweite (engl. reach) und Umsetzungstreue (engl. fidelity).

Ergebnisse

Die Implementierungsphasen und alle Datenerhebungen sind abgeschlossen. Über alle Messzeitpunkte wurden Fragebogendaten von N=2131 Patient*innen und N=412 Behandelnden erhoben. An den Schulungen haben abhängig von der Klinik 33-80% der Behandelnden (insg. N=173) teilgenommen; an den Coachings waren es 43-60% der Ärzt*innen (insg. N=57). Entscheidungsmaterialien und Materialien zur Patientenaktivierung wurden in allen Bereichen verteilt. Die Überarbeitung der Qualitätsmanagementdokumente und Reflexion der Tumorboardsitzungen auf Organisationsebene benötigte teils mehr Zeit als die jeweilige Implementierungsphase vorsah. Finale Ergebnisse der Prozess- und Ergebnisevaluation werden auf dem Kongress präsentiert.

Schlussfolgerung

Die Prozessevaluation liefert belastbare Einblicke dazu, wie ein umfassendes Implementierungsprogramm zur Förderung von PEF in onkologischen Spitzenzentren in Deutschland umgesetzt werden kann. Es wird sich in der Ergebnisevaluation zeigen, ob die Reichweite (reach) hinreichend war, um PEF zu fördern.

Literaturangaben

  1. Scholl I*, Hahlweg P*, Lindig A, Bokemeyer C, Coym A, Hanken H, Müller V, Smeets R, Witzel I, Kriston L, Härter M. Evaluation of a program for routine implementation of shared decision-making in cancer care: study protocol of a stepped wedge cluster randomized trial. Implementation Science. 2018;13(1):5

Interessenkonflikte

Keine

Stichwörter: Partizipative Entscheidungsfindung, Shared Decision Making, Implementierungsforschung, Versorgungsforschung, Onkologie
13:45 V-7-02

„Was ist für Sie wichtig?“ – Berücksichtigung der Betroffenenperspektive bei der Bearbeitung ethischer Aspekte im Health Technology Assessment (HTA) (#120)

M. Mertz1, A. Schnarr1, H. Kahrass1

1 Medizinische Hochschule Hannover, Institut für Geschichte, Ethik und Philosophie der Medizin, Hannover, Niedersachsen, Deutschland

Hintergrund/Fragestellung

Der allgemeinen Tendenz hin zu Bürger*- und Patient*innenpartizipation folgend, strebt Health Technology Assessment (HTA) neben „harter“ Evidenz zu Nutzen-/Schadenspotentialen und Kosteneffektivität auch danach, die Werte und Präferenzen von Betroffenen systematisch einzubeziehen. Bei unserer Bearbeitung der Ethik-Domänen von zwei HTA-Berichten (HT17-01, HT19-02) im Auftrag des ThemenChecks (IQWiG) stellte sich die Frage, wie genau die Betroffenenperspektive berücksichtigt werden soll, da eine solche Berücksichtigung bei ethischen Aspekten vorgesehen ist. Denn die dabei verfolgten Ziele reichen von der Identifizierung (weiterer) ethischer Aspekte bis zur Einschätzung der Relevanz von bereits erarbeiteten Bewertungskriterien. Entsprechend vielfältig sind die Methoden, die zum Einsatz kommen können.

Methoden

Für beide HTA-Berichte wurde zunächst systematisch Literatur gesucht. Ergänzend wurden Interviews durchgeführt und Informationen von Selbsthilfegruppen ausgewertet. Ziel war jeweils die Identifizierung (weiterer) ethischer Aspekte. Für die Bewertung der Relevanz bestehender Aspekte bzw. Bewertungskriterien wurde 1) eine erneute Analyse der Interviews (HT17-01) sowie 2) eine Fokusgruppe mit u.a. Expert*innen für Patienteninformationen (HT17-01, HT19-02) oder aber 3) eine Online-Umfrage (HT19-02) durchgeführt.

Ergebnisse

Betroffene beschrieben ethische Aspekte, die in der ausgewerteten Literatur nicht gefunden wurden. Dennoch hat sich das Durchführen von einzelnen Interviews (n=6) als nicht so gewinnbringend gezeigt wie andere Methoden. Die größten Herausforderungen sind a) die Rekrutierung geeigneter Betroffener und b) der Umgang mit Schilderungen, wenn diese stark durch ein Einzelschicksal geprägt sind (schwierige Verallgemeinerbarkeit). Die Auswertung des Materials der Selbsthilfe war lohnender, wobei dies von der Qualität des Materials abhängig ist. Die Bewertung von Aspekten oder Kriterien durch Betroffene, insbesondere über Umfragen, fügt der Ethik-Domäne hingegen eine wertvolle Information hinzu, die durch keine andere Methode gewonnen werden kann.

Schlussfolgerung

Die Berücksichtigung der Betroffenenperspektive ist für ethische Aspekte sinnvoll. Dabei scheinen die Bestimmung der Ziele (was soll damit erreicht werden?) und die Auswahl der adäquaten Methoden (qualitativ/quantitativ etc.) die zentralen Fragen zu sein, die vorab zu klären sind. Zusammenfassend ist der Zugang zu bzw. die Rekrutierung von Betroffenen der kritischste Moment bei der Berücksichtigung der Betroffenenperspektive.

Literaturangaben

Hagen et al (2019) HT17-01: Lippen-Kiefer-Gaumenspalte: Führt die Anwendung der Nasoalveolar-Molding-Methode vor einer Operation zu besseren Ergebnissen? IQWiG. URL: https://www.themencheck-medizin.iqwig.de/de/hta-berichte/01-ht17-01-lippen-kiefer-gaumenspalte-fuehrt-die-anwendung-der-nasoalveolar-molding-methode-vor-einer-operation-zu-besseren-ergebnissen.88.html

Gorenoi et al (in Bearbeitung) HT19-02: Schmerzen bei Endometriose: Helfen anstelle von Schmerzmedikamenten auch andere Verfahren? IQWiG. URL: https://www.themencheck-medizin.iqwig.de/de/hta-berichte/66-ht19-02-schmerzen-bei-endometriose-neubildung-der-gebaermutterschleimhaut-helfen-anstelle-von-schmerzmedikamenten-auch-andere-verfahren.201.html

Interessenkonflikte

Die Autor*innen geben an, dass keine Interessenskonflikte bestehen.

Stichwörter: Health Technology Assessment, Ethik, Partizipation, Patient*innenzentrierung, Betroffenenperspektive
14:00 V-7-03

Bluttest auf Trisomien: Entwicklung von Versicherteninformationen (#50)

D. Fechtelpeter1, M. Schröer-Günther1, B. Zschorlich1, S. Keller1, K. Koch1

1 Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen, Gesundheitsinformation, Köln, Deutschland

Hintergrund/Fragestellung

Die Kosten des nicht invasiven Pränataltests (NIPT) auf Trisomien 13, 18 und 21 sollen im Rahmen der Diagnostik der Trisomien 13, 18 und 21 künftig von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen werden. Diese Entscheidung des Gemeinsamen Bundesauschuss (G-BA) wurde durch eine teils kontrovers geführte öffentliche Debatte begleitet. Der G-BA hat das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) mit der Erstellung von Versicherteninformationen zur Pränataldiagnostik beauftragt, die schwangere Frauen und ihre Partner über den NIPT informieren und die ärztliche Aufklärung unterstützen sollen. Die Materialien umfassen eine Kurzversion, die allgemein über die Methoden der Pränataldiagnostik aufklärt, sowie eine ausführlichere Broschüre spezifisch zum NIPT.

Methoden

Die Erstellung der Versicherteninformationen folgte den Methoden und Prozessen des IQWiG zur Erstellung von Gesundheitsinformationen. Die ersten Textentwürfe wurden qualitativ im Rahmen von 10 Interviews mit Paaren und 15 Interviews mit Expertinnen und Experten getestet. Ein öffentliches Stellungnahmeverfahren schloss sich an. Die im Zuge des Verfahrens überarbeiteten Versionen durchliefen abschließend eine quantitative Nutzertestung mit etwa 1000 Teilnehmenden. Die Nutzertestungen sollten primär die Akzeptanz und Verständlichkeit der Materialien evaluieren.

Ergebnisse

Die Materialien wurden im Rahmen der qualitativen Nutzertestung im Wesentlichen als gut verständlich, informativ und hilfreich für die Entscheidungsfindung beurteilt. Im Rahmen des Stellungnahmeverfahrens gab es hilfreiche Änderungsvorschläge, beispielsweise von Behindertenverbänden, kirchlichen Trägern und medizinischen Fachgesellschaften. Diese bezogen sich beispielsweise auf die Darstellung des Lebens mit einer Trisomie. Die Ergebnisse der quantitativen Nutzertestung standen zum Zeitpunkt der Abstracteinreichung noch aus und werden auf der Konferenz ebenfalls berichtet.

Schlussfolgerung

Die Schlussfolgerungen werden nach Abschluss des Projekts (Ende 2020) ergänzt.

14:15 V-7-04

Shared Decision Making (SDM) in der Gynäkologie und Geburtshilfe: Landkarte der Beleglage (#125)

F. Scheibler1, M. Danner1, M. Mayer2, J. Röseler3, M. Debrouwere1, B. Alper4, M. Elessawy3

1 UKSH, Sonderprojekt SDM, Köln, Nordrhein-Westfalen, Deutschland
2 EBSCO Health, Ipswich, Massachusetts, Vereinigte Staaten von Amerika
3 UKSH, Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe, Kiel, Schleswig-Holstein, Deutschland
4 Computable Publishing LLC, Ipswich, Vereinigte Staaten von Amerika

Bonnie Johnson, Mary Bradlee und Charlotte Lidrbauch EBSCO Health

Hintergrund/Fragestellung

Im Rahmen der Implementierung des SHARE TO CARE-Programms am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH), Campus Kiel, entwickeln wir verschiedene Methoden, um den Stand der Forschung und mögliche „weiße Flecken“ im Bereich des SDM aufzudecken. Die vorliegende Arbeit befasst sich mit SDM-Studien in der Gynäkologie und Geburtshilfe.

Methoden

In einer systematischen Literaturrecherche wurden im Mai 2020 in der Datenbank PubMed alle Arbeiten identifiziert, die die Suchbegriffe „Shared Decision Making“ und Synonyma sowie die Suchbegriffe Gynäkologie bzw. Geburtshilfe, ihre Teildisziplinen oder Synonyma enthielten. Die Treffer wurden von 2 Reviewern unabhängig voneinander gescreent und ausgewertet.

Ergebnisse

Nach Entfernung von Duplikaten wurden 883 Referenzen identifiziert. Diese wurden nach Titeln und Abstracts und anschließend im Volltext gescreent. 610 Arbeiten wurden für die vorliegende Fragestellung eingeschlossen. Die meisten Arbeiten fanden sich im Bereich der Gynäkologischen Onkologie (312) gefolgt von der Geburtshilfe (163). Die wenigsten Arbeiten wurden in den Teildisziplinen Urogynäkologie (6) Endometriose (4) und minimalinvasive Operationen (4) identifiziert. Die Fragestellungen der eingeschlossenen Arbeiten befassen sich vornehmlich mit der Ermittlung von Patientenpräferenzen (235), allgemeinen theoretischen Fragen bzw. systematischen Übersichten (160) oder SDM-Interventionen auf Seite der Patienten (81). Selten erforschte Themen / Methoden sind Kohorten- und Beobachtungsstudien (5) und komplexe SDM-Interventionen (9).

Schlussfolgerung

Im Ergebnis kann eine Landkarte der Beleglage im Bereich des SDM in der Gynäkologie und Geburtshilfe – als lebendes Dokument – den Stand der Forschung immer aktuell und transparent zur Verfügung stellen. Diese kann Klinikern wie Forschern einen schnellen Einblick und Einstieg in das Thema verschaffen.

Dies hilft einerseits, sinnvolle Fragestellungen beispielsweise für Entscheidungshilfen zu identifizieren. Andererseits kann damit redundante Arbeit beispielsweise im Bereich der Erforschung von Patientenpräferenzen vermieden werden. Weitere evidenzbasierte Entscheiddungshilfen für Patientinnen sind im Bereich der Gynäkologie und Geburtshilfe dringend erforderlich.

Literaturangaben

Danner M, Geiger F, Wehkamp K, Rueffer JU, Kuch C, Sundmacher L, et al. Making shared decision-making (SDM) a reality: protocol of a large-scale long-term SDM implementation programme at a Northern German University Hospital. BMJ Open. 2020;10(10):e037575.
https://www.uksh.de/sdm/

Interessenkonflikte

Keine

Stichwörter: Shared Decision Making, Gynäkologie, Geburtshilfe, Evidence Map
14:30 V-7-05

Using Information vs. Emotion to Empower Consumers: The Case of COVID19 (#20)

I. Koinig1

1 Universität Klagenfurt, Institut für Medien- und Kommunikationswissenschaften, Klagenfurt, Kärnten, Österreich

Hintergrund/Fragestellung

A pandemic is a unique form of health crisis, which requires intensive communicative efforts. In crisis situations, the government becomes a key actor to obtain compliance on part of the affected population. Particularly during health emergencies, information on preventive measures is most valuable (Covello 2003). With measures often concerning “disruptive actions”, messages have to be carefully crafted to counteract negative emotions and controversial arguments.

Whether individuals act upon the measures recommended by the government depends on the impact associated with the health risk and their ability to make sense of the information. Governments are, therefore, called upon to tailor their communications to individual requirements and information needs (Rousseau et al. 2015). Hence, message specifics and audience specifics need to receive consideration.

Methoden

The aim of this study is twofold: In a first step, the study will look at which message appeal (informative vs. emotional) is not only perceived more favorably by the Austrian population but which appeal ad also leads to a higher degree of message empowerment. In a second step, the impact of message specifics as well as audience specifics in combination with message specifics on message empowerment will be put to the test.

In total, 337 subjects (M= 30 yrs.) participated in the structured questionnaire.

Ergebnisse

The present study was able to demonstrate that when asked to evaluate different appeal messages, the emotional (visual) appeal message was evaluated more favorably than the informative (textual) appeal message. This result corresponds with previous research, which demonstrated that similarity with the testimonial featured in the emotional appeal message can be a useful tool to increase message effectiveness. The perceived relevance of the message and similarity to the source also led to a higher extent of message empowerment. While message empowerment was enhanced by message specifics, the combination of message and audience specifics was found to influence message empowerment to a lesser extent.

Schlussfolgerung

For practitioners, this finding is of relevance and underlines the fact that in spite of audience specifics, message empowerment can be elevated when message specifics are considered in the message composition and design process respectively. Hence, government officials are advised to invest in message presentation, especially when the problem or risk addressed in this message affects whole populations.

Literaturangaben

Covello, V.T. (2003). Best practices in public health risk and crisis communication. Journal of Health Communication 8(S1), 5-8.

Rousseau, C., Moreau, N., Dumas, M.-P., Bost, I., Lefebvre, S., & Atlani-Duault, L. (2015). Public media communications about H1N1, risk perceptions and immunization behaviors. Public Understanding of Science 24(2), 225.240.

Interessenkonflikte

The study was approved by the Ethics Committee of the University of Klagenfurt. Approval to use the video material was granted by the Austrian Health Ministry.

Stichwörter: health campaign, message appeal, empowerment, crisis communication